Kita-Krise in Baden-Württemberg Das Versprechen an Mütter wird gebrochen
Wegen Personalnot gibt es weniger Kinderbetreuung. Dass Eltern nun dagegen protestieren ist richtig, findet unsere Autorin Lisa Welzhofer.
Wegen Personalnot gibt es weniger Kinderbetreuung. Dass Eltern nun dagegen protestieren ist richtig, findet unsere Autorin Lisa Welzhofer.
Kitaplätze für alle Kinder zu schaffen – das war das wohl größte Versprechen der Politik an Frauen in den vergangenen 20 Jahren. Schwanger zu werden, das sollte in Deutschland für Mütter endlich nicht mehr bedeuten auf dem beruflichen Abstellgleis und in der finanziellen Abhängigkeit von einem Partner oder staatlichen Hilfesystemen zu landen. Wenn man es so will, war es das Versprechen, Mutter werden und dennoch frei sein zu können. Man muss es so pathetisch formulieren, um deutlich zu machen, was auf dem Spiel steht, wenn dieses Versprechen auf Dauer nicht mehr eingehalten würde.
Dass das Betreuungssystem in seiner jetzigen Form aufgrund der riesigen Personalnot kaum noch funktioniert, haben die Entscheidungen der vergangenen Tage gezeigt: Tübingen wird nur noch wenige Kitas haben, die bis abends aufhaben, Stuttgart schafft zusätzliche Plätze über vergrößerte Gruppen, in Filderstadt macht eine Kita komplett zu, Schorndorf reduziert die Öffnungszeiten. Der Städtetag prophezeit ähnliches vielerorts. Es ist auch die Fürsorgepflicht gegenüber Kindern und überforderten Fachkräften, die es gebietet, das System an das wenige Personal anzupassen.
Man kann das Verhalten der Verantwortlichen also verstehen – wenn nur noch drei von 14 Stellen in einem Kinderhaus besetzt sind, was bleibt dann anderes als es zu schließen? – wobei das nicht heißt, dass man nicht wütend sein darf.
Immerhin gibt es Gründe für die Misere. Sie liegen auch darin, dass der Frauen- und Zuverdienerinnenberuf der Erzieherin jahrzehntelang unterbezahlt war und sich zu spät etwas geändert hat, um rechtzeitig mehr Nachwuchs zu gewinnen. Gleichzeitig verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen, sodass der Beruf nun unter einem massiven Imageproblem leidet. Es ist deshalb richtig, dass Eltern in vielen Orten gegen Kürzungen demonstrieren, dass sie auf die Straße gehen und offene Briefe schreiben und manchmal auch zu so drastischen Mitteln greifen wie in Schorndorf, wo sie die Kinder absichtlich zu spät abholen. Das sollte zwar die Ausnahme sein, aber man kann zeigen: Längst können viele Familien ohne zwei Gehälter nicht überleben. Längst ist die gleichberechtigte Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit Basis vieler funktionierender Elternbeziehungen.
Auch das macht der Elternprotest deutlich: Es gibt eine breite Übereinkunft, dass Kinderbetreuung und frühkindliche Bildung, die der Staat lange recht bequem als Arbeit aus Liebe bei den Müttern abgeladen hatte, eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Weil man weiß, dass manche Kinder Kitas brauchen, um Existenzielles wie Sprache und einen guten Umgang miteinander zu lernen. Nicht nur das Freiheits-Versprechen an Mütter und mittlerweile auch Väter wird schlimmstenfalls nicht mehr eingelöst, sondern auch das Versprechen an alle Kinder auf einen guten Start ins Leben.
Die Verantwortlichen in den Gemeinden treibt dieses Aufbegehren hoffentlich an, die nun teils angestoßenen Initiativen weiter zu verfolgen, mit allen gemeinsam – auch den Eltern – an Lösungen zu arbeiten. Etwa die Fachkräfte von Verwaltungsarbeit zu entlasten, Quereinsteiger und Fachkräfte aus dem Ausland zu schulen und schneller in die Kitas zu holen, Vereine und Studenten in den Alltag der Einrichtungen einzubeziehen.
In der Pandemie hat die Politik viele Familien enttäuscht, weil sie mit zu lange geschlossenen Kitas und Schulen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwer machte und das Recht der Kinder auf Teilhabe und Bildung stark einschränkte. Aktuelle Studien zeigen, dass gerade das Vertrauen von Müttern in die Politik gesunken ist. In der Kita-Krise sollte es unbedingt anders laufen.