Kirill Serebrennikow bei der Stuttgarter Oper Eine Märchenoper wird zum Politikum

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Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow steht in Moskau unter Hausarrest und Kontaktsperre. Die Stuttgarter Oper will trotzdem am 22. Oktober seine Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ zeigen. Wie soll das gehen?

Kirill Serebrennikow am 23. August bei seiner Anhörung in Moskau – hinter Gittern Foto: AP
Kirill Serebrennikow am 23. August bei seiner Anhörung in Moskau – hinter Gittern Foto: AP

Stuttgart - An der Wand lehnt eine dunkle Holzmaske, auf dem Tisch steht eine bunt bemalte Schale: „Geschenke, die mir Kirill Serebrennikow aus Ruanda mitgebracht hat.“ Jossi Wieler, der Stuttgarter Opernintendant, wirkt an diesem Vormittag in seinem Büro mit Blick auf den Eckensee noch ein wenig nachdenklicher, als es ohnehin seine Art ist. Im Frühjahr war der russische Regisseur zuletzt im Haus, um die letzten, in Stuttgart spielenden Szenes eines Film zu realisieren, dessen Hauptteil er zuvor in Afrika abgedreht hatte; das Werk soll ein wesentliches Element seiner „Hänsel und Gretel“-Inszenierung werden. Seitdem sind da Maske und Schale. „Er ist ein Typ, der den Leuten immer gern Geschenke macht.“

Nun steht Serebrennikow seit dem 23. August unter gerichtlich verfügtem Hausarrest, steckt mitten in einem höchst dubiosen Ermittlungsverfahren wegen Betrugs, das viele Beobachter in Wahrheit für politisch motiviert halten. Noch am gleichen Tag gab die Stuttgarter Oper bekannt, an der Premiere von „Hänsel und Gretel“, der Märchenoper von Engelbert Humperdinck, am 22. Oktober festhalten zu wollen. Am 18. September beginnt die Probenzeit. Und Wieler und sein Chefdramaturg Sergio Morabito sind dabei zu überlegen, wie das denn nun gehen kann und soll – Proben ­ohne den Regisseur.

Eigentlich sind die Staatstheater noch in den Sommerferien. In der spielfreien Zeit im August müssen fast alle Mitarbeiter ihren Jahresurlaub nehmen, die meisten Büros sind noch verwaist, überall läuft der Anrufbeantworter: „Bis zum 11. September sind wird in der Sommerpause.“ Doch in diesem Sommer war auf der Leitungsebene an ungestörte Ferien nicht zu denken. Seit einer ersten Hausdurchsuchung in der Moskauer Wohnung von Kirill Serebren­nikow am 23. Mai war klar, dass einfluss­reiche Kräfte in Russland, wahrscheinlich höchste politische Stellen, die Geduld mit dem regierungs- und religionskritischen Autor, Film- und Theaterregisseur ver­loren haben. Offizieller Vorwurf: Ein von ihm künstlerisch geleitetes Produktionszentrum am Gogol-Theater habe staatliche Fördergelder veruntreut.

Die Hausdurchsuchung wurde zur „Plünderung“

„Das war keine gewöhnliche Hausdurchsuchung. Die Wohnung wurde von den Ermittlern praktisch geplündert.“ Sergio Morabito hat in der Zwischenzeit den Kontakt gehalten, war mehrfach in Moskau. „Neun Stunden musste Kirill auf die Vernehmung durch den Geheimdienst warten – im Stehen.“ Erst war der Regisseur offiziell nur Zeuge im Verfahren, musste aber trotzdem schon mal den Reisepass abgeben. Inzwischen steht er unter Hausarrest mit Fußfessel – nach Meinung des stellvertretenden russischen Kulturministers eine „humane Variante“ zur Untersuchungshaft. In Wahrheit ist es angesichts zahlreicher Auflagen – zum Beispiel kein Internet, keine Gespräche mit Mitarbeitern – der Versuch, ihn konsequent von jeder künstlerischen Arbeit fernzuhalten. Und damit auch von der Inszenierung in Stuttgart, wie das Gericht betonte.

„Stuttgarter ,Hänsel und Gretel‘-Inszenierung geplatzt“ tönten dann auch prompt am 23. Mai einige Medien auf die Schnelle – ohne die Rechnung mit dem Intendanten Jossi Wieler gemacht zu haben. „Natürlich gibt es immer wieder Regie­absagen. Es gibt Inszenierungen, die während der Proben scheitern, es gibt Umbesetzungen. Das gehört mit zur Theaterroutine“, beschreibt Wieler. „Aber das hier ist für die deutschen Theater eine völlig neue Situation. Zum wahrscheinlich ersten Mal in der bunesdeutschen Theatergeschichte wird versucht, einen Theaterregisseur aus politischen Gründen von einer Inszenierung abzuhalten. Dem können und wollen wir uns nicht widerspruchslos beugen. Wir geben darum den Künstler nicht preis, halten an seiner Arbeit fest.“

Dass sich Serebrennikow tatsächlich kriminell an öffentlichen Geldern bereichert haben könnte, halten beide Stuttgarter für absurd. „Niemand in Moskauer Kulturkreisen glaubt das“, berichtet Morabito, der gerade erst von einem achttätigen Besuch in Moskau heimgekehrt ist. Es gehe darum, mit Repressionen das Moskauer Gogol-Theater zu treffen, „eine Enklave der Freiheit“. Es habe sich dank Serebren­nikow zum Zentrum eines jungen, Putin-kritischen Publikums entwickelt, das auch bereit sei, auf den Straßen gegen Korruption und gegen den Abbau der Bürgerrechte zu demonstrieren. Der Fall des Regisseurs finde in Russland große Beachtung. „Bei vielen, die sich irgendwie mit den autokratischen Verhältnissen schon arrangiert hatten, führt es nun zu einem bösen Erwachen. Es wirkt wie ein Wendepunkt.“