Kleider machen Leute Die Fußstapfen des Schuhmachermeisters

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Im Kornwestheimer Museum im Kleihues-Bau lagern etwa 200 Paar Schuhe aus verschiedenen Jahrhunderten. Sie sind ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte.

Irmgard Sedler zeigt Schätze aus ihrer Sammlung. Foto: factum/Bach
Irmgard Sedler zeigt Schätze aus ihrer Sammlung. Foto: factum/Bach

Kornwestheim - Ihre Brautschuhe haben der jungen Dame kein Glück gebracht. Dabei sind sie wunderschön: so klein und schmal, dass sie heutzutage keiner Zehnjährigen passen würden, gefertigt aus weißer Atlasseide und verziert mit kleinen Schleifen. Die Seidenschühchen der Größe 33 sind etwa vier Zentimeter breit, und obwohl sie Jakob Sigle höchstselbst gefertigt hat, blieb der Salamander-Gründer auf ihnen sitzen, weil das geplante Hochzeitsfest platzte.

Irmgard Sedler kann das nur recht sein. So kam die Kuratorin der Galerie Kornwestheim an ihr ältestes Stück in der Schuhsammlung der Stadt. Zu den Hinterlassenschaften Sigles, die seine Familie vor einigen Jahren dem Museum schenkte, zählten auch die noch immer ungetragenen weißen Seidenschuhe von 1885. In diesem Jahr hatte der damals 23 Jahre junge Schuhmachermeister im so genannten Kommissärs-Haus in der Jakobstraße seinen Handwerksbetrieb gegründet, der bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu Europas größtem Schuhhersteller heranwachsen sollte.

Mehr als 20 Paar Schuhe, sagt Sedler, stammten aus dem Sigelschen Nachlass. Im Keller der Galerie, die sonst der Kunst verpflichtet ist, lagern etwa 200 Paar Schuhe, sorgfältig in passgenaue, säurefreie Kartons verpackt. Darunter sind alte, handgefertigte Exemplare, die – wie die Brautschuhe von Sigle – noch über einen Leisten statt über zwei für den linken und den rechten Fuß geschustert wurden. Darunter sind aber auch exquisite Designerschuhe, Salamander-Produkte der verschiedenen Jahrzehnte wie die quietschbunten Halbschuhe aus den 1980er Jahren, an denen Teenager auch heute wieder ihre helle Freude hätten.

Auch Joschka Fischer hat ein Paar beigesteuert

Im Allerheiligsten werden Stücke wie die jüngste Erwerbung, Marschstiefel aus dem Hause Salamander, die während des Rommel-Feldzugs getragen worden sind, aufbewahrt. Und schließlich gehören Plakate, Werbebroschüren, alte Schuhkartons zu der insgesamt etwa 500 Exponate umfassenden Schuhsammlung, die die Kunsthistorikerin und Volkskundlerin Irmgard Sedler in den vergangenen 13 Jahren im Museum angelegt hat.

Begonnen hat alles 1999 mit der Ausstellung „Auf Schritt und Tritt ... Schuhe“, die erste Schau, die Irmgard Sedler im Museum im Kleihues-Bau kuratiert hat. „Damals hatte die Stadt kein einziges Paar Schuhe“, sagt sie – eigentlich unvorstellbar, schließlich ist Kornwestheim auch wegen Salamander im Eiltempo vom Bauerndorf zur Großen Kreisstadt herangewachsen. 1890 lebten laut Statistischem Landesamt nur 1868 Menschen in dem Flecken; zur Blütezeit des Schuhherstellers 1967 gab es bereits 27 676 Kornwestheimer.

Von der Ausstellung vor 13 Jahren stammt auch das prominenteste Stück der Sammlung: die Joggingschuhe, mit denen der damalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) am New-York-Marathon teilgenommen hat. „Er wollte dafür ein Paar Ersatzschuhe“, sagt Sedler, „die hat er bekommen.“ Die Museumsleiterin bleibt aber weiter auf der Suche, blättert in Katalogen, forscht im Internet und besucht Auktionen. So fehlt ihr noch ein Holzschuh aus der Notproduktion während des Ersten Weltkriegs zum Sammlerglück.

Die Geschichte wird weiter erzählt

Ende Juli ist die zweite Schuhausstellung in der Galerie zu Ende gegangen. „Von J. Sigle & Cie. zur Marke Salamander“ lautete der Titel der Schau, die die Entwicklung der Firmen- und Schuhgeschichte bis zum Jahr 1935 nachzeichnet. Weitere sind bereits geplant. In den Jahren 2014/2015 will Sedler die Entwicklung bei Salamander in einer neuen Schau fortschreiben. Gemeinsam mit ihren Kollegen aus dem sachsen-anhaltinischen Weißenfels möchte sie zudem im gleichen Zeitraum eine Ausstellung zum Thema Barockschuhe zeigen. Auch in der Kornwestheimer Partnerstadt hatte die Schuhproduktion lange Zeit eine beherrschende Stellung. Nach der Wende versank die Branche, in der einst 30 000 Menschen beschäftigt waren, indes in der Bedeutungslosigkeit. Bis heute beheimatet Weißenfels aber das größte Schuhmuseum Deutschlands.