Wie persönlich kann so ein Album sein? Anna Illenberger alias Kitz Foto: Illenberger/privat
Anna Illenberger alias Kitz präsentiert ihr Konzeptalbum „Blase“ ein einziges Mal, am Samstag im Fitz. Stuttgarts Antwort auf Björk transportiert eine tiefe Traurigkeit. Und präsentiert sie im Glitzerkostüm.
Am Ende dieses grandiosen Albums bricht Anna Illenbergers lyrischem Ich das Herz, und dieses Ich spürt nichts: „Ein Aufprall, doch nichts, ich spüre nichts ... mein Herz, es bricht“, singt sie im Song „Herz“. Danach verliert sich ihre Stimme, verfremdet, im Nirgendwo.
„Blase“ nennt sich das Konzeptalbum, das die Stuttgarter Künstlerin im Fitz vorstellt. Sie verschickt vorab einige Zeilen zum Werk. Es gehe ums Abschiednehmen vom alten Selbst, schreibt Illenberger, „mit gebrochenem Herzen, aber wie immer auch ein Neuanfang“. Da ist sie nicht die Erste. So melancholisch und so durchgängig persönlich hört man das aber nur selten. Ist Anna Illenberger ein so trauriger Mensch?
„Und das verarbeite ich dann“
Über persönliche Traumata erzählt sie nichts, umso mehr darüber, wie man sie verarbeitet. In ihrem Fall: mit Musik. „Ich sauge so vieles auf, nicht unbedingt persönliche Erlebnisse. Und das verarbeite ich dann“, sagt die 39-Jährige: Kunst als Ausdruck einer tief empathischen Persönlichkeit, eine Art Therapie von der Welt. Nicht nur oder vielleicht nicht primär für sie, sondern für alle traurigen Menschen, denen das Herz bricht.
Albumcover Foto: Selfcare Records/privat
„Im Kern treibt mich anscheinend eine Melancholie um. Früher habe ich mich darüber gewundert. Nun nehme ich es an“, sagt Anna Illenberger. Und wie! Die dunkelgraue Gefühlswelt tritt in Monologen ihres lyrischen Ichs zutage. „Ich bin immer noch bei dir, du bist immer noch bei mir, ganz tief drin sind wir – zwei“: Schon im allerersten Track „Falle“ geht es um Vergangenes, doch das Trauern und Verarbeiten ist schon mitgedacht, immerhin. Fragen bleiben trotzdem, so wie im Song „Blase“, ganz postmodern: „Warum spalte ich mich, auch wenn ich gar nicht will?“
Die Stimme als Instrument
So persönlich sind im Grunde alle acht Songs auf dem Album. Warum eigentlich? Sie überlegt lange. Beim Entstehen der Songs habe sie die Texte und die Musik ganz unmittelbar empfunden. So direkt soll ihr Publikum das Album „Blase“ ebenfalls empfinden: „Du kannst nicht weghören.“
Bisher sang Anna Illenberger auf Englisch, „Blase“ ist nun auf Deutsch – weniger suchend, nicht so sphärisch, sondern mit dunkler und höchst präsenter Stimme. Illenberger nutzt ihr Organ für die tieftraurigen Texte, aber sie verfremdet sie auch immer wieder zu einem eigenständigen Instrument. Mehrstimmige, in die Länge gezogene Loops werden weiter abstrahiert, als Zuhörer taucht man im wahrsten Sinne des Wortes in die beabsichtigte Blase ein und denkt unweigerlich an die Soundlandschaften von Björk.
Auch deshalb ist das Album im Studio von Ralv Milberg entstanden, Stuttgarts Fachmann für exorbitante Klangwelten. Für die Aufnahmen selbst entstand eine Art Toninstallation aus Lautsprechern, Instrumenten und Effektgeräten. Diese Atmosphäre ist auf der Platte gut hörbar eingefangen, Ralv Milberg nimmt gern auch das Rauschen, Knistern und Klappern auf, das so viel versammelte Technik eben erzeugt. Und wer ihn kennt, kann sich auch in etwa ausmalen, wie viel Aufwand die beiden sich allein für dieses Ambiente gemacht haben.
Ein Abend mit Gästen, ein riesengroßer Aufwand
Milberg ist auch bei der Albumpräsentation am Samstag dabei, ebenso wie einige Wegbegleiter von Anna Illenberger – zum Beispiel die Sängerin Sally Grayson oder die Tänzerin Stella Covi. Jule Hölzgen rahmt den Abend, die Sprecherin gibt dem Konzert die Form einer Musikshow. Nichts ist normal, das alles wird auch nur ein einziges Mal performt. Immerhin ist nicht auszuschließen, dass dank der mitlaufenden Kameras am Ende ein Konzertfilm dabei herausspringt.
Es ist ein riesengroßer Aufwand, den die Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg da weitgehend auf eigene Kosten und mit Unterstützung befreundeter Menschen auf sich nimmt. Warum?
Dick auftragen, Gefühle aushalten
Wiederum geht es fast um Therapie, um das Verhältnis von Künstlerin und Kunst. Auch die Zeit spielt dabei eine Rolle. „Ich habe diese Songs teilweise vor zwei Jahren geschrieben und seither nicht aufgeführt. Das ist als Künstlerin kaum auszuhalten“, erzählt Anna Illenberger. Im Song „Gehen“ geht es eben um dieses Aufbrechen, „und ich bin auch längst diese Schritte gegangen“, sagt Illenberger. Sie wolle mit diesen Liedern und den darin ausgedrückten Gefühlen abschließen. Die aufwendige Inszenierung mit Glitzerkostüm helfe dabei: dick aufgetragene Verfremdung, um das alles auszuhalten.
Das sagt Anna Illenberger als eine mit Theatererfahrung. Fürs Theater hat sie unter dem Namen Annagemina gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Michael Fiedler schon öfter geschrieben. Wie ein Theaterstück wirkt auch ihre Performance; es ist viel mehr als ein Popkonzert, bei dem sich das Publikum frei im Raum verteilt. Nein, diese Kitz-Show erlebt man im Theatersessel, man taucht in ihren Kosmos ein und geht anderthalb Stunden später mit Bildern und Stimmungen gefüttert wieder raus. „Das Publikum ist dem voll ausgesetzt“, sagt Illenberger. Und es sollte aufpassen, dass das Herz dabei nicht bricht.
Kitz: Blase. Erschienen beim Stuttgarter Label Selfcare Records. Es ist auf Vinyl erhältlich sowie online: kitz.bandcamp.com