Kitas in Stuttgart Erziehermangel: Bürger helfen aus

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Wegen des Mangels an Erzieherinnen greift die Stadt Stuttgart in den Kitas auf Nichtfachkräfte zurück - oder streicht Früh- und Spätbetreuung. Wer sich nicht qualifizieren lassen will, wird nicht weiterbeschäftigt. Das verwundert Stadträte – und ärgert Eltern.

Um die Plätze in den Kitas wird heftig gerungen – eine Betreuung in den Randzeiten ist keineswegs selbstverständlich. Foto: dpa
Um die Plätze in den Kitas wird heftig gerungen – eine Betreuung in den Randzeiten ist keineswegs selbstverständlich. Foto: dpa

Stuttgart - Noch immer fehlen in Stutt­garter Kitas Erzieherinnen. Aktuell sind 81  Vollzeit- und 104 Teilzeitstellen nicht besetzt, darunter auch neun Frühdienst- und 16 Spätdienststellen. Das hat zur Folge, dass Hunderte von Kitaplätzen nicht belegt werden können. Aktuell stehen laut Jugendamt 3200 Kinder auf der Warteliste. Doch seit vier Jahren trifft der Personalengpass auch Kinder mit Betreuungsplatz: In diesem Juli hatte der städtische Träger für 62,5 Gruppen die Früh- und Spätdienste in den Tages­stätten komplett gestrichen, inzwischen gilt das nur noch für 25 Gruppen. Eltern werden offenbar sehr kurzfristig mit Kündigungen dieser Randzeiten konfrontiert.

Es geht um die Betreuung vor acht und nach 16 Uhr, auf die viele berufstätige Eltern angewiesen sind. Bei 159 der 186,5 Früh- und 183 Spätdienstgruppen greift die Stadt auf eine Notlösung zurück und beschäftigt in den Randzeiten nur eine oder gar keine Fachkraft pro Gruppe. Das räumte ein Jugendamtsmitarbeiter im Jugendhilfeausschuss ein. Um Aufklärung hatten die CDU-Stadträte Iris Ripsam und Jürgen Sauer in einer Anfrage gebeten.

Jugendamt spricht von befristeter Notlösung

Es handele sich um eine „befristete Notlösung“, erklärte Uli Simon, Abteilungsleiter im Jugendamt. Ein Modell, das die Stadt mit dem Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) ausgehandelt habe. Dafür sei keine Betriebserlaubnis notwendig, es gebe aber eine Zusatzvereinbarung zwischen Kita und Eltern, und die Kinder sind unfallversichert. Im Jugendhilfeausschuss zeigten sich die Stadträte verwundert: Es sei schließlich „ein Problem, wenn man berufstätig ist – und dann fällt der Früh- und Spätdienst weg“, meinte Iris Ripsam. Und im Blick auf das Notlösungsmodell fragte sie: „Welches Personal stellen Sie da ein? Mütter?“ Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne) sagte: „Ich bin sehr erstaunt, dass der KVJS als übergeordnete Behörde die Standards absenkt.“ Dies sei ganz schön schwierig. „Gibt’s für die Notlösung eine Deadline?“ Marita Gröger (SPD) ergänzte: „Wie unterstützt die Stadt Alleinerziehende in dieser Lage?“

Uli Simon erklärte, der städtische Träger schaue, dass in den Randzeiten als Zweitkraft „in der Regel pädagogisch interessierte Bürgerinnen und Bürger“ beschäftigt würden – derzeit seien es 159. „Wir unterstützen das durch Zusatzausbildungen – wer sich aber zwei- oder dreimal weigert, bei dem lassen wir den Arbeitsvertrag auslaufen.“ Das sei bisher aber nur in Einzelfällen geschehen. Die Notlösungsvereinbarung mit dem KVJS gelte bis zum Ende dieses Jahres. „Wir bemühen uns um eine Verlängerung“, kündigte Simon an, „wir haben nach wie vor viele Stellen offen.“ Und eine Verbesserung dieser Situation sei leider nicht in Sicht – im Gegenteil: „Der Fachkräftemangel wird wieder bis zum Juli zunehmen“, kündigte der Jugendamtsmitarbeiter an. Nuber-Schöllhammer hakte nach: Was denn „pädagogisch Interessierte“ seien? Bei den Frühdiensten, so Simon, seien das oft hauswirtschaftliche Kräfte, die ohnehin schon da seien. Und von einem 40-jährigen Mann beispielsweise könne man durchaus erwarten, dass dieser noch eine Weiterbildung mache. Dem Elternvertreter gefiel dieses Vorgehen nicht: „Fortbildung oder Kündigung – das ist schlecht“, meinte Bertram Wohlfahrt, der Sprecher der Konferenz der Gesamtelternbeiräte (GEB). Eine offene Kita sei den Eltern lieber. Auch die Jugendamtschefin Susanne Heynen räumte vor dem Ausschuss ein, die Situation sei „ein Spannungsfeld, das schwer auszuhalten ist“.

Eltern verlangen Kitabetreuung auch zu den Randzeiten

Der städtische GEB hatte bereits im April 2016 gegenüber der Stadt erklärt, dass die Eltern die Einführung eines Sonderkündigungsrechts nicht akzeptierten. „Es dürfte aber allen klar sein, dass es innerhalb einer so kurzen Frist – vier Wochen zum Monatsende – unmöglich ist, eine Alternative für die Betreuung zu finden, gleichzeitig den Familienalltag neu zu ordnen oder im Notfall auch Anpassungen in der eigenen Berufstätigkeit mit dem Arbeitgeber abzustimmen“, heißt es in einem aktuellen Protestschreiben, das an die für Jugend- und Bildung zuständige Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP), die Fraktionsvorsitzenden und die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses adressiert ist. Die Konferenz der GEB fordert darin entweder eine Rücknahme der Satzungsänderung oder eine angemessene Alternativlösung, beispielsweise durch Leiharbeitskräfte. „Die aktuelle Situation“, heißt es in dem Schreiben, „ist für die Eltern in Stuttgart nicht akzeptabel.“

Familien in Notsituationen haben Vorrang

Uli Simon sagte unserer Zeitung: „Für betroffene Familien in erkennbaren Notsituationen suchen wir vorrangig nach vertretbaren Lösungen.“ Im Übrigen habe sich die Personalsituation in den Randzeiten inzwischen ja verbessert: „Im September 2013 waren es 125 offene Früh- und Spätdienststellen.“ Jetzt sind es nur noch 25. Im Ausschuss kündigte Fezer an: „Wir werden Sie auf dem Laufenden halten.“




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