Anna Radermacher formuliert es letztlich deutlich: „Wir stehen kurz vor der Kitastrophe“. Radermacher, Vorstandsmitglied der Landeselternvertretung baden-württembergischer Kindertageseinrichtungen, sagt aber auch: „Wir sind von Elternseite sehr ermutigt, dass das Thema mehr Öffentlichkeit bekommt. Wir müssen darüber in den Diskurs kommen.“
Gemeinderat stimmte dennoch meist für die Erhöhung
Darüber – das ist die Bezahlbarkeit einer verlässlichen Kinderbetreuung. In den vergangenen Monaten war vielerorts im Landkreis gegen Gebührenerhöhungen demonstriert worden – in Gerlingen, in Ditzingen oder in Ludwigsburg. Nicht mit dem erhofften, kurzfristigen Erfolg: Die Gemeinderäte stimmten meist für eine Erhöhung der Gebühren im kommenden Betreuungsjahr.
Der Grund für höhere Gebühren war überall derselbe: Eltern sollten stärker für die Kosten eines Kitaplatzes herangezogen werden, um die Defizite in den Stadtkassen nicht noch größer werden zu lassen. Entsprechend deutlich formulierten die Demonstranten ihren Unmut: „Ich bin die Zukunft“, hieß es etwa in Ditzingen auf einem Plakat. Die Gebühren steigen in Ditzingen im kommenden Kita-Jahr zwischen 7,5 und 12 Prozent, im Folgejahr um 7,3 bis 11,8 Prozent.
Den Erhöhungen liegen die gemeinsamen Empfehlungen der kirchlichen und kommunalen Landesverbände zugrunde. Diese alljährlichen Empfehlungen wiederum basieren auf der Empfehlung, von einem Deckungsbeitrag von 20 Prozent auszugehen. Anders formuliert: Ein Fünftel der Kosten eines Kitaplatzes soll über Elterngebühren finanziert werden. Ganz gleich, ob Betreuungszeiten angesichts des Fachkräftemangels gekürzt werden.
Was dies mittelfristig bedeutet, zeigt ein Beispiel aus Sachsenheim: Der Krippenplatz im Ganztag kostet dort derzeit 824 Euro im Monat. Bei einem erfüllten Kostendeckungsgrad von 20 Prozent – und eingerechneten Preissteigerungen – kostet derselbe Krippenplatz in 15 Jahren etwa 3588 Euro.
Wenn die Kommunen weit unter dem Deckungsgrad bleiben – etwa weil sie familienfreundlich sein wollen – zahlen sie selbst das Defizit. So wurde es über Jahre hinweg auf Beschluss des Gemeinderats in Ditzingen gehandhabt, der zum Teil deutlich über dem Richtsatz liegende Steigerungen beschlossen hat, um sich eben diesem anzunähern.
Das geht im Zweifel so lange gut, wie es der Kommune finanziell gut geht. An der Gebührenschraube zu drehen, ist für Kommunen bisher das einzige Mittel, aus dieser Misere zu kommen – wohl wissend, was das für die Eltern bedeutet.
„Wenn die Eltern sagen, für uns lohnt es sich finanziell nicht mehr, unser Kind in die Betreuung zu geben – und sie deshalb lieber zu Hause bleiben, da muss doch die Politik hellhörig werden“, sagt Anna Radermacher. Sie zielt damit auf den „Wirtschaftsfaktor verlässliche Kinderbetreuung“ ab. Eine vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Herbst 2022 in Auftrag gegebene Studie stützt sie darin.
Die Studie thematisiert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Beitrag zur Fachkräftesicherung. Ihr Fazit: Von den insgesamt 5,3 Millionen erwerbstätigen Müttern mit Kind unter 18 Jahren arbeiten rund zweieinhalb Millionen weniger als 28 Stunden die Woche. „Würden diese Mütter ihre Erwerbstätigkeit durch gute Vereinbarkeit allein jeweils um eine Stunde erhöhen, wären dies 2,5 Millionen Wochenstunden an zusätzlicher Arbeitszeit – das entspricht bei einer 36-Stunden-Woche 71 000 Vollzeitäquivalenten“, heißt es in der Studie weiter.
Druck auch im wohlhabenden Regionen spürbar
Darauf verweist Manuela Kaiser aus Ditzingen. Die Elternvertreterin initiierte die Demo im Dezember. „Wie bekommen wir es hin, dass der Wirtschaftsfaktor Eltern auch auf den Schirm kommt?“ Sie fügt an: „Wir sind ein vergleichsweise sehr wohlhabender Landkreis. Aber egal welche Eltern man anspricht, man merkt einen hohen Druck.“
Kaiser und Radermacher eint der Gedanke, dass die Finanzierung der Betreuung neu geregelt werden muss – um Kommunen zu unterstützen und die Attraktivität des Landes als Wohn- und Arbeitsraum zu wahren. Bei der Ditzinger Demo war es so formuliert: „Arbeit muss sich auch für Mama lohnen.“
Kinderbetreuung und Schulbildung
Bildungsreform
Abitur nach neun Jahren, ein größerer Fokus auf Sprachförderung in Grundschulen, die verbindliche Empfehlung für das Gymnasium und der Wegfall des Werkrealschulabschlusses: Mit der Bildungsreform hat die Landesregierung ein üppiges Paket geschnürt. Und auch Kitas und Kindergärten stehen angesichts eines großen Fachkräftemangels und steigenden Gebühren vor großen Herausforderungen.
Reihe
Wir fragen nach in der Region: Was machen diese Veränderungen mit Schülern, Eltern, Lehrkräften und Schulleitern?