Justin Bosch ist der Chef der Bäckerei Bosch im Stuttgarter Westen. Vor ihm haben dort schon sein Vater, Opa und Uropa Brezeln geschlungen. Foto: privat
Die Kunden lieben sie und stehen für ihre Waren Schlange. Doch die Energiekrise könnte für Traditionsbetriebe das Ende bedeuten. Der Stuttgarter Bäcker Justin Bosch und ein Metzger aus dem Kreis Ludwigsburg schildern, was sie jetzt dringend bräuchten.
Wenn andere morgens noch schnell ihr Hemd oder ihre Bluse bügeln und ins Büro eilen, ist Justin Boschs Arbeitstag so gut wie gelaufen. Um 2 Uhr morgens knipst er das Licht in der Backstube im Stuttgarter Westen an, knetet Teig, schlingt Brezeln und schiebt Brote in den Ofen. Um 9 Uhr ist er bereits in den letzten Zügen und hat Zeit für ein Gespräch. Er bittet ins improvisierte Büro oberhalb der Backstube. „Ich warte jeden Tag auf Post von unserem Energieversorger, dass nun der Hammer kommt“, sagt der 41-Jährige. Justin Bosch ist der Chef der Traditionsbäckerei Bosch, seinen Vornamen spricht man übrigens deutsch aus, nicht englisch. Zurzeit macht er sich viele Gedanken.
Traditionsbäckerei Schneck in Tübingen muss schließen
Seit 110 Jahren werden an der Schwabstraße 104 in Stuttgart Brote, Brezeln und süße Stückle verkauft. „Jetzt hoffe ich, dass wir das auch noch rum bekommen“, sagt Justin Bosch. Damit meint er: Dass die Energiekrise nicht das Ende des Familienbetriebs bedeutet. Die Bäckerei Bosch wäre nicht die erste, der die steigenden Preise das Genick brechen. Andreas Schneck schließt zum Jahresende die vor 92 Jahren gegründete Bäckerei Schneck in Tübingen.
„Bevor wir in die Insolvenz rutschen, machen wir lieber vorher schon Schluss – solange wir es noch selbst steuern können“, erklärte Bäcker Schneck im „Heute-Journal“. Er habe in diesem Jahr bereits zweimal die Preise erhöhen müssen, um die gestiegenen Kosten abzufedern – doch dann kamen weniger Kunden. „Ich will selbst auch keine 1,50 Euro für eine Brezel bezahlen oder sieben, acht Euro für ein Brot“, sagte er.
Bei Bäcker Bosch kostet die Brezel nun mehr als einen Euro
Auch Justin Bosch hat dieses Jahr schon zweimal die Preise erhöht, „die Brezel hat nun bei uns die magische Grenze von einem Euro überschritten“. Zu Jahresbeginn habe diese noch 90 Cent gekostet. Beschwert habe sich bisher aber niemand. Es wisse ja jede und jeder, dass alles teurer werde, sagt Justin Bosch. Auch für Weihnachtsgebäck und Stollen sollten die Menschen dieses Jahr mit höheren Preisen kalkulieren, warnt der Bäcker. „Ich zahle mittlerweile zehn Euro für ein Kilo Butter.“ Und mit Margarine Plätzchen oder Stollen zu backen sei in der Bäckerei Bosch überhaupt keine Option, stellt er klar. Auch in anderen Bereichen kann der Bäcker kaum sparen. Der größte finanzielle Posten seien die Löhne für seine 14 Vollzeitmitarbeiter, „womöglich machen aber bald die Betriebskosten den Großteil aus“, befürchtet er.
Würde Justin Bosch keine Nachrichten verfolgen oder sich mit Kollegen austauschen, könnte er eigentlich völlig entspannt sein. Denn bis heute hat er von seinem Energieversorger keinerlei Info erhalten, dass Strom oder Gas für ihn teurer werden. Noch läuft der Ofen in der Backstube unter der Woche zwölf Stunden am Stück – mit Gas. „Meine Kollegen zahlen schon das Doppelte oder Dreifache für Gas, manche sogar das Achtfache“, sagt Bosch. Sein Vertrag gilt noch bis Jahresende, ab Januar 2023 wird wohl auch er deutlich mehr bezahlen müssen. Aber wie viel? Er hat keine Ahnung.
Es gibt immer weniger Bäckereien
Noch gibt es auch kaum verlässliche Zahlen, wie viele der kleinen Betriebe und Mittelständler in Deutschland angesichts der steigenden Energiepreise von einer möglichen Insolvenz bedroht sind. Der baden-württembergische Handwerkstag hatte kürzlich gemahnt, dass „jeden Tag neue Hilferufe von Betrieben mit teils jahrzehntelanger Tradition“ ankämen. Die Betriebe könnten ihre Energierechnungen nicht mehr bezahlen oder erhielten keine neuen Versorgungsverträge mehr, hieß es.
Kleine Bäckereien hatten es auch schon vor der Energiekrise schwer. Die Bäckerinnung Alb-Neckar-Schwarzwald hatte im Jahr 2012 noch 33 Mitgliedsbetriebe in Stuttgart, inzwischen sind es noch 23 – ein Rückgang von 30 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Die Personalkosten sind durch die Mindestlohnerhöhung gestiegen, die Rohstoffe sind teurer geworden. Auch der Fachkräftemangel setzt der Branche zu. Allein im vergangenen Jahr haben unter anderem die Bäckerei Gaier aus Fellbach, die Bäckerei Binder aus Holzgerlingen und die Bäckerei Vetter aus Schönaich aufgegeben – alle nach mehr als 100 Jahren. Auch die Bäckerei Willi Kratz aus Stuttgart hat kürzlich zugemacht, ebenso die Feinbäckerei Keil aus Ludwigsburg.
Ladenumbau muss Bäcker Bosch verschieben
Die Energiekrise könnte nun der Tropfen sein, der das Fass für einige verbliebene Betriebe zum Überlaufen bringt. „Bäckereien haben ihr Energiesparpotenzial nahezu ausgereizt“, sagt Frank Sautter, der Geschäftsführer der hiesigen Bäckerinnung. Und die gestiegenen Kosten könne man nur bis zu einem gewissen Teil auf Backwaren umlegen, also auf den Kunden. Schon jetzt könnten viele Bäckereien nötige Investitionen nicht mehr tätigen.
Auch Justin Bosch wollte eigentlich dieses Jahr die Bäckerei modernisieren lassen. Doch zurzeit gibt er rund 30 Prozent mehr an Materialkosten aus, als er kalkuliert hatte. Dieses Geld hatte er nicht nur für Investitionen, sondern auch für Bonuszahlungen an seine Mitarbeiter zurückgelegt. Vor wenigen Tagen hat Bosch dem Ladenbauer also abgesagt. Der sei überhaupt nicht überrascht gewesen, berichtet Bosch, „alle kleinen Betriebe sagen ihm gerade das Gleiche, meinte er“.
Strom, Flüssiggas oder Schlagsahne: Alles ist teurer
Bei Harald Niederdorfer köchelt an jenem Mittag bereits seit fünf Stunden eine Knochensuppe vor sich hin. Am Morgen um 9 Uhr hat er sie angesetzt. Erst nach mehreren Stunden auf dem Herd bekomme die Knochensuppe diesen Geschmack, den die Gäste so lieben, sagt der Metzger und Gastwirt aus Oberstenfeld-Gronau (Kreis Ludwigsburg). „Natürlich könnte ich die Suppe auch anrühren, aber dann kommen die Leute nicht mehr.“ Mit seiner Frau Anke betreibt er die Metzgerei Brosi und das dazugehörige Gasthaus Taube – sein Traumberuf. Schon als junger Bub wollte er „lieber Wurst machen als Lehrer werden“. Doch der Traumberuf ist unsicher geworden, „ich habe keine Grundlage mehr, um zu kalkulieren“.
Im Gegensatz zu Justin Bosch hat Harald Niederdorfer bereits Post von seinem Versorger erhalten. Für das Flüssiggas aus dem eigenen Tank musste er im August dieses Jahres 75 Cent pro Liter bezahlen, das ist etwa doppelt so viel wie im Vorjahr, für Strom lag er zuletzt bei 46,7 Cent pro Kilowattstunde. Außerdem zahlt er für einen Liter Schlagsahne inzwischen 4,50 Euro statt drei Euro wie noch im vergangenen Jahr. „Das Problem ist das Gesamtpaket“, sagt er.
Metzger wünscht sich Deckelung der Preise
Am meisten Strom geht in der Metzgerei für die Kühlung drauf. Die Metzgerei Brosi hat fünf Kühlräume und zwei Tiefkühlräume. Obst und Gemüse müssen aufgrund der Bakterien getrennt von Fleisch und Wurst gelagert werden, das ist gesetzlich vorgegeben. Viel sparen lässt sich hier nicht.
Harald und Anke Niederdorfer von der Metzgerei Brosi und der Gaststätte Traube in Oberstenfeld-Gronau Foto: Avanti
„Ich kapiere die Diskussionen im Fernsehen nicht mehr“, sagt Niederdorfer. Er meint damit etwa die Äußerung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, der sagte, dass manche Betriebe vielleicht bald für eine gewisse Zeit schließen müssten, diese aber deshalb nicht insolvent gingen, „mit Betriebswirtschaft hat das nichts zu tun“, kommentiert der Metzger. Doch der Grünen-Politiker sei nicht schlimmer als andere: „Verbrochen haben die Politiker das alle miteinander.“ Dass Deutschland so abhängig von russischem Gas war und die Energiepreise wegen des Ukraine-Kriegs nun so exorbitant steigen, sei das Ergebnis von Entscheidungen, die vor Jahren getroffen wurden.
Niederdorfer bezeichnet die Versprechungen der Politiker als „Wischiwaschi-Geschwätz“. „Was ich brauche, ist eine Deckelung von Strom- und Gaspreisen.“ Einmal- oder Sonderzahlungen helfen ihm nicht, betont er. Ihn treibt die Angst vor einer Nachzahlung im Winter um. „Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist weiterzumachen oder ob ich mich anderweitig orientieren muss.“
Die Schwestern von Justin Bosch arbeiten im Verkauf
Der Stuttgarter Bäcker Justin Bosch ist in diesen Tagen besonders froh, dass er nicht mehr wie sein Opa und Uropa direkt beim Geschäft an der Schwabstraße wohnt, sondern in Botnang. Etwas Abstand zur Arbeit nach Feierabend sei zurzeit hilfreich, sagt er. „Wir wissen nicht, ob und wie uns künftig geholfen wird.“ Mit „wir“ meint er sich, seine Mitarbeiter – und seine Schwestern Leonie und Fanny. Beide arbeiten an der Bäckerei-theke. Morgens verkaufen sie am nahe gelegenen Schickhardt-Gymnasium in der Pause belegte Brötchen, Brezeln oder Croissants.
Kleine Betriebe versuchen viel, um es ihren Kunden so bequem wie möglich zu machen. Bäcker gehen an Schulen, Metzger bieten Partyservice an – und arbeiten dafür auch abends und an Wochenenden. Aber ob diese Versuche reichen, um auch diese Krise abzufedern? Justin Bosch und Harald Niederdorfer wissen es nicht. Noch nicht.