Kirchenfusion im Stuttgarter Westen Die Seelsorge ist weiterhin ein großes Anliegen

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Die drei evangelischen Kirchengemeinden im Stuttgarter Westen verschmelzen zu einer. Die drei Pfarrer berichten im Bezirksbeirat über ihre Pläne.

Die Johanneskirche wird künftig teil einer großen Gemeinde sein. Foto: Georg Linsenmann
Die Johanneskirche wird künftig teil einer großen Gemeinde sein. Foto: Georg Linsenmann

S-West - Im 19. Jahrhundert hätte wohl niemand gedacht, dass es eines Tages so weit kommt. Denn damals waren die Kirchengemeinden Johannes und Paulus sogar zu ausgelastet. Doch die große Austrittswelle aus der Kirche hat in den letzten Jahren auch vor dem Stuttgarter Westen nicht Halt gemacht. Heute lohnt sich für die evangelische Kirche der Unterhalt von drei Kirchengemeinden in einem Stadtbezirk kaum mehr. Deshalb habe man einer Entscheidung von oben zuvorkommen wollen, sagte Pfarrer Heinrich Schmid.

Ab dem 1. Dezember 2019 sind die drei Gemeinden Johannes, Paulus und Paul-Gerhardt offiziell eine Einheit. Gemeinsam mit seinen Pfarrkolleginnen Sabine Löw von der Paulusgemeinde und Astrid Riehle, die seit März 2019 an der Paul-Gerhardt-Kirche ist, hat er dem Bezirksbeirat West in der jüngsten Sitzung die Pläne der Kirche präsentiert. „Wir wollten das Heft nun selbst in die Hand nehmen, eine Struktur schaffen, mit der wir die künftigen Kürzungen bewältigen können“, ergänzt Schmid, der in Kürze in den Ruhestand geht.

Die rückläufigen Mitgliederzahlen zwingen die Kirchen zu Fusionen

Gründe für die rückläufigen Mitgliederzahlen sieht er im demografischen Wandel, aber auch in der Individualisierung der Gesellschaft. „Es gibt keine enge Anbindung mehr an eine Religion“, sagt Schmid. Jeder suche sich heute etwas Eigenes. „So isch es. Damit leben wir“, sagt Schmid und fügt dazu: „Wir erzählen unsere Geschichte trotzdem weiter, denn für viele ist sie noch immer existenziell.“

Der Sitz der großen Gemeinde wird im Johannes-Pfarrhaus an der Gutenbergstraße sein. Mit rund 8500 Mitgliedern ist dies dann auch eine der größten Gemeinden der Württembergischen Landeskirche. Die drei Gemeinden verbindet die Geschichte. Sie seien wie „Verwandte, wie Großmutter, Mutter und Tochter“, heißt es auf der Website der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Die Johannesgemeinde, die 1873 als sogenannte Parochie entstanden ist und im Jahre 1889 zur Kirchengemeinde wurde, brachte im Jahre 1892 die Paulusgemeinde hervor. Aus dieser entstand dann letztlich 1926 die Paul-Gerhardt-Gemeinde.

Das Engagement im Stadtbezirk wollen die Pfarrer auf jeden Fall beibehalten

In der Verwaltung, in der Jugend- und in der ökumenischen Arbeit gebe es viele Synergien zwischen diesen drei Gemeinden. Die Sonntagsgottesdienste sollen aber in allen drei Kirchen stattfinden. „Auch die personenbezogene Seelsorge ist weiterhin ein großes Anliegen von uns“, sagt Schmid.

Auch ihr Engagement für den Stuttgarter Westen in verschiedenen, gesellschaftlichen Bereichen will die neue Gemeinde beibehalten, das betonte dann Pfarrerin Sabine Löw. Chöre, Orchester, die Besuchsdienste oder das Projekt „Gut alt werden im Stuttgarter Westen“ wolle man auf jeden Fall weiterhin für die Bürger aus dem Stadtbezirk anbieten. Man behalte selbstverständlich auch alle Immobilien, ebenso wie die Kindergärten und Kindertagesstätten, betonte Löw.

Entlassungen gibt es durch die Fusion keine

Ihre Kollegin Astrid Riehle ergänzte: „Wir wollen weiterhin ein gutes Zusammenleben fördern.“ Dabei wolle man sich auch gar nicht nur auf die eigene Religion beschränken. So funktioniere ja auch die Zusammenarbeit mit dem interreligiös engagierten Haus Abraham bei der Paul-Gerhardt-Gemeinde sehr gut. „Wir praktizieren ein gutes nachbarschaftliches Leben und ein friedliches Miteinander“, betonte Riehle. Heinrich Schmid sicherte zudem den Bezirksbeiräten auf deren Nachfrage hin zu, dass die Kirche trotz der Fusion keine Stellen streichen werde, außer bei der Kirchenpflege. „Es werden aber keine Pfarrer entlassen“, sagte Schmid. Tatsächlich erwarte man bald eine große Ruhestandswelle. „Da sind wir froh, wenn wir dann bald überhaupt noch genügend Pfarrer haben.“

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