Co-Working-Space in Kirchheim In alten Klassenzimmern knobeln neue Kreative

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In Kirchheim-Jesingen haben digitale Nomaden jetzt ein Heim. Steffen Kernstock eröffnet in der Alten Schule einen Co-Working-Space, in dem Arbeitsplätze auf Zeit zu mieten sind. Die Nachfrage ist groß.

Steffen Kernstock bringt die Co-Working-Idee nach Kirchheim-Jesingen. Foto: Ines Rudel
Steffen Kernstock bringt die Co-Working-Idee nach Kirchheim-Jesingen. Foto: Ines Rudel

Kirchheim - Generationen von Lehrern haben hier streng darauf geachtet, dass ihre Schüler die Köpfe ja nicht zu eng zusammenstecken. Jetzt, wo die Klassenzimmer der Alten Schule in Kirchheim-Jesingen zum Co-Working-Space werden, heißt es: Austausch ausdrücklich erwünscht. Dazu stehen in den ehrwürdigen Räumen 20 mietbare, voll ausgestattete moderne Computer-Arbeitsplätze auf Zeit zur Verfügung.

Steffen Kernstock hat die Idee, die ausgehend vom Silicon Valley in den deutschen Großstädten Fuß gefasst hat, aufs flache Land gebracht. Wenige Tage vor der Eröffnung am Freitag, 16. November, kann er sich vor Nachfragen kaum retten. „Die Leute rennen mir jetzt schon die Bude ein“, sagt er. Zu den Leuten gehören auch die Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Andreas Schwarz.

„Die Leute rennen mir die Bude ein“

Die beiden werden zwar Eröffnungsreden halten, zu Kernstocks Klientel gehören sie allerdings nicht. Potenzielle Kunden, das können sein: ein Unternehmensberater, der ohnehin viel unterwegs ist und nur an vier Stunden pro Woche einen Arbeitsplatz benötigt, eine Buchautorin, die sich drei Wochen für ihr neustes Projekt ausklinkt, eine Doktorandin, die ihre Promotion abschließen und ihr vom nebenan arbeitenden Grafiker den letzten Schliff verpassen will, das Start-up-Unternehmen, das am Erfolg schnuppern will, ohne sich an ein Büro zu binden, oder der Pendler, der es leid ist, auf dem Weg nach Stuttgart wertvolle Arbeitszeit im Stau zu verbringen.

Ein Kunde, das ist auch Steffen Kernstock selbst. „Ich habe viele Jahre in einem Gemeinschaftsbüro gearbeitet und gleich zugegriffen, als die Schule frei wurde“, sagt er. Mit seinem Unternehmen, der aus einem Forschungsprojekt an der Universität hervorgegangenen Wissenschaftlichen Publikationstechnik, bietet Kernstock von der Autorenbetreuung über das Lektorat, die Redaktion, die Illustration und das Layout bis hin zu Übersetzungen alle erdenklichen Dienstleistungen rund um wissenschaftliche Publikationen an.

Alle Medien und neueste Software stehen zur Verfügung

Die Arbeitsplätze in der Alten Schule verfügen dementsprechend über die neueste Software. Schneidemaschine, Falzmaschine, Stapellocher, Kopierer und natürlich die Kaffeemaschine komplettieren die Ausstattung. Ein Saal mit medialer Vollausstattung lädt zu Versammlungen ein. Wer auf die Datenautobahn einbiegen muss, kann das in Hochgeschwindigkeit tun. Und wer angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten zu viel arbeitet und mental aus der Kurve zu fliegen droht, dem steht sogar eine Psychotherapeutin mit Rat und Tat zur Seite. Die Spanne für einen Arbeitsplatz reicht von den 15 Euro, die pro Tag für einen „leeren“ Schreibtisch zu entrichten sind, bis hin zu den 480 Euro monatlich, für die es das Komplettpaket gibt.

Auch wenn die Arbeitswelt 4.0 in das ehrwürdige, im Jahr 1929 errichtete Schulgebäude gezogen ist, hat sich eins nicht geändert: Abschreiben ist strengstens verboten. „In fremden Sachen oder an Schreibtischen rumzuschnüffeln ist ein No-Go. Das hat in der Co-Working-Gemeinschaft den Stellenwert von Diebstahl“, sagt Kernstock.