Warum ist eine Eingewöhnung überhaupt nötig?
Sabine Aoudj hat schon zu einer Zeit als Erzieherin gearbeitet, als eine Eingewöhnung nicht üblich war. „Das war furchtbar. Wir saßen mit mehreren weinenden Kindern da und konnten sie nicht beruhigen, weil wir noch keine Beziehung zu ihnen aufgebaut hatten“, erinnert sich die 57-Jährige. In der Kita erlebe ein Kind oftmals eine erste richtige Trennung. „Läuft das schief, kann diese negative Erfahrung das ganze Leben prägen“, weiß die Expertin. Eine gute, erfolgreiche Eingewöhnung sei die Basis dafür, dass sich das Kind in der Kita dauerhaft wohlfühle.
Was ist dabei entscheidend?
Bei fast allen Kitas steht bei der Eingewöhnung das Kind im Mittelpunkt – mit seinen individuellen Bedürfnissen. Jedes Kind bekommt eine Bezugserzieherin oder einen Bezugserzieher zugeteilt, die oder der sich zunächst hauptsächlich um das Kind kümmert. Wichtig ist dabei auch, dass nicht alle neuen Kinder gleichzeitig anfangen.
„Auch für uns ist diese Zeit aufregend, weil jedes Kind anders ist. Wichtig ist, dass man sich ganz auf das Kind einlässt – und natürlich auch die Eltern mitnimmt“, erklärt Sabine Aoudj. In ihrer Kita orientiert man sich, wie in vielen anderen Einrichtungen auch, nach dem sogenannten Berliner Modell. Eine Bezugsperson – meistens Mutter oder Vater – begleitet den Prozess der stufenweisen Eingewöhnung. Am vierten Tag ist laut Konzept eine erste Trennung von Mutter oder Vater für wenige Minuten vorgesehen. Sabine Aoudj ist es aber wichtig zu betonen, dass sie sich an dem Konzept nur orientiert. „Wenn wir beispielsweise merken, dass das Kind am vierten Tag noch nicht bereit für eine Trennung ist, geben wir ihm natürlich die Zeit, die es braucht.“
Wie viel Zeit sollten Eltern für die Eingewöhnung einplanen?
Das kann variieren. Durchschnittlich sollte sich der Elternteil, der die Eingewöhnung übernimmt, jedoch einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen freihalten. „Das heißt nicht, dass der Elternteil dann auch die ganze Zeit mit dabei ist. Aber bis sich das Kind so wohlfühlt, dass es in der Kita auch schläft, kann es bis zu sechs Wochen dauern“, sagt Sabine Aoudj. In dieser Zeit sollte die Bezugsperson zumindest immer auf Abruf bereit stehen. „Es ist sehr wichtig, dass die Bezugsperson des Kindes möglichst nicht unter Zeitdruck steht“, betont die Kita-Leiterin. Denn das setze auch die Erzieher unter Druck und das Kind spüre das ebenfalls – eine schlechte Ausgangssituation für alle.
Was kann die Eingewöhnung noch zusätzlich erleichtern?
„Wir fragen immer, bei wem sich das Kind leichter lösen kann“, sagt Sabine Aoudj. Sie habe gute Erfahrungen damit gemacht, dass der Vater die Eingewöhnung übernimmt. Denn viele Kinder seien die Trennung vom Vater schon gewöhnt, wenn er zur Arbeit gehe. Oftmals würden die Väter daher die Elternzeit nutzen, um das Kind in der Krippe einzugewöhnen.
Was kann man tun, wenn die Eingewöhnung nicht klappt?
Einen solchen Fall hatte Sabine Aoudj in ihrer Laufbahn nur ein Mal. Doch auch das kann vorkommen. „Man kann die Eingewöhnung abbrechen und es noch einmal beispielsweise zwei Wochen später versuchen. In dem Fall, den ich erlebt hatte, haben wir die Eingewöhnung ein halbes Jahr später von vorne begonnen“, sagt die Erzieherin. Es gebe allerdings auch Kinder, die einfach nicht gut mit vielen Kindern in einer Gruppe zurecht kommen.
Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn die erste Trennung ansteht?
Für Sabine Aoudj lautet die wichtigste Regel: „Sich niemals ohne Abschied wegschleichen.“ Sie habe zwar großes Verständnis dafür, dass man sein Kind nicht zum Weinen bringen möchte. Doch es sei wichtig, dass das Kind mitbekommt, wenn die Bezugsperson geht. „Sonst geht Vertrauen verloren.“ Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Bezugsperson nach dem Abschied auch wirklich geht. „Auch da haben wir großes Verständnis dafür, dass sich Mutter oder Vater nur schwer von ihrem weinenden Kind trennen können“, sagt die Expertin. Doch wenn das Kind die Unsicherheit der Bezugsperson spürt, falle ihm die Trennung noch schwerer. „Bei dem ersten Abschied geht es darum, auszutesten, ob sich das Kind schon von der Bezugserzieherin trösten lässt. Ist das nicht der Fall, geht man einfach wieder einen Schritt zurück.“
Was ist für Eltern noch wichtig zu wissen?
„Die Eltern sind die wichtigsten Bindungspersonen für das Kind – und werden das auch bleiben. Sie werden ihr Kind nicht an uns verlieren“, betont Sabine Aoudj.