Klaus Schulze – Pionier der E-Musik, ist tot Abermillionen Klänge schweben durch die Welt

Der Klangpionier bei der Arbeit. Foto: imago images/POP-EYE/POP-EYE/Sattler via www.imago-images.de

Klaus Schulze ist tot: einer der Urväter der heutigen elektronischen Musik . Ohne ihn kein Kraftwerk und kein Paul Kalkbrenner.

Aversionen waren dem Musiker Klaus Schulze eher fremd, aber ein wenig allergisch konnte er schon werden, wenn jemand versuchte, ihn in eine erweiterte Reihe mit dem Kölner Komponisten Karlheinz Stockhausen zu stellen: Elektronik-Musiker genreübergreifend unter sich gewissermaßen. Anders als Stockhausen jedoch, der Anleihen bei der frühen elektronischen Musik nutzte, um am Ende die Totalität seines elektroakustischen Gesamtkunstwerks (der Zyklus „Licht“ etc.) abzusichern und tendenziell gottähnlich am Mischpult amtierte, wollte Schulz sich in und mit seinen komplett synthetisch herstellbaren, unendlichen Klängen tatsächlich verlieren.

 

Ein offener Mensch und Musiker

Auch wenn seine Stücke (selten unter 20 Minuten Dauer) immer ein bisschen dem Sonatensatz ähnelten, mit Einleitung, Mittelteil und Ausklang, hörte er prinzipiell musikalisch keine Grenzen – und verfolgte auch keine übergeordneten Strategien. Live suchte er im Moment nach musikalischen Perspektiven. Nichts blieb sich strukturell gleich. Von vornherein brachte Schulze (Berliner, Jahrgang 1947) diese sehr offene Disposition in Differenz zu anderen Mitgliedern von Tangerine Dream, einer bald globalen Ruhm gewinnenden Formation, die Ende der sechziger Jahre aus dem Proberaum einer Wilmersdorfer Jugendmusikschule aufbrach: Hier wurden keine Eliten gedrillt, wohl aber, genau betrachtet, Teile der Musikwelt von morgen und übermorgen erfunden.

Die erste LP: „Irrlicht“

Was er auf Tonbändern mitschnitt, ließ Klaus Schulze, am Anfang gerne rückwärts laufen, wie er darüber hinaus überhaupt eine recht innige Beziehung zu Monomanen und Revolutionären der musikalischen Vorzeit unterhielt: Ohne zu rhythmisieren zunächst (die ganze Musik wurde eine sich aus dem Flächigen auftürmender tonaler Berg) zitierte er gerne Wagner und Brahms, nutzte aber auch geschickt repetitive Muster, die Terry Riley als Ahnherr der späteren Minimal Music eingeführt hatte: „Irrlicht“ hieß nicht ganz zufällig Klaus Schulzes erste LP.

Man konnte sich vorübergehend in den Variationen dieser häufig sanften, mitunter aber auch gigantomanischen Musik verlieren, darauf vertrauend, dass der Kapitän Schulze in seinem Cockpit aus Moog- und anderen Synthesizern irgendwann wieder die Steuerung übernehmen würde.

Irgendwie war er oft ein Pionier (wie mit dem ersten durchgängig digitalen Album „Dig It“ von 1980), ohne je wirklich als Avantgarde zu gelten. Musikalische Emotionslenkung mit elektronischer Musik hingegen, wie Tangerine Dream sie unter Leitung von Edgar Froese in den USA betrieb, wurde seine Sache nicht. Stilprägend wirkte er gleichwohl – David Bowie wie noch mehr Brian Eno sind in Teilen ihres Schaffens ohne Klaus Schulze ebenso wenig kaum zu denken wie Kraftwerk, La Düsseldorf und später Paul Kalkbrenner und Ultramarine, die Schulzes freies Schweben nur zielgerichteter, normierter klingen ließen. Gerade seine unbekümmerte Richtungslosigkeit verzauberte besonders viele Französinnen und Franzosen. In Paris war Klaus Schulze bis hin zu Megakonzerten ein Star. „La vie electronique“ hieß die Reihe seiner Remixe dort.

Abgehoben war Klaus Schulze, lange ein Eigenbrötler in bestickten, bauschigen Blusen, dennoch nie. Buchstäblich bodenständige Musiker wie Willie Nelson und J. J. Cale gehörten neben den allerfrühesten Pink Floyd zu seinen Favoriten. So viel Musik der Familienvater und Opa aber auch produzierte, so wenig schien er in Gefahr, sich zu wiederholen. Es gab und gibt Abermillionen Klänge, wer finge sie jemals ein? Nach langer Krankheit ist Klaus Schulze jetzt in Berlin gestorben. Er wurde 74 Jahre alt.

Ein Mann in bauschiger Bluse

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