Der Katzenbereich ist voll, der Hundebereich zu drei Vierteln ausgelastet: Lisa Einser vom Tierheim Esslingen mit Glinda. Foto: Roberto Bulgrin
Tierheime und Halter klagen über die stark angestiegenen Gebühren für Veterinärdienste. Doch die Tiermediziner verweisen auf gestiegene Kosten. Und sie nehmen die Halter in die Pflicht.
Simone Weiß
20.01.2025 - 06:00 Uhr
Kostenfalle Tierarzt? Tierfreunde aus der Region jammern über hohe Rechnungen. Doch die Veterinäre nehmen Halter in die Pflicht.
Im Tierheim Esslingen hat das Team mit den Folgen der im November 2022 erhöhten Gebührenordnung für Tierärzte mit Steigerungen um bis zu 40 Prozent zu kämpfen. Manuela Eberspächer vom Tierschutzverein Esslingen und Umgebung berichtet von langjährigen Haltern, die sich ihren Liebling nicht mehr leisten können. Schweren Herzens würden sie Hunde oder Katzen im Tierheim abgeben, aber weiterhin mit dem Tier Gassi gehen, es füttern, versorgen.
Leiter Horst Theilinger nennt den beispielhaften Fall einer Katze, die von einem Auto angefahren wurde und in einer Tierklinik wegen einer Fraktur operiert werden musste. Der Besitzer wurde zwar ermittelt, konnte die Rechnung aber nicht bezahlen. Dieses und Tiere mit ähnlichen Schicksalen seien dem Tierheim übereignet worden, das die Kosten für die Behandlung übernehmen musste. Die Folgen: mehr Ausgaben, mehr zu versorgende Tiere, mehr Arbeit für das Personal.
Horst Theilinger (links) und David Koch vom Tierheim Esslingen Foto: Roberto / Bulgrin
Das Tierheim Kirchheim kennt ebenfalls solche Entwicklungen. Sandra Nebe vom örtlichen Tierschutzverein sieht die Schuld dafür aber weniger bei den Tierärzten als vielmehr bei den Haltern. Fundtiere würden vermehrt nicht abgeholt, sagt sie, und die Tiere seien in einem schlimmen Zustand, weil sie nicht mehr optimal medizinisch versorgt würden: „Die Bereitschaft der Halter, für ihre bewusst angeschafften Tiere zurückzustecken und zum Wohle des Tieres auch einmal auf etwas zu verzichten, nimmt immer mehr ab. Die Einstellung, sich Tiere anzuschaffen und sie bei Problemen loszuwerden, ist ein grundlegendes Problem.“
Petra Veiel vom Tierheim Stuttgart nimmt ebenfalls Tierhalter in die Pflicht: In ihrer Einrichtung würden verstärkt verunfallte oder chronisch kranke Tiere abgegeben, für deren Behandlung Besitzer nicht aufkommen könnten oder wollten: „Da ist es einfacher, sich ein neues Tier anzuschaffen. Und da man heute Tiere ohne Sinn und Verstand im Internet kaufen kann, entledigt man sich eben des kostenintensiven ersten Tieres.“ Künftige Halter sollten vor der Anschaffung Erkrankungen miteinkalkulieren, sagt die Pressesprecherin: „Im Durchschnitt kostet ein Hund – ohne Unfall oder chronische Erkrankung – 1600 bis 2000 Euro im Jahr. Kommt etwas Unverhofftes dazu, sollten finanzielle Rücklagen da sein.“
Hohe Kosten für Diagnose und Personal
Tierhaltung kostet. Und Tierärzte und Verbände begründen ihre aufgestockten Gebühren mit stetig verbesserten und dadurch teureren Diagnostik- und Behandlungsmethoden, mit allgemeinen Ausgabensteigerungen etwa bei der Energie oder mit vermehrten Personalkosten in Folge des Fachkräftemangels. „Eine tierärztliche Praxis muss angemessen und gemäß guter fachlicher Praxis ausgestattet sein, um allen gestellten Aufgaben fachlich und im Sinn der Tiere gerecht zu werden“, sagt Christine Bothmann vom Bundesverband der beamteten Tierärzte.
Die Erwartungshaltung von Haltern treibe die Ausgaben weiter in die Höhe, weiß Heidi Kübler von der Landestierärztekammer Baden-Württemberg in Stuttgart. Alle Medikamente, Behandlungsmethoden und Diagnosegeräte sollten ständig verfügbar sein. Verärgerte Tierbesitzer würden schnell vor Gericht ziehen, und manche Halter würden bei vermeintlich schlechter Behandlung ihres Tieres übergriffig. In Praxen in Ludwigsburg oder Heilbronn seien Escape Rooms eingerichtet worden, in denen bedrängte Mitarbeitende die Polizei anrufen können. Solche Entwicklungen verursachten Kosten.
Angemessene Vergütung
Die Veterinärin verweist auch auf Probleme bei der personellen Besetzung von Notdiensten. Die Kollegen dürften bei solchen Einsätzen nicht draufzahlen – sonst wären immer weniger bereit, an Wochenenden und nachts zu arbeiten. Das Tierschutzgesetz würde zudem vorschreiben, dass alle behandelbaren Erkrankungen auch behandelt werden müssten. Darum würden auch bei sehr alten oder sehr kranken Tieren alle Möglichkeiten ausgeschöpft, was wiederum zu hohen Kosten für die Besitzer führen würde.
Die alte Gebührenordnung von 1999 sei den Anforderungen moderner Tierarztleistungen nicht mehr gerecht geworden, ergänzt Heidi Kübler. Ähnlich argumentiert Christian Marquardt vom Landesverband der im öffentlichen Dienst beschäftigten Tierärzte Baden-Württemberg: „Die letzte Anpassung vom November 2022 war die erste seit 20 Jahren. Entsprechend wurde die Anhebung von den Tierhaltern zum Teil sehr deutlich wahrgenommen.“ Auch Christine Bothmann verteidigt die Tarife: „Aus unserer Sicht steht allen Berufsausübenden aller Berufsgruppen eine angemessene Bezahlung zu. Diese muss auskömmlich sein, und auch die Angemessenheit der Bezahlung der Angestellten ist nur so sicherzustellen.“
Gebühren und Probleme
Gebühren Den praktizierenden Tierärzten stehen nach Angaben der Bundestierärztekammer mit Sitz in Berlin für ihre Berufstätigkeit Gebühren nach der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (GOT) zu. Diese Rechtsvorschrift sei bundesweit gültig.
Vorsorge Heidi Kübler von der baden-württembergischen Landestierärztekammer empfiehlt den Abschluss einer Krankenversicherung für Tiere. Auch das monatliche Zurücklegen eines bestimmten Geldbetrags für notwendige Behandlungen sei ratsam.
Berufsbild Probleme gibt es ebenfalls in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung. Ihre Behandlung werde durch den zunehmenden Mangel an Großtierärzten erschwert, sagt Christian Marquardt vom Landesverband der im öffentlichen Dienst beschäftigten Tierärzte.