Niedliche Rentiere vor den Augen von Kindern schlachten: Darf man das? Der Ausflug eines norwegischen Kindergartens zu einer Rentierfarm hat bei Facebook einen Proteststurm ausgelöst.

Leben: Markus Brauer (mb)

Trondheim/Stuttgart - So geht Kindererziehung in Norwegen: Der Ausflug des norwegischen Kindergartens Granstubben Barnehage zu einer Rentierschlachtung hat auf Facebook helle Empörung ausgelöst. Besser gesagt: Eine veritablen digitalen Orkan #RentierMassaker #Shitstorm.

Die Bilder, die die Kita-Mitarbeiter aus Henning bei Trondheim ins Netz gestellt haben, sind in der Tat an Expressivität kaum zu überbieten. Man sieht auf den Fotos Kinder, die blutige Rentierfelle durch den Schnee schleifen und die Köpfe der Tiere in hohem Bogen in einen Abfallcontainer schmeißen.

#RentierMassaker#Shitstorm

Auf Facebook haben die Bilder einen Sturm ausgelöst, gegen den die Raubzüge der Wikinger wie eine sanfte Brise wirken. Mit den Zwei- bis Sechsjährigen wollten die Erzieher mal einen richtig „netten“ Ausflug machen.

Rentierschlachtungen sind in Norwegen nichts Besonderes. „Das ist ein normaler Teil des Lebens“, sagt Kindergartenleiter Dag Olav Stølan. In dem sozialen Medium hagelt es seitdem entsetzte Kommentare. Die Pädagogen werden als „Perverslinge“ beschimpft.

Eine Nutzerin schreibt: „Man sollte niemals Tiere vor den Augen von unschuldigen Kindern töten.“ Eine andere fordert gar die Schließung des Kindergartens. „Ihr seid doch krank im Kopf.“

Norweger sind ganz relaxed

Viele Norweger reagieren – anders als Nicht-Borweger - dagegen durchaus positiv auf den Trip in die Natur mit pädagogischem Hintergrund: „Schön zu sehen, dass Kindergärten Kindern auch beibringen können, wo das Essen herkommt“, schreibt ein Nordmann.

Die norwegischen Erzieher sind – anders als vielleicht zu erwarten – nicht besonders entsetzt über den Shitstorm. Im Gegenteil: Sie freuen sich riesig über das öffentliche Interesse an ihrem Ausflug ins „Blutland“.

„Wir sind als Kindergarten überwältigt von dem Interesse“

Die Reaktionen waren teilweise so heftig, dass der Kindergarten allen gemeinsam im sozialen Netzwerk antwortete. „Wir sind als Kindergarten überwältigt von dem Interesse. Wie man auf unserer Facebook-Seite sehen kann, sind wir viel an der frischen Luft“, heißt es in einem süffisanten Posting auf der Facebook-Seite der Kita.

Den Kindern habe das Zusehen nicht geschadet, beteuert der Kindergarten. „Die erste Begegnung mit der Schlachtung fanden die Kinder etwas seltsam, aber es hat nicht lange gedauert, bis es ganz „normal“ war und die Kinder Felle, Füße und Köpfe aufgeräumt haben“, heißt es auf Facebook.

Ausflug zu den „Eingeborenen“

Den Ausflug hätten die Erzieher mit den Kindern unternommen, damit sie etwas über das Leben der Samen, der indigenen Einwohner Nord-Skandinaviens, lernen könnten, meint Kindergartenleiter Stølan. „Ein zentraler Teil ihrer Kultur ist das Rentierschlachten, sie leben davon.“ Er verstehe aber, dass die Bilder bei manchen Menschen starke Reaktionen hervorrufen könnten.

„Viele Menschen auf dieser Welt gehen einfach in den Supermarkt, um Fleisch zu kaufen, aber sie denken nicht darüber nach, wo es herkommt“, ergänzt Stølan. „Wir finden, dass es wichtig ist, Kindern das früh im Leben beizubringen.“

Schlachtungen mit Kindern sind in Norwegen ganz normal

Tierschützer wüten, Veganer fluchen

In Skandinavien ist es vielerorts normal, dass Kinder etwa in Zoos oder auf Bauernhöfen beim Schlachten oder Obduzieren von Tieren dabei sind. In Kopenhagen hatte das Töten und öffentliche Zerlegen des Giraffenjungen Marius 2014 allerdings einen Proteststurm in den internationalen Medien hervorgerufen. Wütende Tierschützer hatten dem Zoodirektor Bengt Holst sogar Morddrohungen geschickt. Der hatte aber an seinem Standpunkt festgehalten und sich gegen die „Disneyfizierung“ von Zootieren gewehrt.

Um besorgte Eltern und eifrige Tierschützer zu beruhigen schreibt die Kita-Betreuer: „Das Schlachten der Rentiere ist ein Teil des samischen Kulturerbes“ (Samen sind die ursprüngliche Bevölkerung in Lappland, die Redaktion). „Alle Eltern und Mitarbeiter hatten die Möglichkeit, bei diesem Ausflug nicht teilzunehmen. Wir haben die Kinder gut im Auge behalten. Wir haben vor, während des Schlachtens und danach ausführlich mit den Kindern gesprochen.“

„Rudolph with the Red Nosed“

Die meisten Kinder kennen Rentiere als die fröhlichen Schlittentiere vom Weihnachtsmann Santa Claus. „Zum Glück haben wir sichergestellt, dass Rudolf nicht geschlachtet wurde“, schreiben die norwegischen Erzieher. Sie erinnern sich sicher: „Rudolph with the Red Nosed“ – Rudolph, das rotnasige Rentier und Lieblings-Weihnachtsgeschöpf kleiner US-Amerikaner.

In Nordwegen kommen Rudolphs Verwandte allerdings unters Messer und anschließend auf dem Teller. Nach dem Ausflug in die freie Natur gibt’s diese Woche in der Granstuben Barnehage Kita wahrscheinlich lecker Rentier-Schnitzel. „Selbst zerlegt“, können sich die Kinder dann stolz auf die Serviette schreiben.

Vor den Orginalfotos wird gewarnt!

Die Originalfotos der Granstubben Barnehage, die die Kinder live miterlebten, dokumentieren wir in unserer Bildergalerie. Aber VORSICHT! Es ist nichts für sensible Gemüter. Die Fotos haben es in sich: Erst wurden die ängstlichen Tiere in einem Gatter zusammengetrieben, dann getötet, ausgenommen und gehäutet. Der Schnee verfärbte sich rot wie bei den Gemetzeln in „Game of Thrones“.

40 blutverschmierte Felle lagen anschließend am Gatterrand. Die Kinder – auch das sieht man auf den Fotos – wurden außerdem sehr aktiv einbezogen. Auf den Fotos, die der Kindergarten auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, sieht man die Kleinen beim Einsammeln von Schlachtabfällen und beim Betrachten der toten und gehäuteten Tiere, die in einen Container geworfen werden. Ein Kind im Schneeanzug zieht ein blutüberströmtes Rentierfell hinter sich her als wäre es ein Lagerarbeiter in einem Stalinschen Gulag.

Und so reagieren die Facebook-User

Die Reaktionen auf Facebook reichen von geschockt, entsetzt und angewidert über mitleidig, tieftraurig und entrüstet bis hin zu sarkastisch, zynisch und zustimmend. Mehr als 4000 Menschen haben bisher auf das Posting reagiert. Die meisten aber sind von der blutriefenden „erzieherischen“ Aktion geschockt, reagieren wütend und verständnislos.

Hier einige Stimmen aus dem Netz

„Warum tut man das? Muss man Kindern so etwas wirklich zeigen?“

„Krank. So etwas muss man Kindern doch nicht zeigen.“

„Kinder haben ein natürliches Mitgefühl für Tiere und alle lebenden Wesen. Auf diese Art wird ihre Empathie zerstört. Die Kinder werden sozialisiert und einer Gehirnwäsche unterzogen, damit sie glauben, es sei gut und natürlich, Tiere auszunützen, zu misshandeln und zu töten.“

„Toll, dass die Kinder lernen, wo das Essen herkommt.“

„Phantastisch, dass die Kinder hier dabei sein durften“.

„Was ein Massaker . . . ich glaube mein Sohn wäre durchgedreht . . . Wie kann man so etwas machen?“

„Nacktaffenkinder dürfen Morden spielen – in echt jetzt!“

„Ausländische Länder sind schon immer Tierquäler gewesen.“

„Arme Tiere!!!! Und Kinder schleppen noch.“

„Als „Aufreger“ funktioniert so etwas wohl nur in Deutschland. In der „Nordkalotte“, wie der von der samischen Rentierkultur geprägte Norden von Skandinavien auch heißt, weiß jeder, wo die Nahrungsmittel herkommen, mit denen dort oben überlebt wird. Dort lernen es schon die Kleinsten. Übrigens war genau so etwas – das Überleben mit Rentierfleisch in einer nacheiszeitlichen Kältesteppe - auch mal Teil der Überlebenskultur unserer Vorfahren hier in Deutschland.“

„Man will offensichtlich die Kinder bereits „abhärten“, damit sie später nicht vor lauter Mitgefühl den fleischessenden Erwachsenen ein schlechtes Gewissen machen.“

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