Stuttgart - Die Modebloggerin Kathleen „Katefully“ Jäkel ist zu klein. Zu klein für die Online-Shops der Modeunternehmen. Zu klein vor allem bei den Hosen: Mit 1,64 Meter Körpergröße passen die zwar meist an der Hüfte, aber in der Länge sind die bestellten Hosen weit über dem, was die 28-Jährige eigentlich braucht. „XS ist nicht überall XS. Weil die Größen bei den verschiedenen Online-Shops ganz unterschiedlich ausfallen, bestelle ich manchmal zweimal das gleiche Kleidungsstück“, erzählt die Modebloggerin. Das Passende behält sie, das andere schickt sie zurück – so einfach ist das im Online-Handel. Denn wer im Netz einkauft, kann die Ware nach dem Widerruf innerhalb von 14 Tagen zurückgeben.
Kunden müssen zehn Fragen zum Körperbau beantworten
Wie Jäkel geht es vielen: Die Deutschen senden 46 Prozent der online eingekauften Schuhe und Kleidungsstücke wieder zurück, also jedes zweite Paket – oft, weil die Größe nicht passt. Das geht aus einer Erhebung der Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg hervor. Doch inzwischen haben sich einige Start-ups mit dem Problem beschäftigt – mit dem Ziel, die Retourenquote deutlich zu sinken: durch Größenempfehlungen und maßgeschneiderte Mode. Denn eine Studie der Universität Bamberg zeigt: Bei einer funktionierenden Größenberatung könnten etwa 26 Prozent der Moderetouren eingespart werden. Im Gesamtmarkt wären das 22 Prozent aller Retouren.
ZyseMe heißt ein Start-up, das Textilunternehmen eine Software anbietet, mit der die Kunden online maßgeschneiderte Kleidung bestellen können. Den Körper vermessen, wie traditionell beim Maßschneider, ist nicht mehr nötig, die Kunden müssen lediglich zehn Fragen beantworten: unter anderem zu Alter, Größe, Gewicht und Körperbau. Anschließend berechnet die Software mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die Maße und fertigt so ein Schnittmuster – ganz individuell nach den Vorstellungen des Kunden. Diesen Service bietet unter anderem schon das Herrenmodeunternehmen Eckerle an – das auch eine Filiale in Stuttgart betreibt. Mit dem großen schwedischen Modekonzern H&M durchläuft ZyseMe zurzeit eine Testphase. Ein nicht perfekt sitzendes Hemd soll damit bald der Vergangenheit angehören.
Eindringen in die Privatsphäre durch das Video?
Eine andere Strategie wählt das Start-up Presize, das sich im Oktober in der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“ mit Carsten Maschmeyer einen prominenten Investor gesichert hat. Die drei Gründer entwickelten im vergangenen Jahr eine Körperscanner-App, mit der beim Online-Kauf von Kleidung der Körper des Kunden mit der Smartphonekamera vermessen wird. Auch sie haben schon Kontakt zu einem Modegeschäft mit einer Stuttgarter Filiale aufgenommen: Kuhn Maßkonfektion. Allerdings wird die Anwendung laut Kuhn erst zum ersten oder zweiten Quartal 2021 auf der Website zu sehen sein. „Wir experimentieren noch offline und vermessen uns selbst. Das funktioniert sehr gut, aber wir müssen die Maßqualität noch verbessern“, sagt Geschäftsführer Michael Kuhn. Er ist sich aber sicher: „Ein großer Teil unserer Kunden ist bereit, das zu nutzen.“
Björn Asdecker von der Universität Bamberg ist da skeptischer: Der 38-jährige Betriebswirt forscht zu Retourenmanagement und glaubt, dass viele Kunden die Kleidung am Ende nicht als maßgeschneidert wahrnehmen werden – weil Messfehler unvermeidbar seien und das Video zu sehr in die Privatsphäre eindringen würde.
Mit jedem bestellten Kleidungsstück lernt der Algorithmus dazu
Sich in enger Kleidung vor der Smartphonekamera einmal um die eigene Achse drehen, das hat auch Modebloggerin Kathleen Jäkel schon ausprobiert. Doch auch die 28-Jährige fragt sich, ob sich aus solchen Softwares wirklich ein Trend in der Modebranche entwickeln kann: „Dafür müssten die Anwendungen in den großen Online-Shops wie Zalando oder H&M angeboten werden.“ Die Modebloggerin glaubt, dass sich vor allem die Fragebögen als Anwendung auf dem Weg zum individuellen Kleidungsstück durchsetzen werden: „Wenn man online shoppt, liegt man auf der Couch und kann schnell ein paar Fragen beantworten. Da will aber keiner aufstehen und ein Video aufnehmen.“
Bei Presize ist man trotzdem zuversichtlich, am Markt zu bestehen. Das Start-up wirbt zurzeit mit 1,2 Zentimeter Abweichung im Mittelwert. „Vor einem Jahr waren wir noch beim doppelten Messfehler“, erzählt Leon Szeli, einer der drei Gründer. Der Algorithmus lerne mit jeder Bestellung dazu, wisse, welcher Kunde das Kleidungsstück behalten habe. „Wir sind uns zu 91 Prozent sicher, dass dir diese Größe passt, weil wir 873 Transaktionen von Menschen mit einem ähnlichen Körper für dieses Produkt haben“, kann zum Beispiel eine Meldung lauten, nachdem der Kunde ein Video gedreht und die Fragen beantwortet hat.
Presize-Gründer: Der Preis für ein Maßhemd bleibt gleich
Der Preis für diesen Service zahle nicht der Endkunde, versichert Szeli. „Ohne uns wären Preise von 50 Euro für Maßhemden nicht möglich“, betont er. Und auch für die Shops sei das kein Verlustgeschäft: Presize verlange von ihnen lediglich die Retourenersparnisse und den Mehrumsatz.
Kathleen Jäkel jedenfalls hat positive Erfahrungen mit der Videovermessung gemacht – trotz des Mehraufwandes. Diesmal musste sie nichts zurückschicken: „Am Ende hat alles gepasst, ich war sehr zufrieden.“
Verluste mit Maßkleidung aus dem Internet
Misserfolg Im Internet maßgeschneiderte Kleidung zu verkaufen, das hat auch der Online-Modeshop Zozo versucht – per App und mithilfe eines dehnbaren, weiß gepunkteten Ganzkörperanzugs. Doch bereits nach kurzer Zeit musste das Unternehmen seine Online-Shops wegen Verlusten wieder schließen. Viele Kunden hätten sich den Anzug zukommen lassen und dann nichts bestellt.
Enormer Anstieg
2019 hat der Online-Handel mit Bekleidung und Schuhen knapp 19 Milliarden Euro in Deutschland umgesetzt. 2006 belief sich der Umsatz noch auf rund drei Milliarden Euro.