Kirsten Heisig Die unbequeme Richterin

Von  
-

Zur Strafe: Sitzungen bei der Schuldnerberatung


Warum macht man so etwas? Anecken, auffallen, sich auseinandersetzen - ohne viele Lorbeeren, dafür aber mit auch bitteren persönlichen Einbußen, mit einem Privatleben, das hintansteht. Wer Kirsten Heisig beobachtet, der ahnt: sie macht es, weil es nur so geht und nicht anders. Das spürt man im Gerichtssaal, morgens um kurz nach neun. Türel sitzt vor ihr, ein schmächtiger junger Mann, diesmal ist es Schwarzfahren und Körperverletzung. Die Körperverletzung ist vier Jahre her, der Zeuge kommt nicht, das Verfahren wird eingestellt - bleibt das Schwarzfahren. Türel kommt gerade vom Wehrdienst, hat die deutsche Staatsbürgerschaft, und was er erzählt klingt wie die Geschichte von jemandem, der versucht, sein nicht ganz einfaches Leben zu ordnen. Abendschule, Ein-Euro-Job. Heisig könnte diesem Mann eine Geldbuße aufdrücken oder Sozialstunden. Andere würden das tun. Sie aber fragt nach. Sie will wissen. Und deshalb hört sie irgendwann raus, dass der Junge Schulden hat. Sie sagt: "Freizeitarbeit brauchen Sie nicht, Sie haben genug zu tun. Aber ich verurteile Sie zu fünf Sitzungen bei der Schuldnerberatung. Sie müssen das in Ordnung bringen, sonst können sie nicht durchstarten." Das klingt nicht nach Richterin Gnadenlos.

Ein Polizist, der als Zeuge in einem anderen Fall vor der Türe wartet, kennt die Richterin. "Sie ist zugewandt, sie ist interessiert", sagt er. "Sie redet mit den Jugendlichen in einer Sprache, die die verstehen. Ich wollte, andere Richter wären so."

An diesem Abend sitzt Kisten Heisig in in einer Kneipe. Sie hat Urlaub genommen, will ihr Buch fertigschreiben - ein Buch über ihre Erfahrungen, ihre Diagnose der Misere. "Der Staat", sagt Kirsten Heisig "ist ein zahnloser Tiger geworden - er verliert seine Autorität." Der Politik wirft sie vor, die Probleme nicht beim Namen zu nennen - aus purer Feigheit.

Kritik von allen Seiten


Und Kirsten Heisig sagt Dinge, die man eher aus dem Mund von Leuten wie Thilo Sarrazin vermutet. Sie plädiert dafür, Kinder aus Familien zu nehmen, wenn sie dort kriminelle Strukturen wähnt. In vielen ihrer Äußerungen findet man einen direkten Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität. Vielen arabischstämmigen Familien spricht sie den Willen zur Integration schlicht ab. "Viele Araber halten sich für die überlegene Rasse. Deren Clanstruktur ist archaisch, und was aus dieser Kultur heraus nicht verstanden wird ist ein Staat, der sich mit einer Laisser-Faire-Haltung präsentiert. Die lachen sich darüber kaputt. In ihrer Denke ist Diskutieren und Nachgeben nichts als Schwäche." Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, der muss mit Kritik von allen Seiten rechnen.

Cengiz Tanriverdio ist Sozialabeiter in Neukölln: "Sie ethnisiert soziale Probleme", sagt er. "Mit der Art, in der sie tatsächlich bestehende Probleme anspricht, wird die versäumte Integrationspolitik auf dem Rücken der Jugendlichen ausgetragen." Manche Verteidiger schreien angesichts der beschleunigten Verfahren auf. Kollegen werfen Kirsten Heisig Profilierungssucht vor. Manch einer hat sie inzwischen gefragt, ob sie nicht in der Politik besser aufgehoben wäre als im Gericht. Sie ist auf das politische Mäßigungsgebot hingewiesen worden, dem sie als Richterin unterliegt. Und dann gibt es Kollegen, die sagen, die Aktivitäten der Kirsten Heisig seien völlig überschätzt. "Die beschleunigten Verfahren sind doch nur ein ganz geringer Anteil", sagt ein Richterkollege. "Und ob das alles wirkt, weiß auch noch keiner."

Kirsten Heisig kennt die Kritik. Und sie nimmt sie gelassen. "Ich bilde mir nicht ein, dass diese Maßnahmen ein Allheilmittel sind", sagt die schmale Frau mit dem Madonnengesicht, "aber wenn alle, die an diesem Problem arbeiten, über ihren persönlichen Tellerrand hinausagieren würden, dann würde sich etwas bewegen." Und mehr will sie ja gar nicht.