Kehrt zurück zu seinen beruflichen Anfängen: Der scheidende Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Esslingen, Bernd Weißenborn, arbeitet bald wieder als Pfarrer. Foto: Roberto Bulgrin
Bernd Weißenborn, der evangelische Dekan des Kirchenbezirks Esslingen, nimmt seinen Hut. Vor seinem Eintritt in den Ruhestand gibt er sein Amt ab und kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Im Interview äußert er sich zu den Gründen und seinen künftigen Aufgaben.
Das große Bücherregal in seinem Büro in der Augustinerstraße hat er bereits weggeräumt. Die vielen Bilder an den Wänden sind verschwunden, und das Klingelschild an der Dienstwohnung wurde abmontiert. Bernd Weißenborn sitzt auf gepackten Koffern. Die Dienstzeit des evangelischen Dekans im Kirchenbezirk Esslingen geht zu Ende.
Ihre Dienstwohnung haben Sie geräumt. Ist es für Sie ein Abschied auf Raten?
Ja, so ist es. Meine Frau und ich sind zu Anfang des Jahres 2024 von der Dienstwohnung beim Dekanatsamt in der Augustinerstraße in eine Wohnung in Sulzgries umgezogen. Wir wollten auch nach Ende meiner Dienstzeit in Esslingen bleiben, weil wir uns hier heimisch und verwurzelt fühlen. Vieles habe ich auch im Büro schon aus- und weggeräumt. Aber ich werde bis zum letzten Arbeitstag meinen Verpflichtungen nachkommen.
Wie lange sind Sie noch im Amt?
Dienstende ist offiziell Ende Februar. Doch ich habe noch Resturlaub und werde vom 14. bis 26. Januar an einer christlichen Bildungsreise des Kinderhilfswerks Nethanja nach Indien teilnehmen. Ab Samstag, 1. März, werde ich mit der Vertretung der geschäftsführenden Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Waldenbuch im Dekanat Böblingen bis längstens zu meinem Ruhestand beauftragt.
Die Restaurierung der Stadtkirche St. Dionys fiel in die Amtszeit von Dekan Bernd Weißenborn. Foto: Robin Rudel
Ist es nicht schwierig, von einer Chefposition als Dekan heraus zurück in den Pfarrdienst zu wechseln?
Das wird sicher zu einer Herausforderung. Aber die Vertretungsstelle übernehme ich auf eigenen Wunsch hin. Ich wollte zum Schluss nochmals zurück zu meinen beruflichen Wurzeln und wieder das tun, wofür ich als junger Pfarrer angetreten bin. Ich werde pastorale Aufgaben wie Gottesdienste, Trauungen und Beerdigungen übernehmen. Es ist ein Mehr an Basisarbeit, aber weniger Verantwortung in leitender Position. Der Abschied fällt mir dennoch schwer.
Aber Sie gehen auf eigenen Wunsch noch vor Ihrem regulären Eintritt in den Ruhestand?
Das stimmt. Ich wurde durch die letzte Dekanatswahl 2022 im Amt bestätigt, und mein Ruhestand beginnt regulär im August 2026. Aber am Ersten Advent 2025 finden Kirchengemeinderatswahlen statt, und da wollte ich durch meinen Weggang nicht noch zusätzlich für eine Umbruchsituation sorgen. Zudem steht das Zusammengehen mit dem Kirchenbezirk Bernhausen in Filderstadt an. Dieser Schritt soll unter stabilen personellen Verhältnissen über die Bühne gehen.
Das Verfahren ist eröffnet, die Stelle wurde bereits ausgeschrieben. Es besteht von Bewerberseite her Interesse daran. Ein 41-köpfiges Besetzungsgremium, dem auch Mitglieder des Stadtkirchengemeinderats, des Kirchenbezirksausschusses, des Gesamtkirchengemeinderats und der Bezirkssynode angehören, werden über eine Neubesetzung entscheiden. Ich gehe davon aus, dass die Stelle bis Mitte dieses Jahres wieder besetzt ist. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin muss allerdings aus dem Bereich der württembergischen Landeskirche kommen.
Kirchenaustritte, rückläufige Einnahmen aus der Kirchensteuer, Streichung von Pfarrstellen: War das Amt am Ende nur noch eine Mangelverwaltung?
Die Aufbruchstimmung früherer Zeiten ohne finanzielle Probleme ist vorbei. Die Kirche befindet sich in einem Transformationsprozess, der nicht einfach und manchmal auch schmerzhaft war und ist. Wir sind eine kleiner werdende Gemeinschaft – das ist eine Tatsache, auf die reagiert werden muss. Das war manchmal unangenehm und führte zu Kritik, aber auch das ist Teil der Aufgaben in einer Führungsposition. Ich bin dennoch kein bisschen amtsmüde und habe die Arbeit als Dekan in den letzten 15 Jahren sehr gerne gemacht. Das Positive ist, wir lernen neu, was geistlich wirklich zählt.
Ein schmerzhafter Teil des Transformationsprozesses war ja auch die Schließung der Ökumenischen Familienbildungsstätte Esslingen (FBS).
Es kann sein, dass wir auch hier – wie in anderen Fällen – zu spät reagiert und zu lange Zeit gehofft haben, dass es schon irgendwie weitergehen werde. Es wurden sicher auch Fehler gemacht. Doch hier mussten wir auf die finanziellen Gegebenheiten reagieren. Mit Blick auf die Räumlichkeiten in der Berliner Straße werden ernsthafte Überlegungen angestellt, das Dekanat und andere kirchliche Dienstleistungen wie das Kantorat, Mitarbeitervertretung und das Büro Stadtkirchengemeinde dorthin zu verlegen. Einige Aufgaben der FBS haben nun auch andere Stellen übernommen. Was mit den frei werdenden Räumlichkeiten in der Augustinerstraße passiert, wird sich weisen.
Die Umsetzung des Pfarrplanes ist ebenfalls schwierig?
Nein, das haben wir gut geregelt. Als ich vor 15 Jahren als Dekan angefangen habe, hatten wir im Kreis Esslingen doppelt so viele Pfarrstellen wie die aktuellen 29,5. Bis zum Jahr 2030 sind es 20,75. Das wird aber so geregelt, dass über durch Weggang oder Eintritt in den Ruhestand frei werdende Stellen neu im Sinne des Pfarrplans entschieden wird. Die Aufgabengebiete werden dann neu verteilt. Ich bin sehr dankbar, wie dies vor Ort geschieht.
Thema sind auch die Kirchenaustritte.
Jedes Jahr verlieren wir etwa drei Prozent der Mitglieder. Das ist schmerzhaft. Es ist uns nicht gelungen, alle Menschen in der Institution Kirche zu halten. Doch es gibt immer noch Personen, die sich uns eng verbunden fühlen. Wir haben auch Eintritte!
Person und Amt
Person Bernd Weißenborn wurde 1960 im nordhessischen Spangenberg-Weidelbach geboren und machte sein Abitur an dem Geschwister-Scholl-Gymnasium in Melsungen. Theologie studierte er in Bethel, Marburg, Ridley Hall bei Cambridge und in Tübingen. Er studierte auch einige Semester Literaturwissenschaften und Philosophie in Tübingen und arbeitete sechs Jahre als wissenschaftlicher Assistent an der dortigen Universität. Sein Vikariat absolvierte er in Unterheinriet im Dekanat Weinsberg. Es folgten Pfarrstellen in Upfingen und Sirchingen im Dekanat Bad Urach, Untergruppenbach und Metzingen. Seit 2010 ist der Vater von vier Kindern und Großvater von zwei Enkeln Dekan in Esslingen.
Verabschiedung Die Verabschiedung von Bernd Weißenborn ist am Sonntag, 16. Februar, um 10.30 Uhr in der Stadtkirche. Es wirken mit ein Bezirksbläserchor, Chöre und die Band „Weida und Mohns“.
Dekanat Zum Bereich des Dekanats Esslingen gehören der Schurwald bis Hohengehren, Denkendorf, Köngen, Hochdorf, Lichtenwald, Plochingen sowie die Neckartalgemeinden bis Reichenbach mit insgesamt etwa 50 500 evangelischen Christen. Aufgaben des Dekans sind auch die Leitung des Kirchenbezirks, Visitationen der einzelnen Kirchengemeinden oder die Einsetzung von Kollegen. Bernd Weißenborn ist aber auch als leitender Pfarrer in der Stadtkirchengemeinde Esslingen tätig.