Kirchen in Italien Neapels Kirchen bröseln vor sich hin

Das Mobiliar ist gestohlen, die Decke modert: der Heilige Tempel der Scorziata. Foto: Kreiner
Das Mobiliar ist gestohlen, die Decke modert: der Heilige Tempel der Scorziata. Foto: Kreiner

Geplündert und einsturzgefährdet – in der Unesco-Stadt Neapel gleichen viele jahrhundertealte Kirchen Schutthalden. Manche von ihnen sind zu Garagen umfunktioniert worden. Nur wenige Bauten werden mit privaten Geldern saniert.

Korrespondenten: Paul Kreiner (pk)
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Neapel - Durch den Bauzaun, hinter dem keiner baut, führt eine Blechtür. Sie quietscht. Der Begleiter drängt zur Eile. Hier darf eigentlich niemand rein. Der Innenhof ist voll mit verbogenen, rostigen Gerüsten, in hohen Halden liegen verwitterte Latten und Balken wüst durcheinander. Das könnte einmal der Dachstuhl gewesen sein. Es riecht streng nach Moder und nach den Tausenden halb abgebrannten Partyfackeln, welche die Pizzeria gegenüber – die an Neapels lauen Sommerabenden ihre kleine Piazza in so romantisches Licht taucht – mit dem Rest des Gerümpels hier einfach so entsorgt. Verwegene Holzkonstruktionen halten hohe, leere Bogenfenster aufrecht; wer weiß, wie lange noch. Dick hat sich das Moos der Wände und der bröckelnden Treppen bemächtigt, aus den Dachrinnen wächst grüner Farn.

Ein verwaschenes Fresko in der Ecke. Mit Mühe erkennt man betende Figuren vor einem steilen Berg – ist’s der Vesuv? Das lässt sich nicht so leicht erkunden, denn der Begleiter schreit „Vorsicht!“ und zeigt auf das Loch, das durch den wackeligen Balkon aus zwei Stockwerk Höhe direkt ins Nichts führt. Auf die Bretter, die teilweise drüberliegen, will keiner wetten. Auf anderem Weg aber kommt man nicht ins Obergeschoss. Und anders sieht man nicht, was mit dem Heiligen Tempel der Scorziata passiert ist. Seit gut vierhundert Jahren steht diese Kirche mitten in Neapel; Frauen aus dem Adel – darunter der Familie Scorziata – hatten sie als Mittelpunkt eines Schwesternkonvents und Wohnheims für arme Leute gebaut. 140 Zimmer christliche Wohltätigkeit, kommunal weiter betrieben bis 2007, bis die Zwischendecken einstürzten wie bei einem Erdbeben und die letzten Senioren so hastig ausquartiert werden mussten, dass hier noch eine Brille auf der Anrichte liegt, dort der frisch gebürstete Mantel über dem Stuhl hängt und neben der Kochplatte die angebrochene Nudelpackung steht.

Ein bildleerer Hochaltar, gestohlen die Weihwasserbecken

Und die Kirche selbst? Durch die verstaubten Läden im Obergaden sieht man die mutwillig   zerschlagenen Marmorreste eines bildleeren Hochaltars; in den Nischen, früher von Heiligenstatuen und Seitenaltären überbordend gefüllt, das blanke Nichts. Gestohlen die Weihwasserbecken, geklaut die goldgerahmten Werke berühmter neapolitanischer Barockmaler: Solimena, Stanzione; verschwunden mit dem Marmorboden das ganze fromme Mobiliar. Von eindringendem Wasser heruntergewaschen der Stuck, der Boden, alles eine einzige Schutthalde.

Fünf stählerne Abfallcontainer stehen vor dem Portal der Scorziata. Foto: Kreiner
Was noch nicht kaputt war, das hat im Januar 2012 ein Feuer vernichtet, das Jugendliche vor den vierhundert Jahre alten Türen entzündet hatten. Und auch wenn das Portal zur einsturzgefährdeten Scorziata heute mit Zaun und Stahlstützen verrammelt ist, geht das Zerstörungswerk weiter: Neapels Müllabfuhr hat – weil ohnehin keiner mehr durch diese Tür geht – fünf stählerne Abfallcontainer davor platziert. Diese rollen und knallen und kratzen unaufhörlich gegen die Fassade, die aus dem so stadttypischen grauen Piperno-Tuff gehauen ist. „Wir haben’s ihnen schon so oft gesagt“, stöhnt draußen auf dem kleinen Platz ein Anwohner. „Sie müssten sie einfach nur auf die andere Straßenseite stellen. Aber darum kümmert sich keiner.“

Nur 79 Kirchen sind als „aktiv“ gekennzeichnet

Die Scorziata mit den wenig ehrfürchtigen Müllcontainern davor ist nur eines von vielen Beispielen für diesen flächendeckenden Kunstverfall in Neapels Innenstadt. Dort, wo das Straßennetz immer noch dasselbe ist wie in der Antike, wo die Stadtgründer vor 2500 Jahren, die alten Griechen, ihre zentrale Agorà und die Römer danach ihr tempelumstandenes Forum hatten, wo die Welt – laut Unesco – „einen Reichtum ohnegleichen, eine unglaubliche Schaubühne an Kunst, Geschichte und urbanistischer Ausdruckskraft“ geerbt hat, geht mehr als die Hälfte der Kirchen zugrunde. 203 sakrale Gebäude listet die Erzdiözese Neapel für das historische Stadtzentrum auf; als „aktiv“ sind nur 79 Kirchen gekennzeichnet. Bei sechs steht „in Restaurierung“, und beim Rest: „geschlossen“,   „verlassen“, „zugemauert“, „nicht mehr zu erkennen“.




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