Krimikolumne

Klassikercheck: Leonard Schraders „Yakuza“ Mit chirurgischer Präzision

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Zu den bedeutendsten Thrillern der 1970er-Jahre gehört fraglos Leonard Schraders Japan-Epos „Der Yakuza“. Die Frage ist nur: Wie ist der Krimi im Lauf der Jahrzehnte gealtert? Kann man ihn denn heute noch lesen?

Ein Mann räumt auf: Robert Mitchum als Harry Kilmer in Sydney Pollacks „Yakuza“-Verfilmung. Foto: Warner Bros.
Ein Mann räumt auf: Robert Mitchum als Harry Kilmer in Sydney Pollacks „Yakuza“-Verfilmung. Foto: Warner Bros.

Stuttgart - 2008 war es, da hat der famose Alexander Verlag 25-jähriges Bestehen gefeiert und sich und seinen Lesern einen Noir mit Donnerhall geschenkt: „Der Yakuza“ von Leonard Schrader. Der 70er-Jahre-Thriller gilt als herausragender Vertreter des Genres und auch seine Verfilmung von Sydney Pollack mit Robert Mitchum als Harry Kilmer genießt zurecht Kultstatus.

Da ist es natürlich auch aus ungegebenem Anlass interessant zu wissen: Wie ist dem Yakuza die Zeit bekommen, wie ist er gealtert? Hat er Speckröllchen angesetzt oder kommt er so frisch wie eh und je daher? Die Antwort lautet: sowohl als auch.

Bringen wir zunächst das Unangenehme hinter uns.

Es purzeln und pratzeln die Adjektive

Beim Wiederlesen fällt eine Sache auf, die seinerzeit von der Begeisterung fürs große Ganze glatt überdeckt wurde: die Sprache holpert, ohne Sorgfalt werden unnötig Wörter wiederholt, da wird „gestöbert, um etwas zu suchen“, es purzeln und pratzeln die Adjektive, dass es eine Art ist – bloß keine schöne. Mehr noch (und sicher nicht nur dem Übersetzer anzulasten): Beim Thema Liebe geht der Ton ins Sentimentale und Schnulzige, zum Fremdschämen kitschig gar sind manche Passagen im Zusammenhang mit den kleinen Sohn von Kilmers großer Liebe Eko.

Auf der anderen Seite aber: „Der Yakuza“ ist und bleibt ein großes Epos von Treue und Verrat, von Pflichterfüllung und Hinterhältigkeit, von Gradlinigkeit und Verschlagenheit. Harry Kilmer und sein japanischer Mitkämpfer Tanaka Ken stehen für eine verlorene Zeit - und sie sind nicht gewillt, ein Jota von ihren Prinzipien abzuweichen.

Großangelegte, blutige Steigerung

Und dann ist das Buch nach wie vor ein Krimi, dessen Handlung wie auf Schienen nach vorne treibt. Von der Exposition, die der Nebenfigur Dusty gewidmet ist und also bewusst etwas in die Irre führt. Über den Auftrag, in Tokio die entführte Tochter von Kilmers altem Freund Tanner zu befreien, was beunruhigend glatt über die Bühne geht. Bis hin zu jener groß angelegten, blutigen Steigerung, die auch nach über 50 Jahren nichts von ihrer Stringenz und Spannung verloren hat.

So macht das Ende alles wieder gut. In mehrfacher Hinsicht. Die Helden siegen, die Üblen werden in einem ungleichen Kampf Zweier gegen Viele hingemetzelt. Schritt für Schritt, mit chirurgischer Präzision, lässt Schrader unter den Yakuza Remedur schaffen. Und er beschreibt eindrücklich, wie Ehrenmänner unter sich offene Rechnungen begleichen: Sowohl Ken als auch Kilmer opfern am Ende ein Glied des kleinen Fingers – was Schrader sogar mit noch größerem Nervenkitzel beschreibt als die vorangegangen Kämpfe mit den Yakuza.

Mit anderen Worten: „Der Yakuza“ ist und bleibt ein Klassiker. Fakt.

Leonard Schrader: „Der Yakuza“. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Mit einem Nachwort von Norbert Grob. Alexander Verlag, Berlin 2008. Bearbeitete Neuausgabe der 1987 unter dem Titel »Yakuza« erschienenen deutschen Erstausgabe. 344 Seiten, Print on Demand, 16,90 Euro. Auch als E-Book, 9,99 Euro.