Kitaplätze in Stuttgart Das Angebot wird dem Bedarf auch weiter nicht gerecht

Die Nachfrage nach Kinderbetreuung ist in Stuttgart noch längst nicht gestillt. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Der Bericht zur Kindertagesbetreuung in Stuttgart offenbart seit Jahren ein Versorgungsdefizit. Abermals fehlen viele Plätze, und viele sind nicht belegbar. Trotzdem ist der Rückgang der Kinderzahlen nicht von Vorteil für die Stadt.

Trotz stetigem Platzausbau fehlen in Stuttgart unverändert Tausende Kitaplätze. Auch die Gründe sind unverändert: Es sind vor allem der Fachkräftemangel, bauliche Verzögerungen und der vom Land neu gesetzte Einschulungsstichtag.

 

Versorgung der Kleinkinder Für 17 539 Kinder im Alter unter drei Jahren stehen in der Landeshauptstadt 8799 Plätze zur Verfügung (Stand März 2021). Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt zahlreiche Plätze, die aus den oben genannten Gründen nicht belegt werden können. Beim städtischen Träger waren das zum Stichtag im März 2021 rund 579 Plätze, bei den freien Trägern rund 582. Somit fehlen zurzeit statistisch 1549, real aber 2 710 Kleinkindplätze in der Stadt.

Versorgung der Kindergartenkinder Rund 19 209 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren leben in Stuttgart. 18 784 Plätze stehen zur Verfügung, insbesondere der Ganztagsbereich ist stark nachgefragt. Auch das ist ein rein statistischer Wert, denn auch hier können insgesamt 788 Plätze beim städtischen Träger und genau 533 bei den freien Trägern derzeit nicht belegt werden. Somit sinkt das reale Angebot auf rund 17 660 Plätze.

Die Schulkindbetreuung Viele Schulkinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren besuchen nach Unterrichtsschluss eine Betreuungseinrichtung. Für 27 600 Schüler stehen derzeit in Horten 2409 Plätze zur Verfügung, in der verlässlichen Grundschule 1900, in Schülerhäusern rund 2000 und in Ganztagsschulen circa 8300.

Der Ausbau Für Kleinkinder kamen seit dem Vorjahr 94 neue Plätze hinzu, der Ausbau um rund 1400 Plätze ist beschlossen. Das Ausmaß des Ausbaus der Krippen zeigt sich im Zehn-Jahres-Vergleich am deutlichsten: In Stuttgart gibt es 3432 Plätze mehr als im Jahr 2012. Für Drei- bis Sechsjährige sind im Vergleich zum Vorjahr 107 zusätzliche Plätze und 365 zusätzliche Ganztagsplätze geschaffen worden. Bereits beschlossen sind weitere 1746 Plätze und 2348 Ganztagsplätze.

Die Prognosen Stuttgart verliert erstmals seit 20 Jahren wieder Einwohner. Seit 2019 ist die Zahl der hier lebenden Kleinkinder um rund 700 zurückgegangen, die der Drei- bis Sechsjährigen um rund 130. Der Rückgang, so die Verwaltung, beruhe insbesondere darauf, dass die Zuzüge die Wegzüge nicht mehr aufheben würden, was auf die Pandemie zurückzuführen sei. Allerdings geht man davon aus, dass die Kinderzahl in nächster Zeit wieder steigt.

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Weitere Hemmnisse Trotz weiterer Planungsmittel für mehrere Hundert Plätze, die der Gemeinderat bereits beschlossen hat, rechnet die Fachbehörde mit weiteren Hürden. Zunehmend würde es an Flächen und Räumen für Kitas fehlen, und die Pläne könnten künftig weniger schnell umgesetzt werden. Der Grund hierfür liege in Engpässen in der Baubranche. Zudem sei aufgrund des Fachkräftemangels davon auszugehen, „dass sich die Zahl der Plätze, die nicht belegt werden können, zukünftig weiter erhöhen wird“.

Baurecht in der Kritik Die Stadträte im Jugendhilfeausschuss zeigten sich ob der Defizite hilflos: „Trotz höherer Zahlen kommen wir mit dem Bedarf nicht mit“, sagte Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne). Iris Ripsam (CDU) schlug vor, die Bauvorhaben freier Träger wohlwollender zu behandeln. Die Unternehmerin Waltraud Weegmann (sachkundiges Mitglied des Ausschusses) plädierte für mildere Genehmigungsverfahren, und Stadträtin Doris Höh (FDP) sprach sich gegen „verwaltungsrechtliche Hürden“ aus. Isabel Fezer konterte: „Wir schließen nicht von heute auf morgen einen Standort, für den ein unbefristetes Baurecht gilt. Ist das Baurecht allerdings befristet, ist halt irgendwann Schluss.“

Kontroverse ums Personal In Anbetracht der aktuellen Tarifverhandlungen für Beschäftigte im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst forderte Luigi Pantisano (Linke) die Verwaltung auf, sich „öffentlich zu äußern, damit der Verband der kommunalen Arbeitgeber sich mit den Gewerkschaften auf eine bessere Bezahlung der Erzieherinnen einigt“. Dass die Stadt sich nicht für die Erzieherinnen einsetze, wollte Isabel Fezer freilich nicht stehen lassen. „Stuttgart geht bereits über vieles im Tarif hinaus“, konterte sie und zählte Zulagen und Höhergruppierungen auf. Stuttgart fordere in den Tarifverhandlungen, „dass ein Aufstieg attraktiv entlohnt wird. Fleiß soll sich lohnen.“ Und: „Einfach mit dem Rasenmäher drüberzugehen, halte ich für ungerecht“, sagte sie und erinnerte daran, dass die Gehälter der Erzieherinnen und Erzieher im vergangenen Jahrzehnt um bis zu 61 Prozent gestiegen seien.

Gibt es einen Ausweg? Jugendamtsleiterin Susanne Heynen verspricht sich wenig oder nichts von den vorgeschlagenen Entlastungen – wie beispielsweise den Einsatz von Verwaltungskräften und von Hilfskräften in den Randbetreuungszeiten: „Unsere Stellschrauben reichen nicht. Wir müssen Prioritäten setzen.“

Was Stuttgart übertariflich leistet

Bezahlung über Tarif
Seit 2014 gibt es die Zulage Tarif-Plus in Höhe von 100 EUR brutto für Personal im Gruppendienst. Seit 2020 werden die Kitaleitungen teils höher eingruppiert, indem nicht mehr die tatsächliche Zahl der betreuten Kinder für die tarifliche Eingruppierung zugrundegelegt wird, sondern die Zahl der Kleinkinder (unter drei Jahren) mit dem Faktor 1,8 berücksichtigt wird. Damit kann für die Leitungen ggf. eine übertarifliche höhere Eingruppierung erreicht werden. Seit 2022 werden Absolventen der praxisorientierten Ausbildung (PiA) beim Berufseinstieg bereits in Erfahrungsstufe 2 eingestuft. Beschäftigte in der Kinderpflege werden nach interner Qualifizierung in S8a eingruppiert.

Benefit
Zusätzlich gibt es verschiedene Unterstützungssysteme für die Stuttgarter Kitabeschäftigten, zum Beispiel die Sprachförderkräfte, Anleitung für Anleiter, eine höhere Leitungsfreistellung als vom Gesetzgeber vorgegeben, ein umfangreiches Fortbildungs- und Qualifizierungsangebot mit bis zu zehn Tagen Freistellung, Supervision und Fachberatung für die Beschäftigten, Personalzimmer für Azubis und Berufseinsteiger und das Jobticket. czi

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