Der Korntaler Entertainer Roland Baisch erhält in dieser Woche den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg. Der Comedian, Musiker und Schauspieler will sich aber weiterhin nicht zu wichtig nehmen.

Stuttgart - Die Uhr von Roland Baisch zeigt um elf Uhr vormittags fünfe am Nachmittag an, aber das macht nichts, sagt er: „Ich kann das Zifferblatt ohne Brille ohnehin nicht erkennen.“ Darauf kommt es ihm auch gar nicht an. Er findet eher, dass eine ordentliche Uhr das einzig zulässige Schmuckstück eines Mannes sei.

Roland Baisch tickt ein bisschen anders als andere, immer schon. Mitte der neunziger Jahre bewohnte er mit acht anderen Darstellern der „Comedy Factory“ auf Pro Sieben ein Haus zum Lustigsein, und eine Menge BMW-Mietwagen standen bereit.

„Damals waren Sie ja ein richtiger Star.“

„Ja.“

„Jetzt nicht mehr so sehr.“

„Nee.“

Nach dem Ende der „Comedy Factory“, die damals sehr gefeiert wurde aber trotzdem nur eine vorübergehende Erscheinung der deutschen Fernsehlandschaft blieb, hatte Roland Baisch „keine Lust mehr, mich mit dummen Redakteuren rumzuschlagen und denen zu erzählen, was lustig ist.“ Er sagt: „Das sind meistens zwanzigjährige Mädchen, die gerade ein Praktikum machen, und die meistens noch einen reichen und bekannten Vater haben.“ Er gründete bald darauf ein Jazzorchester, das sich nie rechnen konnte.

Der Korntaler posiert vor einem Bodybuilder-Poster

Derzeit macht er alles Mögliche. Er spielt zum Beispiel gemeinsam mit Martin Luding das Zweipersonen-Comedystück „Männerabend“, hunderte Male, landauf, landab. Oder er tritt mit seiner Band auf und spielt als „Countryboy“ ernste, traurige Lieder, die ihm wichtig sind, beispielsweise vor vier Zuschauern im Stuttgarter Theater Rampe. „Das war eines unserer schönsten Konzerte“, sagt er. Und dass er den Cowboy im „Männerabend“ nicht so souverän spielen könnte, wenn er nicht gelegentlich als „Countryboy“ unterwegs wäre. Er ist jetzt 59. Sein Comedyprogramm heißt seit vier Jahren „Der graue Star“. Darin posiert der dünnhaarige Korntaler vor einem Bodybuilder-Poster und sagt, dass er eine „Einzelhaarentnahme“ durchführen habe lassen: „Das tut unglaublich weh – sieht aber arschgut aus.“

Jetzt bekommt er den Baden-Württembergischen Kleinkunstpreis: Den goldenen Lorbeer hat er auf seine Website hieven lassen. Und weil dieser Kleinkunstpreis gerne mal an aufstrebende Nachwuchskräfte verliehen wird, trat er neulich auch mal beim „Comedy-King“-Wettbewerb im Stuttgarter Cue Club auf. „Nur Zwanzigjährige, viele mit Migrationshintergrund“ waren da, erzählt er, und dass ihm das gefallen habe: „Ich hänge lieber mit Jungen rum, als mit so frustrierten Kabarettisten, die von ihrem Häusle erzählen.“

Die Leute brauchten einen Moment, bis sie lachten

Jedenfalls begrüßte er dann die jungen Spaßsucher folgendermaßen: „Ich freue mich, dass ich hier sein darf, bei so vielen jungen Menschen und Türken.“ Die Leute brauchten einen Moment, bis sie lachten, aber dann lachten sie sehr, und Roland Baisch, der den Wettbewerb am Schluss gewonnen hat, feixte: „Die 500 Mark kann ich gut gebrauchen – meine Kinder wollen studieren.“ Dann machte er sich über Eckart von Hirschhausen lustig, den promovierten Medizinkabarettisten.

Wenn man sich mit Roland Baisch unterhält, plaudert er ganz ungeniert aus, dass er sich nicht zu schade ist, auch mal für 150 Euro bei einer Geburtstagsfeier aufzutreten. Und Eckart von Hirschhausen findet er einfach „unglaublich langweilig“, was auf eine Art belegt, dass Roland Baisch seinen Job oder seine Jobs schon sehr ernst nimmt: „Wir sind Kasperle“, sagt er, „und wenn die Kasperle plötzlich anfangen, zu erklären, wie die Welt funktioniert, dann ist die Welt verloren!“

Einem Mann widerfahren Tragödien

Wobei – und das ist der Trick – Roland Baischs preiswürdigste Eigenschaft vielleicht gerade darin besteht, eben nicht bloß Kasperle zu sein: Er hat beispielsweise vor ein paar Jahren ein Lied namens „Luxusfrau“ geschrieben, das lustig ist, okay, aber daneben ist es umwerfend klug, und es beschreibt beiläufig tiefgründig ein paar der entscheidenden Tragödien, die einem Mann so widerfahren können: „Du bist eine Luxusfrau / und ich bin eine arme Sau.“ Oder er hat, anderes Beispiel, vor ein paar Jahren mal „Wichita Lineman“ aufgenommen, einen anrührenden Countrysong, den Jimmy Webb Ende der Sechziger geschrieben hat, und an dessen stimmiger Interpretation sich diverse Granden des Pop und des Country gleichermaßen versucht haben. Eine der besten Versionen stammt von Roland Baisch, obwohl er nie als Telefonelektriker gearbeitet hat, sondern bloß mal in einer Sitcom einen Vater spielte, während seine Schauspielerkollegen dauernd mit ihren Managern telefonierten.

Auch Roland Baischs Melancholie kommt immer höchst unterhaltsam daher: „Ich würde mir manchmal wünschen, ich wäre ein Spezialist und könnte Eines, und das richtig, bekennt der Mann, der die Baden-Württembergische Kleinkunstpreis-Jury gerade mit seiner „künstlerischen Bandbreite“ überzeugt hat. Von all seinen Instrumenten, erzählt er, spiele er das Saxofon am Besten. Aber das kommt in seinen Programmen praktisch nie vor. Dafür umso mehr Gitarre: „Da übe ich viel. Da bin ich nicht so genial.“

Die erste eigene Gruppe war das Scherbentheater

Roland Baisch, der auch mal Gagschreiber bei Harald Schmidt war, als der noch als Ikone der ironischen Abendunterhaltung galt, der aber diesen Job nicht lange behielt, ist gut darin, den Showbusiness-Traum von der richtigen Zeit am richtigen Ort für sich selbst zu interpretieren: „Ich war dabei, als die Dinge passiert sind, aber ich hab mich immer davon ferngehalten, weil ich dachte, da gehöre ich nicht hin.“

Als Baisch jung war, trampte er zum Extremclown Jango Edwards nach Amsterdam und gründete bald darauf seine erste eigene Gruppe, das Scherbentheater. Dann machte er dies und das. „Ehrgeizige Menschen sind mir zuwider“, sagt er auch Jahrzehnte später. Trotzdem will er jetzt noch mal durchstarten, mit Haltung, aber ohne sich zu wichtig zu nehmen. Die Alternative: „Ich war schon kurz davor, alles hinzuschmeißen. Dann hätt ich mich wahrscheinlich in ein Häusle in der Bretagne zurückgezogen. Aber dort wäre ich nicht glücklich. Dann ich merke immer mehr, dass ich glücklich auf der Bühne bin.“

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