Kirchenmusik in Stuttgart Frische Klänge in der Domkirche

Von Johanna Deckers 

Der neue Domkapellmeister Christian Weiherer und die neue Domkantorin Lydia Schimmer werden am Sonntag, 9. Oktober, in der 10 Uhr-Messe in St. Eberhardt in ihr Amt eingeführt. Bereits am 1. September haben sie ihre Stellen angetreten.

Die Kirchenmusiker Christian Weiherer und Lydia Schimmer möchten in der katholischen Domkirche St. Eberhardt auch innovative Konzerte geben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Kirchenmusiker Christian Weiherer und Lydia Schimmer möchten in der katholischen Domkirche St. Eberhardt auch innovative Konzerte geben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Ohne Musik geht es nicht. Da sind sich der neue Domkapellmeister Christian Weiherer und die neue Domkantorin Lydia Schimmer einig. „Durch den Stellenwechsel hatte ich eine Art Zwangsurlaub von sechs Wochen. Als ich dann hier wieder den ersten Gottesdienst spielen durfte, war das wie eine Erlösung“, sagt der 44-jährige Weiherer. Fünf Wochen nach Arbeitsbeginn werden die beiden am Sonntag in der katholischen Kirche St. Eberhardt im Domgottesdienst feierlich in ihr Amt eingeführt.

Weiherer tritt damit die Nachfolge des langjährigen Domkapellmeisters Martin Dücker an. Vor seinem Wechsel nach Suttgart war er Dekanatskirchenmusiker in Memmingen. Schimmer arbeitete als Kantorin in der Seelsorgeeinheit Nördlicher Kaiserstuhl in Endingen. In Stuttgart ist sie die erste Frau auf einer herausgehobenen Kirchenmusikerstelle. In ganz Deutschland sind Frauen in Kirchenmusikerkreisen noch stark in der Unterzahl. „Man hat natürlich gewisse Vorzüge in so einer Männerwelt“, sagt die 33-jährige Offenburgerin. „Aber man merkt schon, dass es Vorurteile gibt, einem weniger zugetraut wird und man sich Autorität viel mehr erarbeiten muss als die Männer.“ Für viele seien Frauen in einer solchen Position noch ungewohnt. Hier in Stuttgart sei das aber kein Problem gewesen. Stadtdekan Christian Hermes sei sehr offen gewesen.

Die ersten Proben haben sie schon hinter sich

Der Stadtdekan, der in beiden Findungskommissionen saß, weiß die Leidenschaft der Musiker zu schätzen: „Ich bin froh, dass wir zwei Menschen gefunden haben, die für die Kirchenmusik brennen, die Können und Kreativität mitbringen und mit Domorganist Johannes Mayr ein tolles Team bilden werden.“

Sie sind für den Domchor St. Eberhard, die Domkapelle, die Mädchenkantorei und die Schola Gregoriana, und damit für mehr als 300 Sängerinnen und Sänger, zuständig. Mit ihnen gestalten sie regelmäßig Gottesdienste an St. Eberhard. Darüber hinaus begleiten Weiherer und Schimmer Gottesdienste an der Orgel und organisieren mehrere Konzertreihen.

Die erste Probenwoche mit der Mädchenkantorei und die ersten Gottesdienste haben die beiden schon hinter sich. „Dort konnten wir schon erleben, was sie auf dem Kasten haben“, sagt Hermes. Auch die beiden Musiker zeigen sich zufrieden. Freilich sei man ein wenig angespannt gewesen, wie die Mädchen sie aufnehmen würden. „Aber es war erstaunlich, wie offen sie uns gegenübergetreten sind. Das zeugt von einer hohen sozialen Kompetenz“, sagt Weiherer. Sie hätten viel geschafft, auch musikalisch. „Es ist sofort eine tolle Teamarbeit entstanden. Es war von Anfang an klar: Wir starten jetzt zusammen“, sagt Schimmer.

Die beiden Musiker wollen die Kirchenmusik aufmischen

Dass sie in die Fußstapfen ihrer Vorgänger treten, möchten sie so nicht sagen. „Wir wechseln viel mehr das Schuhwerk“, sagt Weiherer. „Aber natürlich möchten wir das Niveau halten und dort anschließen, was es bisher gab“. Zu dem „neuen Schuhwerk“ gehört, dass sie den Orgelfokus stärken wollen, schließlich ist es das Spezialgebiet beider Musiker: Weiherer studierte katholische Kirchenmusik in Regensburg und Detmold und schloss sein Studium mit dem Konzertexamen Orgel ab. Schimmer studierte katholische Kirchenmusik mit dem Hauptfach Orgel in Stuttgart. Zum Einstand wollen sie daher im nächsten Jahr ein vierhändiges Orgelkonzert geben.

Außerdem möchten sie die „strenge, konservative Kirchenmusik etwas aufmischen“, sagt Schimmer. „Wenn ich nach einem Konzert gesagt bekomme ‚Es war nett’ oder ‚entspannend’, ist das das Schlimmste, was ich zu hören bekommen könnte“, sagt Weiherer. „Musik muss in Aufruhr versetzen!“ Dafür wollen sie innovative Programme zusammenzustellen, zum Beispiel durch das Mischen verschiedener Kunstformen oder die Kombination von sehr alten und neuen Stücken. „Die junge und lebendige Stadt und die vielen kulturellen Angebote bieten dafür die perfekten Voraussetzungen“, sagt Schimmer. So ist zum Beispiel ein Konzert der Mädchenkantorei mit Benjamin Brittens „Children’s Crusade“ mit einem Text von Berthold Brecht und barocken Instrumentalstücken für März 2017 geplant.

Stadtdekan Hermes freut sich auf das, was kommt: „Ich bin davon überzeugt, dass unsere Dommusiker mit ihrer Begeisterung für Musik nicht nur Gottesdienstbesucher ansprechen werden, sondern auch Menschen, die sonst den Weg in eine Kirche nicht finden würden.“

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