Kitas im Kreis Ludwigsburg Selbst kleine Kinder bewegen sich zu wenig

Spielerisch aktiv: In der Kita Hoppsala in Kornwestheim sollen die Kinder Spaß an Bewegung empfinden. Foto: /Simon Granville

Dieser Trend hat bedenkliche Folgen. Ein Kooperationsprojekt möchte ihn bekämpfen. Dafür wurde in Kornwestheim der Grundstein gelegt. In den Kitas im Kreis Ludwigsburg kommen derzeit ganz unterschiedliche Modelle zum Einsatz, um die Fitness der Jüngsten zu fördern.

Ludwigsburg: Anne Rheingans (afu)

Die Zahlen, die Alexander Woll an diesem Montagvormittag in Kornwestheim präsentiert hat, klingen sehr alarmierend. Der Leiter des Sportinstitutes am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hatte neue Studienergebnisse in die Kita Hoppsala mitgebracht. Demnach hat der Bewegungsmangel unter Klein- und Vorschulkindern deutlich zugenommen – mit spürbaren Folgen.

 

Die Weltgesundheitsorganisation rät dazu, dass sich Mädchen und Jungen, die vier Jahre oder älter sind, täglich ein bis zwei Stunden bewegen. „70 bis 80 Prozent der Kinder von vier bis sechs Jahren erreichen diese Empfehlung nicht“, sagt der Sportprofessor. Die Coronapandemie habe – mit Ausnahme der Zeit des ersten Lockdowns – diesen Trend verstärkt. Das ist das Ergebnis einer neuen Teilstudie des Robert-Koch-Instituts. Die Aktivität von Kindern sei in den vergangenen 20 Jahren noch nie so niedrig gewesen. Vor allem in sozialen Brennpunkten sei der Bewegungsmangel groß. Darin sieht Woll einen Hinweis, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt.

Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder wächst

Gleichzeitig hat die Studie erfasst, dass die tägliche Bildschirmzeit von Vier- bis Sechsjährigen kontinuierlich angestiegen ist. Die Folgen machen sich bemerkbar: „Die Zahl der gesundheitlichen Probleme hat sich erhöht“, sagt Alexander Woll. Der Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder sei gewachsen. Defizite in der Motorik und Schnelligkeit treten bei den Jüngsten zutage. Der Sportwissenschaftlicher sprach sich dafür aus, schon im Vorschulbereich Bewegung zu fördern.

Genau das möchte eine Kooperation der Kinderturnstiftung sowie des Schwäbischen und Badischen Turnerbundes im Auftrag des Landes und der Unfallkasse Baden-Württemberg tun. Sie bietet Fortbildungen für das Personal von Kitas an. Bisher wurde nur eine eintägige Basisfortbildung gemacht. Mit dem neuen Kooperationsvertrag, der nun in Kornwestheim unterzeichnet wurde, sind künftig weiterführende Schulungen für pädagogische Fachkräfte geplant.

20 Mitarbeiter der Kita Hoppsala, eine seit 2020 bestehende Einrichtung in privat-gewerblicher Trägerschaft, haben bereits an der ersten Fortbildung teilgenommen. Dort gibt es einen Bewegungsraum, um sportliches Spiel zu fördern. „Für uns war die Fortbildung sehr gewinnbringend“, sagt die Kitaleiterin Kerstin Casprowitz. Die rund 80 Mädchen und Jungen, die die Einrichtung besuchen, haben unterschiedliche körperliche Voraussetzungen. „Einigen Kindern merkt man den Bewegungsmangel tatsächlich an“, sagt die Leiterin.

Städte setzen oft auf die Zusammenarbeit mit Vereinen

Auch in den städtischen Kitas in Kornwestheim wird körperliche Ertüchtigung in den Alltag integriert. Die Einrichtung in der Rosensteinstraße ist zertifizierte Bewegungskita. Die Kindern nutzen unter anderem die Bewegungshalle des Gymnasiums, um Sport zu treiben. Die Kitas Villeneuvestraße, Karlstraße, Bebelstraße, Bolzstraße, Kirchstraße, Starenweg und Otterweg arbeiten eng mit der Kindersportschule der Stadt und Kornwestheimer Sportvereinen zusammen. Die Einrichtung in der Bebelstraße hat beispielsweise mit der Kindersportschule ein Angebot im Schwimmbad auf die Beine gestellt, teilt die Pressestelle der Stadt mit.

In Ludwigsburg kooperieren die städtischen Kitas mit der Krankenkasse MHplus. Beim Programm „Minifit für Kindergartenkinder“ gibt es unterschiedliche Bausteine im Bereich Bewegung und Gesundheit. Die Themen sind Bewegungsförderung, gesundes Essen, das Bewältigen von Stress und Entspannung sowie die Zusammenarbeit mit Eltern. „Aus diesen Bereichen können die Kitas jedes Jahr entsprechende Kurse buchen“, schreibt das Presseteam der Stadt.

Sich mit einfachen Materialien austesten

In Marbach wird ebenfalls schon in den Krippengruppen Wert auf Bewegungselemente gelegt, damit sich die Mädchen und Jungen selbst ausprobieren können. „In Anlehnung an die Pikler-Pädagogik findet man in jeder Krippengruppe spezielles Bewegungsmaterial, das den Kindern ganztags zur Verfügung steht“, erklärt Franziska Wunschik, Erste Beigeordnete der Stadt. Das Personal werde intensiv dazu geschult. „In den Kindergärten sieht es ganz ähnlich aus“, sagt Wunschik. Dort setzt man auf einfache Holzgeräte, mit denen die Kinder herausfinden sollten, zu welchen Bewegungen der eigene Körper fähig ist. Hocker, Balancier- und Kletterstangen, Schaukelbretter und mehr sollten ihnen verschiedene Bewegungsabläufe nahebringen. „Viele unserer Kindergärten nutzen diese Bewegungsmaterialien auch in regelmäßig stattfindenden Stunden“, ergänzt Wunschik.

In Bietigheim-Bissingen gehen jährlich circa 15 städtische Tageseinrichtungen für Kinder eine Kooperation mit Sportvereinen in der Stadt ein, heißt es auf Nachfrage. Regelmäßige Angebote und Schnupperstunden organisieren unter anderem der Bietigheimer Hockey- und Tennisclub (BHTC), der Schlittschuhclub Bietigheim-Bissingen Steelers und der FSV 08 Bissingen/Enz.

Tausende pädagogische Fachkräfte werden geschult

Fortbildung
 Die Fortbildungen, die die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg zusammen mit den badischen und dem schwäbischen Turnerbund anbietet, hat seit 2020 bisher 680 Mal im Land stattgefunden. Dabei wurden 7500 pädagogische Fachkräfte geschult, um rund 45 000 Kinder zu erreichen. Sie dauern jeweils einen Tag. Künftig haben durch die erneuerte und erweiterte Kooperation bis zu 200 Teams von Kitas die Möglichkeit, sich zur Bewegungsförderung fortzubilden. Bis Ende 2023 sollen rund 11 000 Fachkräfte und 64 000 Kinder erreicht worden sein.

Tonni
 Mit jeder Fortbildungen halten die Kita-Teams eine Mülltonne, die sogenannte Bewegungs-Tonni. Darin befinden sich Bälle, Hütchen, Ringe, Tücher, Stangen und Reifen. Zum Zubehör gehört außerdem ein Praxishandbuch mit weiteren Tipps für die Fachkräfte.  

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