Kirchlicher Kuschelkurs Hatte Luther doch recht?

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Jahrhundertelang galt Martin Luther in Rom als Unperson, Lutheraner wurden in der Ewigen Stadt verfolgt. Vor dem großen Reformationsjubiläum 2017 wird der Blick auf den Reformator freundlicher.

Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Gemälde von Lukas Cranach dem Älteren Foto: dpa
Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Gemälde von Lukas Cranach dem Älteren Foto: dpa

Rom - Es war ein Augenblick, den Roms Lutheraner nicht so schnell vergessen werden. In der evangelischen Christuskirche schenktePapst Franziskus Gemeindepfarrer Jens-Martin Kruse im November 2016 einen Abendmahlskelch. Ein Zeichen der Ökumene zum Abschluss des Papstbesuches in dem Gotteshaus im Norden der italienischen Hauptstadt, wo Franziskus zuvor in seiner Predigt mit Blick auf Lutheraner und Katholiken den „Skandal der Teilung“ angeprangert hatte. „Ein spektakuläres Geschenk“, befand Kruse.

Tauwetter der Konfessionen

Katholiken und Protestanten in der Ewigen Stadt verstehen sich so gut wie noch nie. Lange her sind die Zeiten, als Lutheraner ihre Gottesdienste dort im Verborgenen feiern mussten. 2015 wurde sogar ein Platz nach Martin Luther(1491-1556) benannt – rechtzeitig zum Reformationsjubiläum, dem 500. Jahrestag von Luthers „Thesenanschlag“ am 31. Oktober 1517 ans Tor der Schlosskirche von Wittenberg. Am 31. Oktober dieses Jahres reist Franziskus ins schwedische Lund, um mit dem Lutherischen Weltbund den Auftakt zum Lutherjahr zu feiern.

„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“

„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wie werde ich vor Gott gerecht?“ Diese Frage trieb den jungen Luther – und viele seiner Zeitgenossen – um wie nichts sonst in der Welt. Die Kirche schien sich aufzulösen und zu zersetzen. Luther, Sohn eines Bergmann aus Eisleben und Augustiner-Eremit in Erfurt, wollte keine neue Kirche gründen. Doch angesichts von Ablasshandel, Vetternwirtschaft und der Jagd nach weltlichem Reichtum wollte der junge Theologieprofessor das religiöse Leben erneuern.

Aus dem Wunsch Luthers und vieler Christen nach einer Neubesinnung der katholischen Kirche auf die Bibel und die Wurzeln des Glaubens entstand die Reformation, eine religiöse Erneuerungsbewegung, welche die Einheit der westlichen Kirche zerbrechen ließ. Zwischen 1517 und 1648 spaltete sich die Christenheit in verschiedene Konfessionen – katholisch, lutherisch, reformiert. In Deutschland trieb Luther die Reformation voran, in der Schweiz waren es Huldrych Zwingli (1484–1531)und Johannes Calvin (1509–1564).

Gerechtfertigt durch den Glauben allein

Es war Luthers tiefste Überzeugung, dass der Mensch angesichts seiner Sündhaftigkeit nur „Sola fide“ (allein durch den Glauben an Christi Erlösungswerk) und „Sola gratia“ (allein durch Gottes Gnade) erlöst und errettet werden kann. Er kann sich sein Seelenheil nicht durch Werke der Barmherzigkeit, Demut, Nächstenliebe oder den Empfang der Sakramente verdienen und schon gar nicht durch Geld erkaufen. Die Rückbesinnung auf die Quellen des Glaubensführte Luther zur Heiligen Schrift, die er ins Deutsche übersetzte – 1522 das Neue Testament und 1534 die ganze Bibel.

Das Zeitalter der Gegenreformation

Anscheinend sieht die römische Kirche den einst von ihr gebannten Wittenberger Theologen heute mit ganz anderen Augen. Franziskus forderte in einer Predigt „eine aufmerksame und ehrliche Neubewertung der Absichten der Reformation und der Person Martin Luthers“. Der Jesuitenorden, dem Jorge Mario Bergoglio angehört, hat sich in diese Arbeit hineingekniet. Dabei war es ausgerechnet die 1534 vom Spanier Ignatius von Loyola (1491-1556) gegründete „Societas Jesu“, die zur Sperrspitze der katholischen Gegenwehr wurde.

Bei einer Veranstaltung der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“, zu der auch Pfarrer Kruse eingeladen war, lobte der Jesuit Giancarlo Pani die „Aufrichtigkeit“ und „Rechtschaffenheit“ Luthers. Dieser habe in seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel berechtigte Fragen an die Kirche gestellt, eine Reflexion über den Glauben von Rom erbeten und nie eine Antwort bekommen. „Mir erscheint es schwerwiegend, dass die Kirche nicht mit ihm gesprochen und ihm ihre Position erläutert hat“, betonte Pani.

„Der Weg in Richtung der vollen Einheit ist offen“

Schon zuvor hatte der britische Jesuit Philip Endean auf erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen Luther und Ignatius hingewiesen. So hätten beide eine Erneuerung der Kirche und Reform des Priestertums angestrebt und ähnliche Erweckungserlebnisse gehabt, schrieb Endean 2011. Ignatius werde heute zu Unrecht als Bannerträger der Gegenreformation gesehen.

Von einer wirklichen Einheit sind beide Kirchen indes noch weit entfernt. Immerhin habeLuther die Tür zu einer möglichen ökumenischen Verständigung offen stehen lassen, befand kürzlich der emeritierte Kurienkardinal und frühere Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Walter Kasper. „Der Weg in Richtung der vollen Einheit ist offen, so sehr dieser auch lang und voller Hindernisse sein mag“, schrieb der langjährige Präsident des vatikanischen Einheitsrats in der Vatikan-Zeitung „L’Osservatore Romano“.

„Gerade Franziskus hat ein großes Interesse an einem sachgemäßen Umgang mit Martin Luther“, ist Pfarrer Kruse überzeugt. Er habe erkannt, dass die Christen noch sehr viel stärker mit einer Stimme sprechen müssten. Auf dem gemeinsamen Forum mit Pani hielt Kruse einen Vortrag, in dem er betonte, dass Luther keine neue Kirche gründen und das Papsttum nicht abschaffen wollte. Franziskus tue das, was Luther von einem erneuerten Papsttum erwartete.

Der Papst begeistert

Kruses Text las auch Franziskus. Antonio Spadaro, Chefredakteur von „La Civiltà Cattolica“ und enger Ratgeber des Papstes, hatte ihn sogleich weitergeleitet. Zwei Tage später begegnete der Pastor dem Pontifex in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. „Da kam der Papst ganz fröhlich auf mich zu und gratulierte mir zu diesem Vortrag, bedankte sich und sagte, das sei ganz genau seine Sicht der Dinge“, erinnert sich Kruse.