Klage gegen Brüdergemeinde Korntal Millionenforderung nach Jahrzehnten

Von kwa 

Ein 53 Jahre alter Mann aus Niederbayern verklagt die Evangelische Brüdergemeinde in Korntal. Er sei als Kind und Jugendlicher in einem ihrer Heime jahrelang geschlagen und sexuell missbraucht worden.

Am Landgericht in Stuttgart wird die Klage verhandelt. Foto: dpa
Am Landgericht in Stuttgart wird die Klage verhandelt. Foto: dpa

Korntal-Münchingen - Prügelorgien der Gruppenleiterin, fast tägliche Vergewaltigung durch den Hausmeister über acht Jahre hinweg, monatelange Zwangsarbeit beim Bau des Hauses des Heimleiters – Detlev Z. beschuldigt die Evangelische Brüdergemeinde in Korntal (Kreis Ludwigsburg), in deren Kinderheim in den sechziger und siebziger Jahren eine lange Leidenszeit durchgemacht zu haben. Er war 1963 als Zweijähriger vom Landesjugendamt eingewiesen worden und lebte dort bis 1977. Im vergangenen Sommer traf sich Z. mit Verantwortlichen der Gemeinde, deren Diakonie Träger von Jugendhilfeeinrichtungen ist. Danach schrieb unter anderem der Pfarrer Jochen Hägele an Z.: „Ihre Ausführungen haben uns sehr betroffen gemacht. Wir stellen uns dem verantwortlichen Umgang mit den von Ihnen geschilderten Erlebnissen.“ Und: „Wir bitten Sie um Vergebung für das, was Ihnen angetan wurde!“

Anwalt: „Einer der schwersten Missbrauchsfälle“

Damit will sich Z. nicht begnügen. Er klagt auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Der Jurist Christian Sailer aus Marktheidenfeld bei Würzburg vertritt schon lange Missbrauchsopfer, und er kennt genügend Leidensgeschichten. Sein 53-jähriger Mandant aus Niederbayern habe ihm seine Schilderungen der Vorgänge in Korntal an Eides Statt versichert, sagt Sailer. Das sei „einer der schwersten Missbrauchsfälle, die es je in einer kirchlichen Einrichtung gab“. Nach dem Aufenthalt in Korntal sei Z. Krankenpfleger geworden, habe jahrelang in diesem Beruf gearbeitet und nebenher das Abitur gemacht. „Dann hat ihn die Kraft verlassen“, weil die Ereignisse aus der Kinder- und Jugendzeit in Korntal wieder hochgekommen seien. Mittlerweile sei er arbeitsunfähig und beziehe Hartz IV, es gebe ärztliche Atteste und ein psychiatrisches Gutachten nach einer Therapie.

Erst im vergangenen Jahr, so der Anwalt von Detlev Z., habe sein Mandant den Mut gehabt, sich an die Brüdergemeinde zu wenden. Weil diese nach einem Gespräch keine finanzielle Entschädigung angeboten habe, klage man jetzt vor dem Landgericht. Die Forderung von Schmerzensgeld und wegen Verdienstausfalls belaufe sich insgesamt auf mindestens 1,3 Millionen Euro. „Ich fände es aber richtig, wenn man sich außergerichtlich einigen würde.“

Das Landgericht Stuttgart hat den Eingang der Klage bestätigt, zunächst könne sich die Beklagte dazu äußern. Die Staatsanwaltschaft prüft nach den Worten eines Sprechers, ob es noch Verantwortliche von damals gebe und ob die mutmaßlichen Straftaten schon verjährt seien.

„Mit Herrn Z. intensiv beschäftigt“

Der Diakonie der Brüdergemeinde sei „der vorbehaltlose Umgang mit dem Thema ,Missbrauch ehemaliger Heimkinder’ sehr wichtig“, teilte die Einrichtung gestern mit. „Wir haben uns mit Herrn Z. und seinem Leben in Korntal intensiv beschäftigt“, sagte Manuel Liesenfeld, der Sprecher der Brüdergemeinde. Man habe „mit ihm zusammen viele Details recherchiert“, nenne aber momentan keine Einzelheiten, „weil wir den Erklärungen an das Gericht nicht vorgreifen wollen“. Er könne nur sagen, dass die beiden männlichen Beschuldigten, der Hausmeister und der Heimleiter, gestorben seien. Die Gruppenleiterin von damals sei im betagten Alter. In den vergangenen Jahren habe man mit fünf bis sechs weiteren mutmaßlichen Opfern Kontakt gehabt. „Wir warten nun auf die Klageschrift“, so Liesenfeld.