Kirchheim Kein Witz: die perfekte Täuschung

Von  

Mit Alex Chinneck präsentiert die Städtische Galerie einen international aufstrebenden Künstler. Knoten lassen das Kirchheimer Kornhaus in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Verblüfft betrachten die Gäste bei der Vernissage Alex Chinnecks Kunst. Foto: Wilfried Adam 11 Bilder
Verblüfft betrachten die Gäste bei der Vernissage Alex Chinnecks Kunst. Foto: Wilfried Adam

Kirchheim - Es gibt einen schmalen Grat zwischen einer Skulptur und einem Gag. Ich versuche deshalb, die Werke möglichst in ihre Umgebung einzubetten.“ Diese Sätze, die der britische Künstler im vergangenen September in einer Sendung im Deutschlandfunk gesagt hat, beschreiben exakt auch seine Ausstellung „Knots“, die noch bis zum 8. April in der Städtischen Galerie Kirchheim zu sehen ist.

Wie kommen die Knoten in Säule und Straßenbesen?

„Knots“ setzt sich aus fünf Werken zusammen, die eine Einheit bilden. Der Eyecatcher ist eine der massiven Holzsäulen im Erdgeschoss der Galerie, die einen Knoten hat – an Originalität und Witz kaum zu überbieten –, da fragt sich der Betrachter, ob das sein kann. Kann es natürlich nicht, doch selbst aus der Nähe ist die Täuschung kaum zu erkennen, so perfekt hat sie der 33-Jährige gehalten, der auf der Insel zum Publikumsliebling der Kunstszene avanciert ist. „Rubber“, ein Gummimaterial, und die geschickten Hände des Bildhauers machen die Holzattrappe möglich.

Das zweite Werk ist ein englischer Straßenbesen, der den zweiten Knoten in der Ausstellung enthält und den Besucher abermals zum Staunen bringt. Wie hat er das nur gemacht? Den Stiel mit Knoten hat er aus einem dickeren Stamm geschnitzt, wieder in höchster Perfektion. 100 Besen gibt es, zum Stückpreis von 2500 Euro.

Premiere: erste Einzelausstellung in ganz Deutschland

Der Knoten könnte als Brezel und der Besen mit der schwäbischen Kehrwoche in Verbindung gebracht werden, doch glaubt der „Knots“-Kurator Florian van het Hekke nicht an diese Intention des Künstlers. Im vergangenen Sommer war Alex Chinneck auf Stippvisite in Kirchheim, um sich mit dem Kornhaus vertraut zu machen. „Die architektonische Struktur des Gebäudes hat ihn unheimlich interessiert“, sagt der Kurator. Dass Florian van het Hekke diesen international aufstrebenden Künstler für eine Premiere – es ist Chinnecks erste Einzelausstellung in Deutschland – ins kleine Kirchheim holen konnte, liegt nicht an besonderen persönlichen Beziehungen. Van het Hekke stieß während seiner Lehrtätigkeit an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste auf Chinnecks Kunst. Er schrieb ihm einfach, und rund vier Jahre später ist es nun tatsächlich so weit.

Das „fünfte Element“ ist praktisch unsichtbar

„Birth, Death, Midlife Crisis“ ist der Titel der „Knoten-Säule“. Anders als beim Menschen stürzte der „Gummi“-Baum erst nach seinem Tod in die Lebenskrise. Der Knoten als Symbol für ungelöste Probleme – so könnte das Werk Chinnecks interpretiert werden, der mit dem Schalk im Nacken die Ironie konsequent als Mittel einsetzt. Bei der letzten Arbeit und damit quasi beim „fünften Element“ von „Knots“ ist die Illusion so perfekt gelungen, dass mit den Räumlichkeiten des Kornhauses nicht Vertraute sie nicht entlarven werden. Ein echter Engländer wie Alex Chinneck würde darauf vermutlich jede Wette abschließen.