Eine gute Kita öffne ihre Türen auch für Eltern, sagt der Erziehungswissenschaftler Stefan Faas. Foto: dpa
Vier OBs aus der Region Stuttgart wollen Kita-Standards senken. Ein Experte warnt vor Sparmaßnahmen in der frühkindlichen Bildung und erklärt, woran Eltern eine gute Kita erkennen.
Die Situation in den Kitas beschäftigt Eltern, Fachkräfte und Träger. Denn das Personal ist knapp und die Kassen vieler Kommunen sind leer. Vor diesem Hintergrund spricht Stefan Faas, Professor für Sozialpädagogik und ihre Didaktik, darüber, wie die Qualität der Betreuung gesichert werden kann und woran Eltern eine gute Einrichtung erkennen.
Ist die Qualität in den Kitas tatsächlich auf einem Gold- und Platinniveau, so wie es zuletzt vier Oberbürgermeister aus der Region Stuttgart behauptet haben?
Ich vermute, dass sie sich bei dieser Aussage darauf bezogen haben, dass in Baden-Württemberg unter anderem der Personalschlüssel besser ist als in anderen Bundesländern. Das ist richtig. Allerdings ist das nicht hinreichend, um von guter Qualität in einer Kita zu sprechen. Es ist allenfalls eine Voraussetzung für gute Qualität. Hinzu kommt, dass dieser Personalschlüssel lediglich eine Zahl auf dem Papier ist. Kinder, Eltern und Fachkräfte erleben oft eine andere Situation. Denn Stellen sind unbesetzt, Fachkräfte werden krank, sind mal im Urlaub oder auf Fortbildungen.
Stefan Faas ist Professor für Sozialpädagogik und ihre Didaktik. Foto: Jakob Tillmann/privat
Gibt es einheitliche Qualitätsstandards für Kitas?
Wir haben keine verbindlichen Standards für die Kindertagesbetreuung in Deutschland. Wir haben nur Vorgaben auf verschiedenen Ebenen. Ich plädiere dafür, einheitliche Standards zu entwickeln. Dabei sollte es nicht vordergründig darum gehen, was Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt können sollten, oder welche grundlegenden Rahmenbedingungen es braucht. Vielmehr sollte es um Prozessqualität gehen.
Und das bedeutet?
Dass wir definieren, was Fachkräfte in einer Kita jeden Tag anbieten müssen – in Bezug auf verschiedene Aktivitäten, die Ansprache der Kinder, die Gestaltung bestimmter Routinen im Kita-Alltag wie zum Beispiel die Mahlzeiten. Das haben wir nicht. Wobei meiner Meinung nach der neue Orientierungsplan für die Kitas in Baden-Württemberg schon ein großer Schritt ist. Denn dort sind Handlungskriterien für Fachkräfte festgelegt. Die sind aber nicht verbindlich, darum kann man nicht von Standards sprechen.
Haben Sie ein Beispiel für Prozessqualität?
Wenn wir als Ziel definieren, dass Kinder am Ende der Kita-Zeit einen altersangemessenen Wortschatz haben, und dass Kinder, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, sicher sind im Umgang mit der deutschen Sprache, dann können wir fragen: Was muss passieren, damit Kinder diese Kompetenzen entwickeln? Dazu gehört, dass jedes Kind jeden Tag ausreichend Möglichkeiten hat, sich sprachlich auszudrücken, dass es angesprochen wird, dass es Fragen gestellt bekommt, die längere Antworten erfordern, dass jeden Tag altersgemäß vorgelesen wird.
In der Familie passiert das alles doch in der Regel nebenher.
In manchen Familien passiert es aber nicht. Besonders diese Kinder brauchen die Kita als einen Ort, an dem intensiv mit ihnen kommuniziert wird, denn eine halbe Stunde Sprachförderung reicht da nicht. Das verstehe ich unter „hoher Qualität“. Und das wäre ein Standard, den man formulieren, beobachten und nachprüfen könnte.
Das ist richtig personalintensiv.
Ja, wenn wir den Kita-Alltag nicht allein als Betreuungszeit definieren, in der den Kindern nicht nur nichts passiert und sie versorgt sind, sondern durchgängig als Bildungszeit, dann ist das personalintensiv. Aber es ist nicht unmöglich. Vor allem nicht, wenn wir grundlegend einen besseren Personalschlüssel haben als anderswo.
Die Verschulung des Kindergartens wird aber auch viel kritisiert. Muss Kita-Zeit zwingend Bildungszeit sein?
Ja, es muss Bildungszeit sein. Nur herrscht ein Missverständnis vor, wenn wir sagen, Bildung ist gleich verschult. Kinder bis zu einem Alter von sechs Jahren lernen im Alltag und im Spiel. Wenn ich mit Kindern den Tisch decke, dann kann ich das verbalisieren, darüber sprechen, was wir brauchen, wer neben wem sitzt. Das ist eine Form der sprachlichen Anregung. Ich kann das auch mathematisch nutzen, indem ich darüber spreche, wie viele Kinder da sind und wie viele Teller gebraucht werden. Ein Würfelspiel kann genutzt werden, um Zahlen kennenzulernen. Ein Spaziergang kann umfangreiche naturwissenschaftliche Bildung sein, wenn eine Fachkraft das so vorbereitet. In vielen Familien passiert das jeden Tag – aber eben nicht in allen. Darum müssen wir es im institutionellen Alltag für alle sicherstellen und dabei vor allem die Kinder im Blick haben, die es besonders brauchen.
Ist das auch das, was Kinder benötigen, um in der Kita glücklich zu sein?
Glück ist ein besonderes Konzept und nur schwer greifbar. Vielleicht sollten wir es dahingehend übersetzen, dass es Kindern gut geht. Dafür brauchen Kinder grundlegende Dinge wie Sicherheit, Ansprache, das Gefühl, willkommen zu sein. Kinder und auch Erwachsene fühlen sich aber vor allem dann gut, wenn sie selbstwirksam sind und Erfolgserlebnisse haben. Zum Beispiel, dass sie sich ein Getränk selbst einschenken können, weil man ihnen die Umgebung entsprechend vorbereitet und nur eine ganz kleine Kanne hingestellt hat. Etwas neu zu können, macht Kinder zufrieden. Deswegen sollten wir Kindern helfen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und sie dafür dann auch loben. Glück und Bildung schließen sich in keiner Weise aus.
Woran erkennen Eltern gute Qualität in der Kita?
Das ist schwierig. Unser Forschungs- und Entwicklungsinstitut Pädquis in Berlin macht regelmäßig Erhebungen auf der Ebene von Prozessqualität in Kitas. Wir schauen uns die Sprachförderung, mathematische Anregung, Gestaltung von Tagesroutinen an. Manchmal fragen wir auch die Eltern. Dabei stellen wir fest, dass die Eltern eigentlich immer die Qualität sehr viel besser einschätzen, als sie ist. Das kann man gut erklären, denn Eltern bekommen oft gar nicht mit, was tagtäglich in der Kita passiert.
Also was tun?
Transparenz ist sicher ein gutes Kriterium. Wenn Kitas die Türen aufmachen und Eltern da sein dürfen, dann hat die Kita zumindest nichts zu verbergen und geht wahrscheinlich selbst davon aus, dass sie eine gute Qualität anbietet. Eltern sollten fragen, ob sie hospitieren dürfen. Es gibt auch Kitas, welche die Bringzeit offen gestalten, so dass Eltern eine Viertelstunde oder auch länger dableiben können. Für Kinder ist es schön zu zeigen, wo und wie sie den Tag verbringen. Auch im Sinne der Erziehungspartnerschaft ist das wichtig. Einige wenige Einrichtungen lassen ihre Qualität auch messen und machen die Ergebnisse transparent. Ich wäre generell dafür, dass wir zu einem verbindlichen Qualitätsmonitoring kommen, damit Eltern wissen, wie gut ihre Kita ist oder ob zumindest Mindeststandards eingehalten werden.
Wie stehen Sie zum vermehrten Einsatz von Nicht-Fachkräften in der Kita?
Prinzipiell sollten wir gut qualifizierte Fachkräfte in Kitas haben – so wie wir in der Schule qualifizierte Lehrkräfte haben. Denn die Kita ist ein Bildungsort und genauso wichtig wie die Schule. Gleichzeitig nutzt es nichts, wenn wir uns der Realität verschließen. Wir haben einen Fachkräftemangel und Eltern mit einem hohen Betreuungsbedarf für ihre Kinder. Also müssen wir uns überlegen, wie wir die Personalressourcen erhöhen. Dabei sollten wir aber darauf achten, dass die Qualität stabil bleibt.
Darum sollten wir es mit einem Monitoring verbinden, damit wir sehen, wo wir eventuell gegensteuern müssen. Ich gehe nicht davon aus, dass wenn wir in einem vernünftigen Maß und in vernünftigen Bereichen Nicht-Fachkräfte in der Kita einsetzen, die Qualität zwangsläufig sinken muss. Studien aus Großbritannien belegen das auch. Aber es ist voraussetzungsvoll, es braucht ein Konzept. Bestimmte Bildungsaufgaben müssen in der Zuständigkeit einer Fachkraft bleiben. Aber nicht alles muss von einer Fachkraft erledigt werden. In der Wissenschaft gibt es schon lange eine Diskussion über Aufgabendifferenzierung in der Kita. Zudem gilt: Fachfremde Personen sollten gut angeleitet werden.
Wenn in den Kitas beziehungsweise an der Qualität in Kitas gespart werden muss, wo wären Ihrer Meinung nach Ansatzpunkte?
Prinzipiell sollte in der frühkindlichen Bildung nicht gespart werden, weil es der wichtigste Bildungsbereich ist, den wir haben. Was Kinder in den frühen Jahren lernen, ist die Basis für alles Weitere. Wenn ein Kind zum Beispiel ohne ausreichend Deutschkenntnisse in die Schule kommt, ist oft schon absehbar, wie sich seine weitere Bildungsbiografie gestalten wird. Denn es wird von Anfang an Probleme haben, die sich dann durchziehen und weiter kumulieren. Bildungsökonomen sagen, dass die Bildungsrendite in der frühen Kindheit am größten ist, weil Kinder in dieser Zeit das meiste aufnehmen. Darum sollten wir nicht in der Kita sparen.
Und wenn wir es dennoch müssen?
Davon bin ich nicht überzeugt. Wir sind ein reiches Land, wenn Kinder unsere Ressourcen sind, dann dürfen wir nicht an unseren Kindern sparen. Aber, wenn wir es dennoch müssen, dann sollten wir lieber die hochwertige Betreuungszeit etwas reduzieren, also zum Beispiel sechs Stunden Bildungszeit und zwei Stunden Betreuungszeit anbieten, statt acht oder zehn Stunden mittelmäßige Betreuung. Mir ist allerdings bewusst, dass das Eltern vor Herausforderungen stellt. Und wenn Eltern gestresst sind, kommt das wieder bei den Kindern an, was auch nicht gut ist.
Qualität in Kitas sichern
Zur Person Stefan Faas (50) ist Erziehungswissenschaftler und hat 2012 an der Universität Bamberg promoviert. Seit 2016 ist er an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd Professor für Sozialpädagogik und ihre Didaktik und seit 2020 wissenschaftlicher Vorstand der Pädquis Stiftung Berlin
Qualitätsmonitoring Um dem Fachkräftemangel begegnen und alternative Betreuungsmodelle ermöglichen zu können, hat Baden-Württemberg den Erprobungsparagrafen eingeführt. Dieser ermöglicht es Kitas, auf bestimmte Vorgaben zu verzichten und weniger Personal einzusetzen. Dabei soll die pädagogische Qualität in Kitas gesichert werden. Darum hat das Kultusministerium zusammen mit der Stiftung Kinderland und der Pädquis Stiftung ein Qualitätsmonitoring in Kitas gestartet, die Konzepte im Rahmen des Erprobungsparagrafen entwickeln und umsetzen.