Kita in Bad Cannstatt Integration selbst gemacht

Um die Familienfreizeit zu finanzieren, verkaufen die Kita-Eltern selbst gemachte landestypische Speisen. Foto: Maira Schmidt
Um die Familienfreizeit zu finanzieren, verkaufen die Kita-Eltern selbst gemachte landestypische Speisen. Foto: Maira Schmidt

Wenn die Kita an der Daimlerstraße zu ihrer Familienfreizeit aufbricht, müssen mehrere Busse geordert werden. Rund 120 Bewohner aus dem Veielbrunnen sind dabei. Fast alle haben einen Migrationshintergrund, rund 14 Nationalitäten sind vertreten.

Bad Cannstatt: Maira Schmidt (mai)
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Bad Cannstatt - Eine gewöhnliche Reisegruppe ist es sicher nicht. Wenn die Kindertageseinrichtung an der Daimlerstraße 103c am 29. Mai zu ihrer alljährlichen Familienfreizeit aufbricht, müssen gleich mehrere Busse geordert werden. Rund 120 Bewohner aus dem Veielbrunnen sind in diesem Jahr dabei. Fast alle haben einen Migrationshintergrund, rund 14 verschiedene Nationalitäten sind vertreten. Vier Tage werden sie gemeinsam in einer Jugendherberge in Todtnau im Schwarzwald verbringen.

2008 hat die Kita einen Präventionspreis gewonnen

„Für viele ist es der einzige Urlaub im Jahr“, sagt Martina Koch. Die Mutter engagiert sich gemeinsam mit vielen anderen Kita-Eltern seit Jahren für die Aktion. Denn die Familienfreizeit wird nicht in erster Linie von den Mitarbeiten der Einrichtung organisiert, sondern von den Eltern. Fatma Eroglu ist von Anfang an dabei. Die Mutter erinnert sich noch gut, wie die erste Familienfreizeit vor sechs Jahren zustande gekommen ist. 2008 habe die Kindertageseinrichtung einen Präventionspreis gewonnen. Er war mit 10 000 Euro dotiert. „Wir haben überlegt, was wir mit dem Geld machen“, erzählt Fatma Eroglu. Schließlich habe man sich entschieden, die Kita-Kinder mit ihren Familien in einen Kurzurlaub einzuladen. „In diesem Gebiet leben viele Familien am Existenzminimum“, Ausflüge seien nicht selbstverständlich, erzählt die Mutter.

Die erste Tour ging nach Blaubeuren im Alb-Donau-Kreis. Schon damals seien es mehr als 100 Teilnehmer gewesen, vom zwei Wochen alten Säugling bis zur Großmutter eines Kita-Kindes. „Es war so überwältigend“, schwärmt Fatma Eroglu. Deshalb habe man beschlossen, im kommenden Jahr gleich wieder wegzufahren. Doch das Preisgeld war aufgebraucht, also gingen die Eltern – wie es Mutter Claudia Kaul formuliert – Klinken putzen. Sie haben Sponsoren gesucht, auf Flohmärkten, Firmenfesten und vielen anderen Veranstaltungen bieten sie seither ihre selbst gemachten landestypischen Leckereien an. So ist es möglich, dass Erwachsene für gerade mal 15 Euro und Kinder für zehn Euro an der Familienfreizeit teilnehmen können. Mitfahren dürfen aber nicht nur die Eltern und Geschwister der aktuellen Kita-Kinder, auch wer sein Kind seit dem Start der ersten Familienfreizeit in der Einrichtung untergebracht hatte, ist willkommen.

Die Eltern schauen, wie sie sich gegenseitig helfen können

Die Organisation vor Ort wird ebenfalls von den Eltern übernommen. „Es werden die Stärken jedes Einzelnen genutzt“, sagt Fatma Eroglu. Während der eine Papa grillt, organisieren andere eine Schnitzeljagd und wieder andere eine Nachtwanderung. Ziel sei es, dass die Familien Zeit miteinander verbringen. Doch die Funktion der Familienfreizeit geht inzwischen weit darüber hinaus. Gerade für Eltern, die noch nicht so gut deutsch sprechen, sei es eine Gelegenheit, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, sagt Claudia Kaul. Martina Koch ergänzt: „Es sind schon viele Freundschaften entstanden.“ Die Eltern lernen sich kennen und schauen, wie sie sich gegenseitig helfen können. Manchmal sind es ganz banale Dinge, wie etwa das fehlende Kinderbett. Laut Claudia Kaul wurden aber auch schon Arbeitsplätze und Wohnungen vermittelt. Die Kita-Eltern hoffen deshalb, dass die Familienfreizeit auch in Zukunft jedes Jahr zustande kommt. Zum zehnjährigen Jubiläum haben sie außerdem einen besonderen Wunsch: „Schön wäre es, wenn wir beim zehnten Mal am Meer wären“, sagt Fatma Eroglu.




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