Kirchenaustritte Wie Christen zur Minderheit wurden

In den Kirchen wird es immer leerer. Foto: frankphoto.de/K.-H. Frank

Die Säkularisierung schreitet in rasantem Tempo voran. In den meisten Bundesländern sind die meisten Bürger nicht mehr Mitglied einer christlichen Kirche. Das wirft existenzielle Fragen für das Sozialgefüge auf.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Seit vergangenem Jahr ist das Christentum in Deutschland nicht mehr mehrheitsfähig. Bundesweit bekennen sich inzwischen weniger als die Hälfte der Menschen zu einer christlichen Konfession. Bei der Wiedervereinigung vor einer Generation waren es noch fast drei Viertel. Vor allem im Osten und in den Stadtstaaten ist die Säkularisierung weit vorangeschritten. In den neuen Bundesländern liegt der Anteil der Kirchenmitglieder zwischen 14,3 (Sachsen-Anhalt) und 27 Prozent (Thüringen) der Bevölkerung. Mehrheitlich von Christen bewohnt sind die westlichen Flächenländer mit Ausnahme von Schleswig-Holstein. Den höchsten Anteil von Kirchenmitgliedern gibt es im Saarland (69,6 Prozent).

 

Das Kirchenvolk der Protestanten ist schneller geschrumpft als das der Katholiken. 1990 waren noch 36,9 Prozent der Bundesbürger evangelischer Konfession, inzwischen sind es 23,7 Prozent. Katholiken waren damals 35,4 Prozent, gegenwärtig sind es noch 26 Prozent. Diese Zahlen werden vom Statistischen Bundesamt gar nicht mehr erhoben. Die Konfessionszugehörigkeit wurde letztmals im Rahmen der Volkszählung 1987 offiziell registriert. Die hier genannten Daten beruhen auf Angaben der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und der Katholischen Bischofskonferenz, welche die Online-Plattform Kirchenaustritt.de zusammengetragen hat. Demnach haben beide großen Konfessionen bei steigender Einwohnerzahl in Deutschland jeweils mehr als eine halbe Million Mitglieder verloren. Nach Studie der Bertelsmann-Stiftung („Religionsmonitor 2023“) glauben nur noch 38 Prozent an Gott, vor zehn Jahren war es noch fast die Hälfte. 41 Prozent der Menschen unter 24 sind nach eigenem Bekunden fest entschlossen zum Kirchenaustritt.

Welche Folgen hat die Kirchflucht für das Sozialsystem?

Die nicht christliche Bevölkerung teilt sich auf in etwa sieben Prozent Muslime, ein Prozent Angehörige anderer Religionsgemeinschaften und 42 Prozent Konfessionslose. Da die Muslime meist nicht in öffentlich-rechtlichen Körperschaften organisiert sind, lässt sich ihre Zahl nur schätzen.

Die Mitgliederflucht aus den christlichen Kirchen wird nicht ohne Folgen bleiben. Katholische und evangelische Träger betreiben bundesweit Kliniken, Pflegeheime, Kitas und andere Einrichtungen der Sozialfürsorge. So unterhalten der Deutsche Evangelische Krankenhausverband und der Katholische Krankenhausverband ein Viertel aller Allgemeinkrankenhäuser. Dort gibt es 138 000 Betten (bundesweit insgesamt knapp 500 000). Fast ein Drittel aller Klinikpatienten wurde in einem Krankenhaus unter christlicher Trägerschaft behandelt. Für den Betrieb dieser Häuser schießen die Kirchen kein Geld zu. Die Immobilien befinden sich aber im Besitz christlicher Organisationen, Investitionen werden zwar aus Steuergeld bezuschusst, aber teils auch von den Trägern finanziert.

Laut EKD betreiben die beiden Kirchen auch etwa die Hälfte aller Kitas bundesweit, 29 Prozent werden unter katholischer Regie, 21 Prozent unter evangelischer geführt. Dort werden 540 000 Kinder von 62 000 Mitarbeitern betreut. Der Finanzierungsanteil der Kirchen liegt laut EKD zwischen fünf und 30 Prozent der Betriebskosten. Gebäude und Gelände befinden sich allerdings meist in Kirchenbesitz.

Christliche Wohlfahrtsverbände wie Diakonie und Caritas sind zudem stark in der Altenpflege und in der Jugendhilfe engagiert. Sie beschäftigen in der Branche 1,8 Millionen Menschen. Die Diakonie betreibt zum Beispiel 3000 Seniorenheime mit 180 000 Plätzen, die Caritas bundesweit nach eigenen Angaben fast 25 000 Einrichtung mit mehr als einer Million Plätzen und Betten. Diese Institutionen finanzieren sich allerdings großteils aus Zuschüssen und Spenden.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Christentum