Kirchheim Der Friedhof als Biotop

Von Marta Popowska 

Ein jüngst in Kirchheim gegründeter Verein will die Artenvielfalt von Flora und Fauna auf Ruhestätten erhalten. Die Idee, dem Friedhof eine weitere Funktion zu geben, kommt der Rathauschefin zufolge zur richtigen Zeit.

Der alte Friedhof in Kirchheim bietet Vögeln und Insekten viel Grün und und Nistmöglichkeiten. Foto: Ines Rudel
Der alte Friedhof in Kirchheim bietet Vögeln und Insekten viel Grün und und Nistmöglichkeiten. Foto: Ines Rudel

Kirchheim - Nistkästen, Trockenmauern, Insektenhotels und Blumenmischungen: eine in Kirchheim gegründete bundesweite Bürgerinitiative hat es sich zum Ziel gemacht, Naturschutz und Biodiversität auf stadtnahen, alten Ruhestätten zum Thema zu machen. Der Verein Biodiversität auf Friedhöfen wurde im Juli gegründet und möchte Beteiligte wie Friedhofsgärtner, Steinmetze, Kirchen und Kommunen mit ins Boot holen, um die alte Friedhofskultur zu bewahren und ihr eine neue Orientierung zu geben. In Kirchheim kommt die Idee zur rechten Zeit.

„Die deutsche Friedhofskultur ist alt und wunderschön“, sagt Heinecke Werner, der Vorsitzende des im Juli gegründeten Vereins. Doch die sei gefährdet. „Die Zunahme an Friedwäldern bringt Steinmetze unter Druck, da ihnen diese die Arbeit wegnehmen“, erklärt er. Warum also nicht den Friedhof einmal neu denken? Werner hat sich Gedanken darüber gemacht, wie man die alte Friedhofskultur bewahren und ihr eine neue Orientierung geben könnte. Laut Werner seien Friedhöfe Orte der Stille und Kontemplation, oft in Fußgängerentfernung zur Innenstadt gelegen und damit eine einzigartige Gelegenheit für alle Menschen, Natur zu genießen.

Mit anderen Akteuren zusammenarbeiten

Das Thema Biodiversität biete die Chance, den Trend, weg vom Friedhof, umzukehren. Die Friedhöfe bekämen eine ergänzende Funktion und würden dem Verlust von Vögeln und Insekten entgegenwirken, auch wenn sie dem Verein zufolge nur 0,5 Prozent der gesamten Fläche des Landes einnehmen.

Werners Interesse für Friedhöfe kommt nicht von ungefähr. „Wir beschäftigen uns seit zehn Jahren mit importierten Natursteinen“, sagt er. 2007 hat Werner den Verein Fair Stone gegründet, der den Sozial- und Umweltstandard für importierte Natursteine setzt. Das Siegel zeichnet Natursteine aus Entwicklungs- und Schwellenländern aus, die aus Lieferketten stammen, in denen der Standard umgesetzt wird.

Der Zweck des jüngst gegründeten Vereins ist laut Satzung der Naturschutz, insbesondere von Biodiversität auf Friedhöfen. Um die Artenvielfalt von Flora und Fauna auf den Friedhöfen zu erhalten und auszubauen, möchte der Verein mit Kommunen und anderen Akteuren zusammenarbeiten. „Wir wollen aber Friedhofsgärtner, Steinmetze und deren Verbände mit einbeziehen und animieren, unserem Verein beizutreten“, betont Werner. Aus ökologischen und kulturellen Gründen solle darauf geachtet werden, Grabsteine aus Deutschland zu wählen und bei importierten Steinen, sollte ihre faire Herkunft zertifiziert sein.

Kirchheim will das Thema Biodiversität vorantreiben

Die Idee habe auch Potenzial, gesellschaftlich anerkannt zu werden. Eine Bewerbung um einen Preis der UN-Dekade für biologische Vielfalt kann sich Werner sich auch vorstellen. Dass dies realistisch ist, haben der Kasseler Hauptfriedhof und der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee gezeigt. Beide erhielten im Rahmen eines Projekts der UN-Dekade für biologische Vielfalt eine Auszeichnung.

Werner hofft darauf, dass die betroffenen Akteure Interesse an seinem Konzept haben werden. „Wir stehen am Anfang und es steht viel Arbeit an, sagt er.

Mit seinem Vorhaben hat Werner bei Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker offene Türen eingerannt. Werner, der ihr seine Idee in einer Bürgersprechstunde vorgetragen hatte, habe laut Matt-Heidecker einen guten Zeitpunkt gewählt. „Wir wollen die Themen Gewässerentwicklungsplanung, Klima und Biodiversität in Kirchheim zum Schwerpunkt machen“, sagt sie.

Bei den bisherigen Besprechungen sei auch der Friedhof, der sich mitten in der Stadt befindet, auf der Agenda gestanden. „Im Frühjahr wird im Gemeinderat ein neuer Friedhofsentwicklungsplan eingebracht“, erklärt Angelika Matt-Heidecker, die eine „sehr große Chance“ sieht, Werners Konzept zeitnah umzusetzen.

„Meine Eltern sind auf dem alten Friedhof begraben, daher erlebe ich den Friedhof oft und sehe, was dort allein an Vögeln unterwegs ist“, sagt sie. In Zeiten von Insektensterben sei man dazu verpflichtet zu handeln. Im Herbst ist in Kirchheim eine Veranstaltung geplant, bei der das Thema öffentlich vorgestellt wird. Heinecke Werner wird dann sein Konzept der Bürgerschaft präsentieren.




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