Kirchenmusik im Bezirk Besigheim Und manchmal öffnet sich der Himmel

Von Susanne Mathes 

Im kleinen Städtchen Besigheim leistet Tobias Horn musikalisch Großes. Für all das, was er seit fast 20 Jahren auf die Beine stellt, ist der 47-Jährige nun mit dem Titel Kirchenmusikdirektor ausgezeichnet worden.

Hier passt’s nicht nur menschlich, sondern auch – oder gerade deshalb – auch musikalisch: Tobias Horn (rechts) mit seiner Kantorei, die er aus einst sechs Damen aufbaute. Foto: factum/Bach
Hier passt’s nicht nur menschlich, sondern auch – oder gerade deshalb – auch musikalisch: Tobias Horn (rechts) mit seiner Kantorei, die er aus einst sechs Damen aufbaute. Foto: factum/Bach

Besigheim - Lehrer-Lämpel-mäßig einsam und schrullig auf der Orgelbank seine musikalische Mission erfüllen – so einer möchte Tobias Horn nicht sein. Ist er auch nicht. Sonst dürfte sich der 47-Jährige wohl kaum seit Kurzem mit dem Titel Kirchenmusikdirektor schmücken, der seine Arbeit sinngemäß mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ adelt. Wobei er gleich einmal eines klarstellt: „Titel und Ehrungen sind für mich nicht das Ziel von guter Arbeit.“ Beglückt hat ihn das Zeichen der Wertschätzung trotzdem.

Tobias Horn sorgt seit fast zwei Jahrzehnten dafür, dass einem beim Stichwort Besigheim nicht nur Wein und Fachwerk in den Sinn kommen, sondern dass das kleine Städtchen bei Musikliebhabern aus der ganzen Region als große Nummer gilt. Kaum ein Wochenende, an dem in der gotischen Cyriakus-Kirche nicht Musik erklingt – in Gottesdiensten, zu Feiertagen oder in der Konzertreihe „Musik an der Stadtkirche“. Für seinen 2005 ins Leben gerufenen jährlichen „Internationalen Orgelzyklus“ zieht Horn alle Register: Interpreten aus ganz Europa, mitunter auch aus Übersee greifen bei diesen Anlässen in die Tasten, aber auch solche aus Nähe: „Es gibt ein Riesenpotenzial an heimischen Kräften, und die sollen bei uns zum Einsatz kommen“, betont er.

Es darf gerne überraschend sein

Dabei darf’s für die Zuhörer auch gerne mal etwas Überraschendes sein: Orgelmusik plus Live-Malerei oder in Kombination mit einer Lesung beispielsweise. „Die Vielfalt zwischen Tradition und Innovation ist mir wichtig“, sagt Tobias Horn, „und auch, dass Leute dabei sind, die musikalisch oder inhaltlich nicht derselben Meinung sind wie ich. Man kann Dinge auf verschiedene Arten gut machen.“

Auch er selbst bestreitet meist eines der Konzerte im Zyklus. An der Orgel fasziniert ihn immer wieder aufs Neue, dass sie – quasi als Teil der Kirchenarchitektur, die aber nichts Statisches ausstrahlen darf – wie kein anderes Instrument Raum und Atmosphäre einbezieht.

Auch Horns Chor hat sich seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 beträchtlich gemausert. „Damals“, erinnert er sich zurück, „war das ein Frauenchor von sechs motivierten Damen. Aber der Boden war fruchtbar.“ Heute singen rund 75 Frauen und Männer in der Besigheimer Kantorei, und wenn Horn erzählt, dass er mitunter müde in die abendliche Chorprobe geht und zwei Stunden später frisch herauskommt, umschreibt das treffend die vitalisierende Komponente des gemeinschaftlichen Ringens um den Klang. Neben dem Fachlichen zählt aus Horns Sicht dabei das Menschliche entscheidend.

„Der Umgang muss stimmen, sonst kommen die Leute nicht gerne“, ist seine Erfahrung. „Die Zeiten, in denen der Chorleiter die Sänger zur Schnecke machte, wenn’s nicht nach seinen Vorstellungen klang, sind vorbei. Wenn es menschlich nicht stimmt, kann keine gute Musik entstehen.“ Wenn dann aber gute Musik entsteht, etwa bei Bachs Johannes-Passion oder Brahms’ Requiem, passieren manchmal Dinge, die sich nicht in Worte fassen lassen. „Da gibt es Momente, da denkt man, es öffnet sich ein Stück Himmel.“

Glückliche Verhältnisse

Der Auftrag des frischgebackenen Kirchenmusikdirektors umfasst indes auch ganz Irdisches. Kirchengemeinden beraten, als Orgelsachverständiger tätig werden, bei Stellenbesetzungen oder Visitationen mitwirken, Bezirkschortreffen auf die Beine stellen, in Aus- und Fortbildung aktiv werden, in Konfliktfällen vermitteln, koordinieren: „So eine Bezirkskirchenmusikerstelle ist recht vielfältig“, stellt der Kirchenmusiker, der aber auch für Oper oder Liedgesang ein Faible hat, fest. „Und ein bisschen Orgel üben muss ich zwischendurch ja auch noch.“ Zudem unterrichtet er an der Stuttgarter Musikhochschule. Eine Menge Anforderungen, die auch ihren Tribut zollen: Seine langjährige Leitung der Kantorei der Karlshöhe in Ludwigsburg gab der Familienvater vergangenes Jahr auf, wenn auch nicht leichten Herzens.

Horns anregendes Wirken würde sich allerdings weitaus schwieriger gestalten, wenn er nicht auf Unterstützung bauen könnte. Für die Kirchengemeinde ist seine Arbeit nicht Beiwerk, sondern Basisanliegen. Für die Orgelsanierung stellte ein Kirchenmusikfreund ein zinsloses Darlehen zur Verfügung. Und ein rund 100 Mitglieder starker Förderverein unterstützt die Kirchenmusik ideell und finanziell. „Solche Leute gibt’s hier“, schwärmt Horn. „Glückliche Verhältnisse“ nennt er das. Er weiß, dass sie nicht selbstverständlich sind.