Kirchentag in Stuttgart Gemeinsamer Einsatz für religiöse Werte

Der Dialog zwischen Christen und Juden ist vorangekommen, steht aber immer noch am Anfang. So lautete eine Erkenntnis aus einer Diskussion zwischen dem Frankfurter Oberrabbiner Chaim Soussan und dem Hannoveraner Landesbischof Ralf Meister.

Der Hannoveraner Bischof Ralf Meister hat auf dem Kirchentag über den christlich-jüdischen Dialog diskutiert. Foto: dpa
Der Hannoveraner Bischof Ralf Meister hat auf dem Kirchentag über den christlich-jüdischen Dialog diskutiert. Foto: dpa

Stuttgart - Weit ist man schon gekommen im jüdisch-christlichen Dialog. So weit, dass die beiden großen Kirchen sich im Streit über die Beschneidung, die vor drei Jahren in Deutschland aufflammte, eindeutig an die Seite der jüdischen Glaubensgemeinschaft gestellt haben. „Die beiden Bischofskonferenzen waren die ersten, die sagten: da geht es um Religionsfreiheit. Das geht auch uns was an“, sagte Julian Chaim Soussan, Oberrabbiner aus Frankfurt, am Donnerstag in der Stuttgarter Oper. Thema war die „Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs“. Darüber diskutierte Soussan mit Ralf Meister, Landesbischof aus Hannover.

„Die Beschneidung ist im Judentum keine Äußerlichkeit, sondern ein fester Bestandteil der Religion“, sagte Meister. Die Debatte darüber zeige, dass Religion „in unserer säkularen Gesellschaft nicht mehr von allen als „integraler Bestandteil“ gesehen werde. Soussan berichtete von der „absurden Situation, dass mir in einer Diskussion ein Vertreter des Atheismus gegenüber saß, der mir erklären wollte, was ich in meinem Glauben darf und was nicht.“ Mit den Christen verbinde die Juden „ein gemeinsames Anliegen. Wir haben das Recht darauf, unseren Glauben zu leben.“ Dafür müsse man sich gemeinsam stark machen.

Wo sind die Unterschiede zwischen Juden und Christen?

Trotzdem war es beiden Geistlichen wichtig, auf die Unterschiede zwischen den Religionen hinzuweisen. „Wir müssen um die Wahrheit im Glauben ringen“, sagte Meister. Und jede Religion habe ihren eigenen Wahrheitsanspruch. Den müsse man stehen lassen und „nicht ein allgemeines Mäntelchen der Toleranz darüber decken“. Doch wo sind die Unterschiede zwischen Juden und Christen?

Selbstbewusst beantwortet der Rabbiner die Frage: „Ohne Juden gäbe es weder Muslime noch Christen.“ Unstrittig sei in den Religionen, dass die Juden das auserwählte Volk Gottes seien. „Deshalb brauchen wir die Christen nicht. Die Christen aber kommen ohne die Juden nicht aus.“ Doch viele Jahrhunderte habe man in der Kirche „eine Theologie der Verachtung“ gepflegt, weil die Juden Jesus als Messias ablehnten. Auch in der „Stuttgarter Schulderklärung“ sei kein Wort zum christlichen Antijudaismus als Boden des Antisemitismus gefallen. Im Oktober 1945 hatte die evangelische Kirche eine Mitschuld an den Naziverbrechen eingeräumt.

Eine sehr intellektuelle Diskussion

Vor gut 50 Jahren begann ein Dialog zwischen den Religionen. „Doch im Grunde stehen wir immer noch am Anfang“, sagt Meister. Bis heute gebe es Diskussionen mit Christen, „da habe ich den Eindruck, der andere will mich von seiner Sicht überzeugen“, sagte Soussan. Doch ein echter Dialog sei nur auf Augenhöhe möglich.

Sehr intellektuell verlief die Diskussion. Einige Zuschauer fragten deshalb: „Wie kann der Dialog praktischer werden?“ Durch das gemeinsame Eintreten für religiöse Anliegen, lautete die Antwort. „Welche Themen sind wichtig“, wollte die Moderatorin Ilka Sobottke wissen. „Ein religiöser Mensch schaut sich alle gesellschaftlichen Themen an und fragt sich: ‚Passt das zu meinem Glauben?’“, sagte Soussan.

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