Kleine Brauereien der Region Selbst die kleinen Bierbrauer leiden unter Corona

Auch die kleineren Brauereien mussten sich der Corona-Zeit anpassen – und von Fässern auf Flaschen umstellen. Foto: dpa/Rumpenhorst

Keine Hocketsen, kein Volksfest: Der Pro-Kopf-Bierkonsum in Deutschland ist im Corona-Jahr 2020 auf einem Rekordtief gelandet. Das bekommen auch aufstrebende kleine Brauereien in der Region Stuttgart deutlich zu spüren.

Entscheider/Institutionen : Kai Holoch (hol)

Region Stuttgart - Zunächst hatte es gut ausgesehen für die Brauereien in der Republik. Denn entgegen dem langjährigen Abwärtstrend war der Bierkonsum in den ersten Wochen der Corona-Krise im Frühjahr 2020 gestiegen. Pils, Helles und Weißbier, aber auch deren alkoholfreie Varianten, erfreuten sich in den eigenen vier Wänden zunehmender Beliebtheit. Bis zur Jahresmitte hatte jeder Deutsche im Schnitt 38,6 Liter Bier gekauft. Das waren acht Flaschen mehr als im ersten Halbjahr 2019 – und die fürs Biertrinken beste Zeit stand ja erst noch bevor.

 

Doch dann kamen der Sommer und der Herbst mit all seinen abgesagten Hocketsen und Volksfesten – und die Lust am Gerstensaft nahm rapide ab. Zwar trinken in Europa nach wie vor nur die Tschechen und die Österreicher mehr Bier als die Deutschen. Mit 95 Litern pro Kopf fällt die deutsche Jahresbilanz des Bierkonsums aber so schlecht aus wie zuletzt im Jahr 1960. Im Vergleich zum ohnehin schon miesen Vorjahr 2019 waren es noch einmal rund fünf Liter weniger. An die Hochzeiten – 1980 tranken die Deutschen pro Kopf 145,1 Liter – können sich ohnehin nur altgediente Brauer erinnern.

Erhebliche Zuwächse – allerdings nur bis 2019

Das spüren nicht nur die großen Brauereien. Die Pandemie hat auch erhebliche Folgen für jene wachsende Zahl an Klein- und Kleinstunternehmen in der Region Stuttgart, die in der jüngeren Vergangenheit versucht haben, mit neuen Craft-Beer-Kreationen den Biermarkt zu verändern – und dabei bis 2019 erhebliche Zuwächse verzeichnen konnten. „Die Situation ist schwierig“, erzählt Thomas Szasz. 2017 hat der Ingenieur aus seinem Hobby einen Nebenerwerb gemacht und die Kleinstbrauerei Hey Joe Brewing in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) gegründet. Die Produktionsstätte, eine umgebaute Werkhalle, teilt er sich mit dem Stuttgarter Sven Fuchs, der seinerseits hauptberuflich sein Glück mit dem Verkauf diverser Biersorten seiner Marke Lost River Brewery versucht.

Viele mussten von Fässern auf Flaschen umstellen

Zuletzt sei es stetig aufwärts gegangen, erzählt Thomas Szasz. Deshalb habe er Anfang des vergangenen Jahres kräftig investiert und zwei neue Tanks gekauft. Die braucht er jetzt ebenso wenig wie die Fässer, mit deren Verkauf kleine Unternehmen der Branche noch am ehesten Geld verdienen können. „Weil es keine Feste mehr gab und auch die Gastronomie dichtmachen musste, mussten wir alles auf Flaschen umstellen“, erzählt er.

Glück im Unglück habe er gehabt, sagt Sven Fuchs. Denn eigentlich habe er 2019 eine eigene Gaststätte eröffnen wollen, um sein Bier dort verkaufen zu können. Fuchs: „Das hätte mir wohl finanziell das Genick gebrochen.“ Doch weil er keine geeignete Location gefunden habe, komme er nun, obwohl die Nachfrage um rund 50 Prozent eingebrochen sei, vergleichsweise problemlos durch die Pandemie.

Die eigenen Produkte in einem Internetladen anzupreisen lohne sich angesichts der geringen Mengen nicht, sagen Fuchs und Szasz übereinstimmend. Allerdings kann man Bier auf den jeweiligen Internetseiten der beiden Brauereien bestellen.

In Stuttgart liefert Danilo Paulus ins Haus

Wer direkt in Stuttgart wohnt, kann sich das Bier der beiden Brauer auch von Danilo Paulus liefern lassen. Der Diplom-Biersommelier bietet als Chef von 0711biersommelier nicht nur die Anlieferung von 30 verschiedenen Sorten von fünf Kleinbrauereien der Region Stuttgart, sondern auch regelmäßige Online-Biertastings an.

Paulus sieht zwar auch die Probleme – aber durchaus auch Chancen für kleinere Brauereien: „Die großen Gaststätten sind doch meist im Besitz von noch größeren Brauereien. Da bekommt man dann immer nur das Bier aus diesen Häusern. Daheim hat man die freie Wahl, wo man sein Bier bestellen will. Man kann also experimentierfreudiger sein.“

Produziert Szasz jährlich rund 50 Hektoliter, so bringt es der Bierbrauer Daniel Singh aus Weilheim (Kreis Esslingen) immerhin auf 400 Hektoliter. Für ihn lohnt sich dann schon ein Online-Shop, in dem er nicht nur seine diversen Biersorten – darunter ein Zähringerbier, dass er zum Weilheimer Stadtjubiläum kreiert hat –, sondern auch T-Shirts, Basecaps und Hoodies mit dem Firmensignet, einem großen Hopfen, anbietet. Dank dieser Online-Aktivitäten hält Singh sein Minus mit zehn Prozent in Grenzen. Am Anfang der Corona-Krise hat er einen Online-Braukurs angeboten, der auf großes Interesse gestoßen sei. Aktuell habe das Interesse an solchen Angeboten nachgelassen: „Auch da gibt es eine gewisse Corona-Müdigkeit.“

Das Bier liegt noch in den Gär- und Lagertanks

Eine noch größere unter den Kleinen ist die Wichtelbrauerei mit ihren drei Standorten in Ditzingen, Feuerbach und Böblingen. Noch im Sommer 2021 soll ein vierter am Cannstatter Bahnhof dazukommen. Das Jahr 2020 sei zwar kein besonders gutes gewesen, sagt der Wichtel-Geschäftsführer Jens Täuber. Aber insgesamt komme man mit einem Minus von ebenfalls zehn Prozent noch ganz gut davon: „Gut ist, dass das Bier noch in den Gär- und Lagertanks und nicht in den Ausschanktanks ist. Da hält es länger!“

Warum weniger Bier getrunken wird

Die Frage, warum immer weniger Bier getrunken wird, beschäftigt die Brauereien intensiv. Verschiedene Faktoren könnten eine Rolle spielen: Viele Verbraucher achten stärker auf ihre Gesundheit und trinken weniger, um den Alkoholkonsum zu reduzieren. Auch der demografische Wandel wird vom Deutschen Brauerbund als möglicher Grund des sinkenden Bierkonsum genannt: Ältere Menschen trinken demnach weniger Bier.

Die beliebteste Biersorte ist auch in Corona-Zeiten das Pils. Immer mehr Bierliebhaber schwören aber auch auf das Helle, das den größten Zuwachs hat. Alkoholfreies Bier liegt auf Rang drei in der Bier-Hitparade.

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