Kita-Situation in Stuttgart Stadt denkt über weniger Ganztagsplätze nach

Nicht alle Eltern, die Ganztag gebucht haben, bräuchten ihn, sagt Isabel Fezer. Foto: dpa/Monika Skolimowska

Um zusätzliche Betreuungsplätze zu schaffen, will die Stadt Stuttgart Eltern fragen, ob ihre Kinder weniger Stunden in der Kita verbringen können. Dieser Vorstoß stößt umgehend auf Kritik.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Wie unsicher die Betreuungssituation in den Kitas in Stuttgart für Eltern ist, konnten die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses in ihrer jüngsten Sitzung live erleben: Um punkt 15 Uhr verließ der Gemeinderat Jörg Sailer (Freie Wähler) den Raum. Zuvor hatte er angekündigt, gehen zu müssen, „weil unser Kindergarten wegen Personalnot schon um halb vier zumacht – und nicht wie eigentlich um halb fünf“.

 

Sailer lieferte damit das Praxisbeispiel für das zentrale Thema an diesem Tag im Ausschuss. Die Mitglieder diskutierten darüber, wie man die Situation von Eltern, die mit der Notbetreuung, verkürzten Öffnungszeiten und dem Beruf jonglieren müssen, verbessern und gleichzeitig mehr Kitaplätze für unversorgte Kinder schaffen kann.

740 Vierjährige ohne Platz

Denn auch die jüngste Statistik für 2022 zeigt: In Stuttgart fehlen mehrere Tausend Betreuungsmöglichkeiten. Derzeit gibt es für jedes zweite Kind bis drei Jahre einen Kitaplatz. Allerdings ist das eine rein rechnerische Zahl, denn gut 1300 der Plätze können nicht besetzt werden, meist fehlt das Personal. Auch den Versorgungsgrad von 59 Prozent aller Kinder, den sich die Stadt vorgenommen hat, wird sie in den kommenden Jahren nicht erreichen können. Denn die Zahl der jüngsten Einwohner steigt laut Prognosen schneller, als Plätze geschaffen werden können.

Sechs Stunden statt acht Stunden?

Einen Lösungsansatz der Verwaltung präsentierte die Bürgermeisterin Isabel Fezer nun im Jugendhilfeausschuss: Die Stadt will prüfen, ob Ganztagsplätze mit acht Stunden und mehr Betreuung in Sechs-Stunden-Plätze, sogenannte VÖ-Plätze mit verlängerten Öffnungszeiten, umgewandelt werden könnten. Dazu will die Verwaltung zunächst die Eltern fragen, welchen Platzbedarf sie haben. „Wir haben nicht vor, nur noch VÖ-Plätze anzubieten, aber wir wissen, dass es Eltern gibt, die den Ganztag mitnehmen, obwohl sie ihn nicht vollständig brauchen“, so Fezer. Sie erhofft sich davon zweierlei: mehr Plätze aus dem bestehenden Angebot heraus zu schaffen – unter anderem für die 740 Vier- bis Sechsjährigen, die derzeit keine Betreuungsmöglichkeit in Stuttgart haben. Und die gebuchten Zeiten für die Eltern verlässlicher zu machen. Fezer betonte: „Wir wollen wie bislang den Bedarf der Familien decken.“

Woran bemisst sich der Ganztagsanspruch?

In ihren Beiträgen beurteilten die Rätinnen und Räte die Idee unterschiedlich. Während Doris Höh von der FDP eine Reduzierung von Betreuungszeiten ablehnte, forderten Jasmin Meergans (SPD) und Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne), dass die Familien in solch einen Prozess eng einbezogen werden müssten.

„Es dürfen wirklich nur Stunden reduziert werden, wenn die Eltern freiwillig darauf verzichten“, sagte Gabriele Nuber-Schöllhammer. Sie sieht die Gefahr, dass vor allem Mütter, die nach wie vor den Großteil der Sorgearbeit übernähmen, am Ende beruflich zurückstecken müssen, wenn der Ganztag reduziert wird. Außerdem dürfe es nicht so kommen, dass nur Paare, die auf beide Gehälter angewiesen sind, Anspruch auf einen Ganztagsplatz haben. „Es kann nicht am Ende heißen: Deren Mann verdient doch gut, die braucht keinen Kitaplatz. Das wäre ein großer Rückschritt für Frauen“, so die Gemeinderätin.

Was kann die Wirtschaft tun?

Luigi Pantisano vom Linksbündnis hob auf die Situation der Eltern ab, die bereits einen Platz für ihr Kind haben. Diese hätten massive Probleme, weil die Betreuungszeiten wegen Personalmangels und Krankheiten ständig verkürzt würden oder sogar ganz ausfielen. Vertreter der Stadt müssten sich mit den Arbeitgebern zusammensetzen und überlegen, wie man Eltern unterstützen könne, so Pantisano. Außerdem sollte Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) das Thema zur Chefsache machen. Auch die Frage, wie man mehr Fachkräfte für Kitas gewinnen könnte und ob die Stadt schon genug dafür tut, diskutierten die Ausschussmitglieder. Trägervertreter im Gremium, wie Jörg Schulze-Gronemeyer von der evangelischen Kirche und Waltraud Weegmann vom privaten Träger Element-e, attestierten der Stadt, im Vergleich mit anderen deutschen Kommunen vorbildlich zu sein. Unter anderem hat Stuttgart in den vergangenen Jahren zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen, entlastet Fachkräfte von der Verwaltungsarbeit, zahlt Zulagen und stellt das Deutschland-Ticket für die Bahn kostenlos zur Verfügung.

Einstiegsgehalt einer Erzieherin: 3400 Euro

Luigi Pantisano findet allerdings, dass das Gehalt von Erzieherinnen nach wie vor zu niedrig sei. Außerdem sollten Kitafachkräfte für die eigenen Kinder keine Kitagebühren zahlen müssen, forderte er. Isabel Fezer hingegen findet, dass Erzieher im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen mit knapp 3400 Euro Einstiegsgehalt gut verdienen. Das Image sei hier schlechter als die Wirklichkeit, so die Bürgermeisterin.

Unterschiedlicher Meinung waren Pantisano und Fezer auch über eine geplante Demonstration der Eltern-Initiative Kitastrophe Stuttgart im Juli. Pantisano freut sich über das Eltern-Engagement. Die Situation von Familien brauche dringend mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Isabel Fezer hingegen findet, dass eine Demonstration unter dem Motto „Kitastrophe“ das Bild von Kitas und der Arbeit dort weiter dramatisiere, sodass sich womöglich noch weniger Menschen entscheiden würden, Erzieher oder Erzieherin zu werden.

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