Kita-Beschwerde in Böblingen „Mein Kind hat Trisomie 21 und wird vernachlässigt“

Alle Kinder, mit und ohne Behinderung, haben das Recht, zusammen aufzuwachsen und zu lernen. Bei der Umsetzung von Inklusion hakt es jedoch öfters. Foto: Christoph Soeder/dpa

Ben hat Trisomie 21 und besucht einen Regelkindergarten. Doch wenn seine Integrationskraft nicht da ist, gibt es Probleme. Seine Mutter hat nun Beschwerde eingelegt.

Böblingen: Veronika Andreas (va)

Es ist ein sonniger Tag. In der modernen Mehrfamilienhaus-Siedlung im Herzen Böblingens ist es ruhig an diesem Mittag, nur ein paar Vögel zwitschern. In einem der Häuser wohnt die dreiköpfige Familie Dombrowsky. „Hallo“, tönt eine helle Stimme durch das Treppenhaus. Der sechsjährige Ben steht an der Wohnungstür und lächelt. Der fröhliche, kleine Junge besucht heute nicht den Kindergarten wie andere Kinder in seinem Alter. Er muss zuhause bleiben. Seine Mutter, Sandra Dombrowsky, sagt: „Ich schicke Ben nur noch an den Tagen in den Kindergarten, an dem seine Integrationskraft da ist.“ Zu groß sei die Sorge um ihr Kind an den anderen Tagen, an denen Ben keine Betreuerin an seiner Seite hat. Sandra Dombrowskys Erfahrungen zeigen: dann klappt nicht mal das Wickeln.

 

Etliche Male musste sie mit ihrem Sohn wegen eines wunden, entzündeten Pos infolge einer über mehrere Stunden getragenen, vollen Windel zum Kinderarzt gehen, sagt Bens Mutter. Manchmal habe er sogar eine fiebrige Infektion davon getragen. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, sei aber ein Vorfall am 22. Mai dieses Jahres gewesen, schildert die 47-Jährige. „Als ich Ben von der Kita abholte, stellte ich zu Hause fest, dass er extrem durstig war. Ich entdeckte, dass seine Vesperdose und die Trinkflasche noch komplett gefüllt waren. Er hatte also die ganze Zeit weder getrunken noch gegessen.“ Dombrowsky bemerkte zudem, dass Bens Windel randvoll mit Stuhlgang war, der sich bereits am Gesäß festgesetzt hatte.

„Ben ist aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht in der Lage, seine Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst oder Toilettengang selbstständig zu erkennen und mitzuteilen. Er benötigt hierbei besondere Unterstützung“, erklärt die 47-Jährige. „Die bekommt er nur, wenn die Integrationskraft da ist. Da klappt alles prima. An den anderen Tagen läuft er einfach nebenher.“

Kita-Beschwerde: Mutter kämpft gegen Vernachlässigung ihres Kindes

„Diesen Vorfall konnte ich nicht mehr tolerieren“, sagt die Mutter, ihr schießen die Tränen in die Augen. „Es ist nicht schön, wenn man seinem Kind den Stuhlgang vom Hintern kratzen muss“, fügt sie hinzu. Trotz mehrfacher Hinweise, persönlicher Gespräche der Eltern mit der Einrichtungsleitung der Kita, dem pädagogischen Personal sowie der Bereichsleitung habe sich an der Situation nichts geändert.

An Tagen, an denen die Integrationskraft nicht anwesend sei, klappe die Versorgung und Betreuung ihres Sohnes einfach nicht. „Die ganzen Streitereien haben mich vermutlich zehn Jahre meines Lebens gekostet. Ich hätte nie gedacht, dass es so endet“, sagt die Mutter. „Ich habe es so oft auf die nette Art versucht. Ich habe den Erzieherinnen angeboten, zum Wickeln in den Kindergarten zu kommen, da wir gleich nebenan wohnen. Aber der Vorschlag wurde abgelehnt.“

Weil sie bis heute keine Verbesserung feststellen konnte, hat sie nun eine Dienstaufsichtsbeschwerde und Beschwerde wegen unzureichender Betreuung ihres Sohnes in der Kita eingereicht. Dadurch wurde auch das Landesjugendamt über den Fall informiert. Die Eltern von Ben hoffen nun, dass sie mit ihrer Beschwerde erreichen, dass das Thema Inklusion an Kitas künftig besser gelingt. Denn Ben besucht nur noch bis zum Sommer den Kindergarten, im Herbst kommt er in die Schule.

Sandra Dombrowsky kämpft mit ihrem Mann für eine bessere Inklusion. Foto: V. Andreas

Kita-Besuch: Vom Glück zur Krise

Dabei hatte alles so gut angefangen. Im Januar 2022 kam Ben in die Kita. „Wir haben uns bewusst für einen Regelkindergarten entschieden. Damals lief alles perfekt“, sagt Dombrowsky. Die Eingewöhnung sei problemlos verlaufen und Bens damalige Bezugserzieherin und er seien ein Herz und eine Seele gewesen. Dann habe die Kindergartenleitung gewechselt und auch Bens Bezugserzieherin sei gegangen.

Ab diesem Zeitpunkt habe sich die Betreuungssituation stetig verschlechtert. Ben hatte in der Zeit vier verschiedene Integrationskräfte. Die eine sei öfter krank als anwesend gewesen, die andere habe Ben Knete essen lassen, schildert Dombrowsky ihre Erfahrungen. Die dritte habe Ben an den Kopf gelangt. Mit der jetzigen Integrationskraft sind die Eltern sehr zufrieden. Allerdings ist diese nur wenige Stunden pro Woche da. Da Sandra Dombrowsky bis zum Ende des Jahres unbezahlten Urlaub eingereicht hat, ist es überhaupt möglich, dass ihr Sohn nur noch an drei Tagen in der Woche für ein paar Stunden den Kindergarten besucht.

Stadt Böblingen schweigt

Die Stadt möchte sich zu dem Vorfall in der Kita nicht öffentlich äußern. „Leider können wir aus datenschutzrechtlichen Gründen hierzu keine Aussage treffen“, sagt ein Sprecher der Stadt Böblingen. Sie seien aber an dem Fall dran.

„Der Vorfall im Mai hat mir einfach den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt die 47-Jährige. Die Eltern hoffen nun, mit ihrer Klage die Inklusion an Kitas weiter voranzutreiben. „Auch wenn Ben bald eingeschult wird, es werden weitere Kinder folgen, die auf einen verlässlichen und würdevollen Umgang in städtischen Einrichtungen angewiesen sind“, sagt sie. Vielleicht helfe ihre Beschwerde, dies zu erreichen.

Weitere Themen