Kiss in Stuttgart Sag zum Abschied leise „Bumm!“

Kiss in Stuttgart: Gene Simmons, Tommy Thayer und Paul Stanley (v. li.) Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Von wegen Zeitenwende. Auf ihrer Abschiedstour machen die US-Hardrocker Kiss in der Schleyerhalle alles wie immer: bunt, laut und wunderschön überdimensioniert.

Große Überraschungen waren nicht zu erwarten, und es wäre auch albern, würde die New Yorker Hardrock-Band Kiss nach fast 50 Jahren ausgerechnet auf ihrer Abschiedstour noch mal ellenbogentief in die Trickkiste greifen. Die nämlich haben sie letztmals vor 25 Jahren geöffnet und komplett leer geräumt. Damals legten sie wieder ihr ikonisches Make-up auf. Seither verwalten sich Kiss in ihrer angestammten Opulenz selbst – als Kurator, Exponat und Nachtwächter in ihrem Rock-’n’-Roll-Museum.

 

12 500 Fans werden am Dienstagabend in der Schleyerhalle Zeuge davon, dass dies trotzdem locker ausreicht, eine Show aufzufahren, die aller Ehren wert und auch ein bisschen fantastisch ist. Selbst wenn bei Gene Simmons, Paul Stanley, Tommy Thayer und Eric Singer kaum noch Grenzen zwischen Dienstleistung und Zeremonie zu erkennen sind.

Geliefert wie bestellt

Wie immer tönt die vollmundige Ansage aus den Boxen: „You wanted the best, you got the best. The hottest band in the world: Kiss.“ Wie immer fällt der Bühnenvorhang mit dem großen Kiss-Logo, dann böllern Kanonenschläge, Feuer steigt hoch, Nebel wabert, und zu „Detroit Rock City“ schweben Kiss auf Plattformen zu ihrem Arbeitsplatz hinab. Bunt, laut, überlebensgroß und geliefert wie bestellt.

Nach fast 50 Jahren soll nun aber wirklich Schluss damit sein: „End of the Road“, das Ende der Strecke sozusagen, heißt ihre Abschiedstournee. Kiss fahren den restlichen Weg, exakt wie sie das auch die Jahrzehnte vorher gemacht haben: ohrenbetäubend laut und voll auf Dienstleistung getrimmt. Wie so ein altes, aber zuverlässiges Auto.

Keine halben Sachen

„Wir haben alte Lieder, ältere Lieder und noch ältere Lieder eingepackt“, kreischt Paul Stanley (70) in seinem hysterischen Timbre in die volle Halle. Und es stimmt: „Say Yeah“ ist dreizehn Jahre alt, „Psycho Circus“ hat 24 Jahre auf dem Buckel – viel jünger wird’s nicht. „Deuce“ von ihrem Debüt 1974 klingt allerdings ebenso druckvoll wie die Stücke neueren Datums. Denn Kiss machen eben keine halbe Sachen. Immer schön dick mit Lametta dran. Und das alles ist sagenhaft unterhaltsam. Was im groben Zirkus untergehen könnte, wird in der Schleyerhalle mit mehreren Kameras für die großen Videoleinwände eingefangen. Wie zum Beispiel die andauernd schlängelnde und unmenschlich lange Zunge von Gene Simmons. Denn bei Kiss geht nichts verloren.

Kiss leben von ihrer Historie

Knapp zehn Jahre ist es her, dass sich Kiss letztmals der Kulturarbeit verdächtig gemacht haben. Doch mit Platten lasse sich kein Geld mehr verdienen, sagte der geschäftsführende Bassist und Sänger Gene Simmons (72) damals, als sie ihr letztes reguläres Album „Monster“ veröffentlicht haben. Ähnlich wie die Vorgängeralben „Sonic Boom“ und „Psycho Circus“ war’s auch ein bisschen egal. Denn seit die New Yorker Hardrocker 1996 wieder das Make-up aufgelegt haben, leben Kiss ausschließlich von ihrer bewegten Historie. Im Prinzip kopieren sie sich längst selbst. Sogar die Kostümierungen der Ur-Mitglieder Peter Criss (Schlagzeug) und Ace Frehley (Gitarre) werden von Eric Singer und Thommy Thayer aufgetragen. Musikalisch ist das weise, spielen beide Musiker doch weit zuverlässiger als die mittlerweile etwas angeschlagenen Originale.

Alles wie immer, na klar

Und, na klar: Wie immer spuckt Bassist und Sänger Gene Simmons Feuer und Kunstblut. Wie immer spielt er dabei ein musikalisch unerhebliches Basssolo, das zu „God of Thunder“ überleitet. Wie immer mündet das Schlagzeugsolo von Eric Singer in „100,000 Years“. Und wie immer fährt Sänger und Gitarrist Paul Stanley mit der Seilbahn über die Köpfe des Publikums hinweg. Reiseziel: ein Podest mitten in der Menge. Er singt „Love Gun“ und nach „I was made for lovin’ you“ geht’s wieder zurück. Ja, wie immer. Nur die Liedabfolgen werden manchmal getauscht.

Hier gibt es keinen Krieg

Wer das Schauspiel zum ersten Mal sieht, freut sich ob des Firlefanzes und der optischen Opulenz. Wer’s schon wieder sieht, freut sich, dass in einer Welt voller Zeitenwende, Unwägbarkeiten und Widrigkeiten wenigstens auf das hier Verlass ist. Bei Kiss ist immer Freitagabend oder Samstagabend – völlig unabhängig vom Wochentag. Wo Kiss sind, da gibt’s zwar „War Machine“, übrigens einst von Bryan Adams mitkomponiert, aber es gibt eben keinen Krieg. Es gibt auch kein Corona, keine Existenz- oder Zukunftsängste und keinen Hass. „Safe Space“ nennt man das heute. Kiss sind das. Mit dem Versprechen sind sie vor fast 50 Jahren angetreten, und sie werden einen Teufel tun, jetzt auf den letzten Metern damit zu brechen.

115 Minuten später, nach „Rock and Roll all Nite“ und kistenweise Konfetti und Luftschlangen war alles wie immer. Nur eben zum letzten Mal. „God gave Rock ’n’ Roll to you“ läuft im Hintergrund. Kiss meinen sich damit wahrscheinlich selbst. Passt schon. Haben sie sich verdient.

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