Kirchlicher Fond für Überschuldete Zinslos aus der Schuldenfalle

Von Martin Haar 

Anlässlich des Reformationsjubiläums revolutioniert die Kirche das Kreditwesen: Freiheit durch zinslose Entschuldung lautet das Motto eine neue Initiative. Denn nach Martin Luther besteht der „wahre Gottesdienst“ darin, Bedürftigen etwas zu leihen. Eine Betroffene sagt: „Mir hat es das Leben gerettet.“

Else Fröhlich, Klientin der diakonischen Schuldnerberatung und Nutznießerin eines zinslosen Darlehens, bei einem Radio-Interview Foto: Haar
Else Fröhlich, Klientin der diakonischen Schuldnerberatung und Nutznießerin eines zinslosen Darlehens, bei einem Radio-Interview Foto: Haar

Stuttgart - Nicht jeder, der Schulden hat, ist schuld. Aber Else Fröhlich (Name geändert) fühlte sich so. Schuldig. Ihre Mitmenschen und Gläubiger gaben ihr dieses Gefühl: „Else, du hast versagt, du bist wertlos!“ Dabei hatte sie gekämpft. Bis zum bitteren Ende. Bis nichts mehr ging. Gesundheitlich und wirtschaftlich. 35 000 Euro Schulden, mit ihrem Restaurant an die Wand gefahren. Burn Out. „Dabei hatte ich Tag und Nacht gearbeitet“, erzählt sie, „und ich hatte ein gutes Gastronomiekonzept.“

Bei Else Fröhlich ist es wie bei vielen, die nicht mehr über ihren Schuldenberg hinausblicken können. Fast keiner hat geprasst oder leichtsinnig gehandelt. Die Ursachen für eine Überschuldung sind vielfältig: Arbeitslosigkeit, Krankheit einschließlich Sucht, Trennung oder eben gescheiterte Selbstständigkeit. Nur eines haben diese Menschen gemein. Sie alle geraten in einen Teufelskreis, an dessen Ende die pure Verzweiflung steht.

In Stuttgart sind 10 Prozent aller Haushalte überschuldet

Ulrike Fetscher, Schuldnerberaterin der Diakonie, kennt diese Fälle aus ihrer langjährigen Praxis. In Deutschland geht man von 3,7 Millionen verschuldeten Haushalten aus. In Stuttgart sind laut Diakonie zehn Prozent der Haushalte überschuldet. „Auch Else Fröhlich fühlte sich, als sie zu mir kam, wie fremdgesteuert, hilflos und ausgeliefert. Sie hatte große Angst und war handlungsunfähig“, berichtet Fetscher. Ihre Klientin ist heute, nachdem sie wieder festen Boden unter den Füßen hat, sogar der Meinung: „Das Darlehen und Ulrike Fetscher haben mir das Leben gerettet. Sie hat mich aufgefangen und nicht verurteilt.“

Tatsächlich hatte die Schuldnerberaterin ein besonderes Konzept. Ein ganzheitliches, wie sie es nennt: „Wir sind keine reine Sanierungsberatungsstelle. Wir gehen immer auch auf den Menschen ein und entwickeln mit ihm gemeinsam Perspektiven.“ Noch etwas hebt das Modell der Diakonie von staatlichen oder privatwirtschaftlichen Angeboten ab: Anlässlich des Reformationsjubiläums bieten die Landeskirche und die Diakonie zinslose Kredite an.

Kirche und Diakonie zahlen 300 000 Euro in den Fond ein

„,Da ist Freiheit’ lautet der Leitgedanke zum Reformationsjubiläum“, erklärt der Diakonie-Vorsitzende Dieter Kaufmann, „wer aber Schulden hat, ist unfrei. Daher wollen wir durch unseren neuen Entschuldungsfond den Menschen neue Freiheit geben.“ In den Topf, der die zinslosen Kredite speisen soll, haben die evangelische Landeskirche und die Diakonie jeweils 150 000 Euro einbezahlt. Doch durch Spenden soll das Fondskapital weiter anwachsen. Auch hier lehnt sich Kaufmann an den Reformator Martin Luther an. In der 43. seiner 95 Thesen, die Luther 1517 in Wittenberg angeschlagen hatte, heißt es: „Wer einem Armen gibt oder einem Bedürftigen leiht, handelt besser, als wenn er Ablässe kaufte.“ Und im Lukas-Evangelium steht: „Tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft.“ Abgesehen von Gottes Lohn.

In diesem Sinne verfahren nun 22 diakonische Beratungsstellen im Land. Im Fall von Else Fröhlich stellt sich das so dar: Ulrike Fetscher handelte mit den Gläubigern einen Vergleich aus. Am Ende blieben so nur noch 7000 Euro Restschulden übrig, die Else Fröhlich per zinslosem Darlehen in vier Jahren zu monatlichen Raten á 20 Euro abstotterte. Freilich hätte Else Fröhlich auch die Möglichkeit gehabt, in die Privatinsolvenz zu gehen. Doch das kam für sie nie in Frage. „Das bin ich nicht“, sagt die Gastronomin, „weil ich immer schon eine Macherin war, die aktiv an Lösungen mitarbeiten will.“

Die Diplom-Pädagogin Fetscher bestätigt: „Es gibt kein Generalkonzept bei einer Überschuldung. Wir suchen immer nach Lösungen, die zum jeweiligen Leben passen.“ Oft passen Konzepte und Lösungen nicht zusammen. Der Grund ist, dass die meisten staatlichen Schuldnerberatungen erst dann aktiv werden dürfen, wenn das Kind im Brunnen liegt. Zum Beispiel der Klient bereits arbeitslos oder Hartz-IV-Empfänger ist. Fälle wie der von Else Fröhlich fallen dabei durchs Raster. Menschen verlieren so nicht nur mögliche Zukunftschancen, sondern oft auch ihre Würde. Denn in den Köpfen vieler ist eingebrannt: Wer Schulden hat, ist auch schuldig. Else Fröhlich hat all das hinter sich. Sie hat sich wieder aufgemacht, mit neuem Mut und Elan: „Ich bin wieder auf dem Weg in die Selbstständigkeit.“

Mehr zu diesem Thema gibt es am Donnerstag, 10. November, 19 Uhr, in der Stiftskirche. Unter anderem referiert Professor Christian Kreiß über das Thema „Wege in eine menschliche Wirtschaft.“
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