Wer jeden Tag ins Büro kommt, kennt das: Einmal in der Woche, manchmal auch nur einmal im Monat kommen die Kolleginnen und Kollegen vorbei, die sonst immer im Homeoffice sind. Die erste Frage ist dann immer: „Uuund, was gibt es Neues hier?“ Und natürlich wollen sie ganz besonders wissen, welche Kollegin zusammen mit einem anderen Kollegen in der Cafeteria gesehen wurde. Und sind die beiden nicht verheiratet? Und überhaupt, der Manfred aus der EDV sieht irgendwie extrem schlecht aus. Hat ihn seine Frau verlassen? Oder trinkt er etwa zu viel? Weiß man da was?
Menschen sprechen gerne über andere Menschen. Das ist auch außerhalb des Arbeitsplatzes so. Wenn Freundinnen sich treffen, wird natürlich gerne über die Freundin gesprochen, die gerade nicht da ist.
Ist Klatsch und Tratsch wichtig für unsere Zugehörigkeit?
Eigentlich gibt es kaum jemand, der nicht über andere redet. Lästern erfülle mehrere psychologische und soziale Funktionen, sagt die Psychotherapeutin Franca Cerutti, die den Podcast „Psychologie to Go“ hostet. „Es stillt unsere Neugier, hilft bei der Weitergabe von Informationen und stärkt soziale Bindungen. Durch gemeinsames Lästern fühlen wir uns einer Gruppe zugehörig.“ Sie macht auch einen Unterschied zwischen Lästern und Gossip.
Gossip an sich sei eher neutral und beschreibe informelle Gespräche über Dritte, die nicht zwingend negativ sein müssten. Lästern hingegen sei abwertend. „Die nächste Stufe wäre Mobbing. Das zielt dann darauf ab, jemanden systematisch auszuschließen oder zu schädigen“, so Cerutti.
Lästern und Gossip hat beides einen negativen Ruf. Evolutionsbiologen wie Robin Dunbar argumentieren jedoch, dass es in Gruppen dazu diente, wichtige Informationen über soziale Dynamiken auszutauschen, was einst notwendig war, um das eigene Überleben und Kooperation zu fördern. Er beschreibt Gossip als „soziale Währung“.
Und ja, obwohl die fast die allermeisten Menschen selbst gerne lästern, ärgerten sie sich, wenn andere dasselbe tun – vor allem, wenn sie selbst plötzlich im Fokus stehen. „Das ist ein psychologisches Grunddilemma. Wir suchen soziale Akzeptanz, aber haben gleichzeitig Angst vor Ablehnung“, sagt Franca Cerutti. Wenn andere dann aber über uns reden, würden wir uns unfair beurteilt fühlen. „Da wir die Kontrolle über das Bild, das von uns gezeichnet wird, verlieren“, ergänzt sie. Gleichzeitig befriedige Gossip und Lästern über andere unsere Neugier und unser Bedürfnis nach sozialem Vergleich.
Die Betroffenen fühlen sich ausgegrenzt
Dennoch rät sie zur Vorsicht: „Zu viel Klatsch führt zu Misstrauen und schwächt den Zusammenhalt. Menschen, die merken, dass hinter ihrem Rücken gesprochen wird, fühlen sich unsicher und ausgegrenzt.“ Es sei sinnvoll, immer über die möglichen Folgen nachzudenken, bevor man etwas hinter dem Rücken von anderen sage. Sie verweist auf die „Drei Siebe“ von Sokrates: „Bevor wir über andere sprechen, sollten wir uns fragen: Ist es wahr? Ist es gut? Ist es nützlich? Wenn wir eine dieser Fragen mit Nein beantworten, lohnt es sich, zu schweigen.“
Während harmloser Klatsch soziale Bindungen stärken kann, richtet verletzendes und abwertendes Lästern durchaus bei anderen psychischen Schaden an. „Menschen, die Ziel von Lästereien oder Gerüchten werden, entwickeln oft Ängste, Depressionen oder ein geringes Selbstwertgefühl. Besonders schlimm wird es, wenn solche Gerüchte in sozialen Medien verbreitet werden, da die Öffentlichkeit die Scham verstärkt“, sagt Cerutti.
Wissenschaftlich wird Gossip – wie auch in der Evolutionspsychologie – gar nicht so negativ bewertet. Auch gelten Menschen die hier und da ein bisschen Klatsch und Tratsch verbreiten, nicht gleich als gehässige Zeitgenossen. Denn, wir alle erzählen jeden Tag Geschichten über andere Menschen.
Der Anthropologe und Evolutionsforscher Dunbar geht davon aus, dass rund zwei Drittel unserer Gespräche zwischenmenschliche Themen zum Inhalt haben. In seinem Buch „Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand“ aus den 1990er Jahren schreibt Dunbar sogar, der Kern der Gespräche, die er und sein Team für die Untersuchung belauscht hatten, habe sich um „private Beziehungen, persönliche Vorlieben und Abneigungen, persönliche Erlebnisse und das Verhalten anderer gedreht“. Bis heute gelten diese Befunde nicht als widerlegt. In seinem Buch vertrat Dunbar sogar die Auffassung, die Sprache sei beim Menschen überhaupt erst entstanden, damit wir über andere tratschen können. Er ging also davon aus, dass Lästern für Menschen eine sinnvolle Funktion erfüllen müsse. Weitere Belege gibt es aber dazu nicht.
Häufig wird Lästern übrigens eher Frauen zugeordnet, so gibt es zum Beispiel zu dem Begriff „Lästerschwestern“ kein Begriff, der Männer betrifft. In Studien wiederum wurde überhaupt kein großer Unterschied zwischen Männern und Frauen gefunden. Männer lästern und gossipen genauso häufig – lediglich die Inhalte unterschieden sich zwischen den Geschlechtern. „Frauen sprechen häufiger über Beziehungen, Männer neigen eher dazu, Themen wie Status und Leistung zu kommentieren“, sagt Franca Cerutti.
Manche Gespräche werden auch positiv wahrgenommen
Besonders Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl, aber auch solche, die sich in kompetitiven Umfeldern befinden, neigten eher zu abwertendem Lästern. „Das ist vermutlich, um die eigene Position zu stärken“, ergänzt sie.
Ob lästern als etwas Positives wahrgenommen wird oder nicht, hängt davon ab, was wir über andere sagen. Forscher der Universität Ariel in Israel haben herausgefunden, dass Frauen eher dazu neigen, positiv wahrgenommenen Gossip zu verbreiten. Männer hingegen sprächen häufiger „vernichtend“ über andere.
Ein Forschungsteam um die Sozialpsychologin Tania Reynolds an der University of New Mexico hat dies im vergangenen Jahr in einer Studienreihe genauer untersucht. Ihr Ergebnis war, wer aus vermeintlicher Besorgnis über andere spricht, wird von seinen Mitmenschen eher positiv wahrgenommen. Wem unterstellt wird „grundlos böse“ zu sein, wird auch negativ als Mensch wahrgenommen.
Rund 1700 Frauen und Männer haben in der Studienreihe teilgenommen. Tatsächlich wurden bei den Frauen oft eher Fürsorgemotive gefunden. Dadurch sahen andere sie als vertrauenswürdiger an, ja sogar als begehrenswerter. Männer bevorzugten sie sogar als Freundin oder Partnerin.
Letztlich neigen wir aber alle dazu, hin und wieder über andere zu lästern – oder zumindest ein bisschen Gossip zu verbreiten. Aber warum verurteilen wir es bei anderen dann oft so? „Es widerspricht sozialen Idealen wie Loyalität, Ehrlichkeit und Respekt, ist aber gleichzeitig tief in der menschlichen Kommunikation verwurzelt“, sagt Cerutti. Das sei ein klassisches Beispiel für kognitive Dissonanz: Man tue es selbst, verurteile es aber bei anderen und möchte natürlich nicht, dass andere über einen lästern.