Kirchen in Sindelfingen Schwund der Gemeindemitglieder zwingt zur Fusion

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Die Protestanten am Goldberg in Sindelfingen werden bald zur Martinsgemeinde gehören. Der Grund: Die Zahl der Gemeindeglieder sinkt seit Jahren rasant.

Die Martinskirche ist die Hauptkirche in Sindelfingen. Foto: Daniel Moritz
Die Martinskirche ist die Hauptkirche in Sindelfingen. Foto: Daniel Moritz

Sindelfingen - Seit mehr als 20 Jahren ist Petra Ländner Kirchengemeinderätin auf dem Goldberg. In der Versöhnungskirche ist sie für den Kindergottesdienst zuständig. „Als ich anfing, waren wir etwa 3500 Gemeindeglieder“, sagt sie. „Heute sind wir noch knapp 1200.“ In der Kinderkirche säßen sonntags manchmal nur vier Kinder.

Die Konsequenz für die Versöhnungsgemeinde: Sie wird nun mit der großen Martinsgemeinde in der Innenstadt fusionieren. Zusammen mit deren knapp 4000 Gemeindegliedern hat die neue Gemeinde dann etwa 5000 evangelisch Getaufte. Erstaunlich ruhig ist diese Nachricht von den Protestanten aufgenommen worden.

Proteste hat es bisher keine gegeben. Sogar auf einen gemeinsamen Namen hat man sich schnell geeinigt. Der vorgeschlagene Name Stiftskirche fiel durch. Stattdessen votierten die Mitglieder vom Goldbeg zur Freude der Martinsgemeinde für die Übernahme dieses Namens. Denn schließlich sei die Martinskirche in der Innenstadt die Sindelfinger Hauptkirche. Geklärt werden muss aber noch, wie künftig die Gemeindearbeit organisiert wird, wo wann welche Gottesdienste und Veranstaltungen stattfinden. Drei Pfarrstellen sind für die Doppelgemeinde eingeplant.

Viereinhalb Pfarrstellen werden im Kirchenbezirk gestrichen

Notwendig geworden war die Fusion der beiden Gemeinden vor allem wegen der geplanten Reduzierung von Pfarrstellen. Viereinhalb Stellen müssen bis 2024 im Kirchenbezirk Böblingen wegfallen, davon zwei halbe in Sindelfingen. Für weniger Gemeindeglieder werden künftig weniger Pfarrer gebraucht. Es mache daher wenig Sinn, für knapp 1200 Menschen wie auf dem Goldberg eine volle Pfarrstelle vorzusehen, wenn in anderen Gemeinden ein Pfarrer für die doppelte Anzahl von Christen zuständig sei. Eine halbe Pfarrstelle für eine eigenständige Kirchengemeinde geht laut den Richtlinien des Oberkirchenrats in Stuttgart nicht. So blieb nur die Fusion.

Und es ist nicht die erste in Sindelfingen. Bereits vor 15 Jahren wurde die frühere Markusgemeinde der Martinsgemeinde zugeschlagen. Auch andere Gemeinden im Bezirk fusionierten, wie beispielsweise vor 20 Jahren Breitenstein und Neuweiler in Weil im Schönbuch. Als nächste Kandidaten sieht der Dekan Liebendörfer Dachtel und Deufringen. „Die haben nur 800 und 1100 Gemeindeglieder.“ Die Zukunft sehen Kirchenexperten in Gesamtkirchengemeinden für eine Stadt. So könnte es in absehbarer Zeit in Sindelfingen nur noch eine einzige große evangelische Gemeinde geben. Schon jetzt fürchten die beiden anderen Kirchengemeinden, die Christus- und die Johannesgemeinde, die künftig riesige Innenstadtgemeinde an der Martinskirche. Doch der Mitgliederschwund der Kirche scheint nicht zu stoppen.

Kirchenaustritte machen den Kirchengemeinden zu schaffen, aber auch, dass viele Eltern die Kinder nicht mehr taufen lassen. Das führt dazu, dass im einst protestantischen Gebiet rund um Böblingen heute nur noch ein Drittel der Menschen evangelisch ist. „Ein weiteres Drittel ist katholisch, das dritte hat eine andere Religion oder gar keine“, sagt der Böblinger Dekan Liebendörfer. Von einst 74 000 im Jahr 2000 auf mittlerweile 60 000 ist die Zahl der Menschen evangelischen Glaubens im Kirchenbezirk Böblingen geschrumpft.

Auf dem Flugfeld ist nur jeder dritte Bewohner Mitglied einer Kirche

In manchen Gebieten schreitet diese Entwicklung aber noch schneller voran, vor allem in Neubaugebieten auf dem Flugfeld. „Hier gehört nur ein Drittel der Bewohner einer der christlichen Kirchen an“, sagt der Dekan. Rasant ist auch der Schwund auf dem Goldberg. „Bei uns gibt es einen großen Wechsel mit vielen Zu– und Wegzügen,“ sagt Petra Ländner. „Wenn die Kinder groß sind, ziehen viele Familien wieder weg von den Schulen hier.“ Junge Familien, die nachkämen, seien zumeist nicht sehr kirchenorientiert.

Weitere Zusammenlegungen scheinen daher unvermeidlich. Laut Oliver Hoesch, Pressesprecher der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, sind Fusionen von Kirchengemeinden vor allem in Wahljahren ein Thema. „Immer wenn die Wahl eines Kirchengemeinderats ansteht, werden solche Fusionen vorangetrieben, damit es gleich ein Gremium für die neue Gemeinde gibt.“ Auch am Ende dieses Jahres stehen wieder Wahlen an.