Kirchentagsgäste in Sillenbuch Das schlafende Klassenzimmer

Von Claudia Barner 

127 Gäste des Stuttgarter Kirchentags nächtigen an der Deutsch-Französischen Grundschule in Sillenbuch, 32 von ihnen sind behindert. Ein Besuch im Gemeinschaftsquartier an der Silberwaldstraße.

Anke Ballreich (rechts im Rollstuhl) aus Frankfurt ist mit ihrer Mutter Helga angereist. Foto: Claudia Barner
Anke Ballreich (rechts im Rollstuhl) aus Frankfurt ist mit ihrer Mutter Helga angereist. Foto: Claudia Barner

Sillenbuch - In Stuttgart herrscht Ausnahmezustand, denn in Stuttgart ist Kirchentag. Schulen werden Gemeinschaftsquartiere und Klassen- zu Schlafzimmern. Auch die evangelische Gemeinde in Sillenbuch ist Gastgeber und betreut bis Sonntag 127 Kirchentagsbesucher – in der Deutsch-Französischen Grundschule. Die Quartiermeister Markus Pflugfelder und der Pfarrer Wolfgang Berner-Föhl kümmern sich um einen reibungslosen Ablauf, der in diesem Fall besonderes Fingerspitzengefühl erfordert. Unter den in Sillenbuch residierenden Gästen sind nämlich 32 behinderte Menschen, davon acht im Rollstuhl.

Einziges Manko: die Schlange vor dem WC

Anke Ballreich ist eine Kirchentagsbesucherin mit Erfahrung. „Ich bin seit 1987 jedes Mal dabei gewesen“, erzählt die 45-Jährige. Dass die Frankfurterin im Rollstuhl sitzt, hindert sie nicht, sich mit Tausenden in überfüllte Veranstaltungen zu drängeln. „Als Rollstuhlfahrer ist man beim Kirchentag super aufgehoben“, sagt sie. „Wer Bedarf hat, kann ganz unkompliziert Unterstützung durch Fahrdienste oder Begleitpersonen anfordern.“ Für die Tage in Stuttgart ist das nicht nötig. Anke Ballreich ist gemeinsam mit ihrer Mutter Helga mit der Bahn angereist. Vom Gemeinschaftsquartier in Sillenbuch mit Aufzug und Behindertentoilette sind die Frauen begeistert. „Auch das Bett, das uns das Kirchentagsbüro organisiert hat, ist sehr bequem“, sagt sie am Donnerstag nach der ersten Nacht. Dass die U-Bahn-Haltestelle fast vor der Tür liegt, wird ebenfalls positiv vermerkt: „Das ist perfekt für uns.“ Einziges Manko sind laut Anke Ballreich die Wartezeiten vor dem Behinderten-WC. „Es gibt nur zwei. Gesternabend hat es deshalb eine Stunde gedauert, bis ich an der Reihe war“, berichtet sie.

Markus Pflugfelder hat mit seiner Frau Angelika Bleil und drei ehrenamtlichen Helferinnen Frühstücksdienst. Er hört genau hin, wenn die Gäste Verbesserungen vorschlagen. „Wir haben ja noch drei Tage, an denen wir nachjustieren können“, sagt er. Seit Anfang März haben die Quartiermeister geplant und organisiert. Es gab Termine mit dem Kirchentagsbüro, dem Kommando Verpflegung, mit der Schulleiterin Damaris Scholler und dem Hausmeister Mario Kunze. 256 Brötchen wurden bestellt, 36 Helfer aktiviert und Einsatzpläne ausgearbeitet. „Das Quartier ist von 18 Uhr bis morgens um 9 Uhr geöffnet“, sagt Pflugfelder. „Wir arbeiten in vier Schichten. Es ist immer ein Ansprechpartner vor Ort.“ Er selbst hat die erste Nachtschicht übernommen, hat die Gäste begrüßt, die Zimmer verteilt und Konfirmanden aus Bremen mental aufgebaut, die nach zwölfstündiger Odyssee erschöpft im Quartier ankam. Ihr ICE hatte in Frankfurt einen Schaden, und die Jugendlichen mussten umsteigen. Weil die 13-jährige Lisa Knöpfle im Rollstuhl sitzt, war die Panne ein ernstes Problem. „Wir mussten drei Stunden warten, bis sich ein Zug fand, der für Rollstuhlfahrer geeignet war“, berichtet ihre Mutter Britta Knöpfle am Frühstückstisch.

Pläne am Frühstückstisch

Brötchen und Kaffee helfen, die Strapazen zu vergessen. Die Konfirmanden haben den Vorfall unter „dumm gelaufen“ abgehakt und schmieden Pläne. „Nach einem gemütlichen Frühstück machen wir uns auf den Weg zum Schlossplatz“, sagt der Pastor Norbert Harms, der die Gruppe begleitet.

Die Helferinnen in der Küche indes können nicht gleich zum Kirchentagsbesuch. Erst wird gespült und aufgeräumt. Aber Markus Pflugfelder hat sowieso anderes im Sinn: „Ich bin seit 24 Stunden auf den Beinen und muss erst einmal schlafen“, sagt er. Danach will er die eine oder andere Veranstaltung besuchen. Die Verantwortung als Quartiermeister begleitet ihn. „Das Handy habe ich für Notfälle immer dabei.“ Es ist Kirchentag – Ausnahmezustand.

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