Kleine Paradiese im Rems-Murr-Kreis Ein ganzer Garten voller Heilpflanzen

Ein idyllischer Blick in den Apothekergarten. Foto: Ingrid Sachsenmaier

Der Apothekergarten oberhalb des Wehrgangs in Waiblingen wird mittlerweile von Gärtnern der Stadt gepflegt. Obwohl es das öffentlich zugängliche Kleinod seit mehr als 350 Jahren gibt, kennen nicht viele Bürger diese Oase.

Schafgarbe, Lavendel, Pfefferminze, Brennnessel, Knoblauch, Ginkgo, Zaubernuss und farbintensive Ringelbumen wachsen in vielen Gärten. Auch Schnittlauch und Fenchel, Lorbeer und Rosmarin sind weit verbreitet. Meist als Zierpflanzen oder Gewürze, aber eher selten als Heilpflanze. Früher war das anders, die Pflanzen hatten ihre Bedeutung in der Medizin und wurden von Apothekern für die Herstellung von Arzneimitteln verwendet. In Waiblingen gibt es dazu eine jahrhundertealte Tradition und eine Vielfalt einschlägiger Pflanzen.

 

Ein elegantes, ovales Emaille-Schild mit der Aufschrift „Waiblinger Apothekergarten“ macht viele Menschen neugierig, die den gepflasterten Weg und die breiten Stufen zur Nikolauskirche hinaufgehen. Andere wissen um das Idyll in der Pfarrgasse inmitten der historischen Mauern von Waiblingen und genießen hier regelmäßig eine Auszeit vom Alltag. Der Apothekergarten in Waiblingen ist etwas Außergewöhnliches, angelegt wurde er bereits vor Jahrhunderten, just an dieser Stelle. Urkundlich überliefert ist das Jahr 1685 als „Geburtsjahr“ des Waiblinger Apothekergartens, wie aus einem sogenannten Kaufbuch der Stadt Waiblingen hervorgeht.

Die Pflanzen wurden zur Herstellung von Tees und Salben verwendet

Angelegt wurde er einst von Apotheker Abraham Steeb. In den Annalen ist vermerkt, dass er 1650 die „Obere Apotheke“, später Rathaus Apotheke, gegründet hat und von der Stadt den „Wurtz- und Krauthgardt hinter der Cappelkirch“ – die heutige Nikolauskirche – gekauft hat. Über 300 Jahre blieb die Fläche im Besitz des jeweiligen Eigentümers der Rathaus-Apotheke als Nutzgarten. Sie verwendeten die Pflanzen zur Herstellung von Tees und Salben. Die geometrische Einteilung in Felder erfolgte im 19. Jahrhundert.

Vor 24 Jahren, 1999, wurde der Garten von der Stadt Waiblingen (zurück-)gekauft, der damalige Inhaber der Rathaus-Apotheke, Rolf Hengstberger, hat die Apotheke und damit verbunden auch den Garten aufgegeben. In die Räume der Apotheke, im Eckgebäude zum Rathausplatz an der Langen Straße, ist eine Bankfiliale eingezogen. Den Apothekergarten gibt es im Gegensatz zur Apotheke immer noch, glücklicherweise. Er ist das geblieben, was er war, ein romantischer, ruhiger Platz, eine Oase für Heil- und Kräuterpflanzen. Auf einer Tafel wird erklärt, was in den zwölf Beeten wächst. Sie wurden angelegt, als die Stadt den Garten übernahm.

Den Schließdienst für den Garten hat der Mesner übernommen

Das Grünflächenamt, sein damaliger Leiter Werner Bossler, der vor Kurzem in Ruhestand ging, und Bauleiter Peter Knerr, haben die geometrische Anordnung umgesetzt, legten Kieswege und einen Brunnen an. Thorge Semder von der Abteilung Grünflächen und Friedhöfe bei der Stadt zeigt auf die einzelnen Beete und erklärt, dass jetzt Mitarbeiter aus seiner Abteilung den Garten pflegen, gießen, Pflanzen austauschen oder neu pflanzen. Sie binden Triebe hoch, sammeln die Samen der Blüten und jäten Unkraut. Im Frühjahr mussten eine Rosskastanie und eine Linde gefällt werden, „sie sind zu groß geworden“, sagt Thorge Semder und kündigt baldigen Ersatz an. Außerdem hatte der Buchsbaumzünsler die Einfriedungen der Beete befallen, jetzt wachsen dort kleine Eiben, die durch regelmäßigen Schnitt klein gehalten werden. Susanne Koepler und Meike Schmitt von der Stadt Waiblingen ergänzen sich bei der Pflege, im Winter bleibt der Garten geschlossen. Den Schließdienst, bei Einbruch der Dunkelheit wird der Garten im Sommer geschlossen und morgens wieder aufgesperrt, hat der Mesner der Nikolauskirche übernommen.

Eine Anwohnerin beklagt, dass Jugendliche sich abends hier versammeln, Fast Food und Getränke mitbringen und regelmäßig den Müll hinterlassen. „Das ist sehr ärgerlich und zuweilen auch mit einem hohen Geräuschpegel verbunden“, beklagt sie sich bei Thorge Semder. Jetzt, an den ersten warmen Tagen, kommen Berufstätige in ihrer Mittagspause in die kleine Anlage, setzen sich auf die Holzbänke oder auf die Holzterrasse über dem Wehrgang und genießen den Ausblick auf die Erleninsel und die Rems.

Auch viele Großeltern mit ihren Enkeln sind hier anzutreffen

Auch Großeltern mit ihren Enkeln sieht man regelmäßig im Apothekergarten, der Eintritt ist frei. Sie erzählen aus ihrer Jugend, als es noch stärker als heute verbreitet war, aus Kamille Tee zu machen, „Fliedertee“ aus Holunderblüten zur Behandlung von fieberhaften Infekten aufzugießen, Johanniskraut zu sammeln, weil es bekanntermaßen bei Schlafstörungen hilft. Sie wissen, dass sich mit Fenchel und Anis Blähungen von Kleinkindern natürlich behandeln lassen.

Sie warnen ihre Enkel, dass Maiglöckchen „giftig sind“. Die Wirkung der Ringelblume, um aus ihr eine Salbe für die Wundheilung herzustellen, wird mittlerweile weidlich von der Industrie mit teuren Produkten genutzt. Die Enkel staunen, wenn sie sehen, wie Hopfen aussieht und wie kräftig Lavendel und Salbei duften. An diesen Pflanzen, aber nicht nur, tummeln sich regelmäßig viele Insekten. Auch sie lieben den Apothekergarten.

Gärten im Rems-Murr-Kreis

Schaugarten
 Der Apothekergarten ist heute ein Schaugarten, eine Augenweide und eine wichtige Fläche für Insekten. Wie vielfältig die Natur ausgestattet ist, um heilend und pflegend zu wirken, erkennt man spätestens dann, wenn man die Zuordnung der einzelnen Beete liest, die hauptsächlich auf den Apotheker Hans-Jörg Bieg zurückgeht. Jedes Beet hat ein Thema: Gewürze, Erkältung und Fieber, Abführmittel, Nerven und Beruhigung, Niere, Blase und Hormone, Leber und Galle, Magen und Darm, Herz und Kreislauf, Rheuma und Gelenke, Hautleiden, Husten und Halsbeschwerden sowie Getreide und Stärke. Führungen durch den Apothekergarten werden nicht angeboten. Selbstbedienung bei den Kräutern und Pflanzen ist nicht erwünscht. Aber – ausgestattet mit einem einschlägigen Pflanzenbuch – ist ein Besuch äußerst aufschlussreich. Und tut der Seele gut.

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