Kleinod: 20 Wohnungen renoviert Außergewöhnliche Architektur: Fellbacher Wohnkomplex „aus dem Schlaf geküsst“

Ein echter Hingucker in Fellbach, 1929 wie heute: Der Seitenflügel mit den korbbogigen Arkaden Foto: Dirk Herrmann

Der ursprüngliche Zweck war „Siedlungsbau für das Existenzminimum“ in Fellbach. Jetzt wurde ein denkmalgeschützter Wohnkomplex von 1929 auf gelungene Weise modernisiert.

Welch stadthistorische Besonderheit und welch attraktives architektonisches Kleinod sich nahe des Kleinfeldfriedhofs befindet, dürften wohl nur wenige Menschen in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) wissen. Schließlich handelt es sich bei der Endersbacher Straße um keine Durchgangsverbindung – nur wer hier wohnt, ist in der Regel auch hier unterwegs.

 

Und an dieser Stelle, unweit der Kreuzung zur Kleinfeldstraße, befindet sich das Areal, das 1929 in der Zeit der Weimarer Republik erstmals bezogen wurde. Knapp 100 Jahre später stellt sich der Komplex wunderbar saniert und modernisiert dar – zu einem ähnlichen Zweck wie einst, nämlich um die Wohnungsnot speziell für Menschen mit kleinem Geldbeutel zu lindern.

1929 finanziert durch den Verkauf des Armenhauses

Zur Beurteilung des historischen Kontextes lohnt ein Blick in die Liste der Kulturdenkmale in Baden-Württemberg. Demnach wurde das Laubenganghaus, gelegen in einem Erweiterungsgebiet östlich des historischen Stadtkerns, 1929 von der Stadt Fellbach errichtet – „finanziert teilweise durch den Verkauf des ehemaligen Armenhauses“.

Der Anblick von vor fast 100 Jahren: So sah der Seitenflügel mit seinen wunderbaren Arkaden auch in der Weimarer Republik schon aus. Foto: Stadt Fellbach

Es war ein anschauliches Beispiel für den von der öffentlichen Hand oder sozial engagierten gemeinnützigen Baugesellschaften in den 1920er Jahren errichteten „Siedlungsbau für das Existenzminimum“. Die den neuen hygienischen Anforderungen der Zeit entsprechenden Kleinwohnungen hatten das Ziel, die Wohnungsnot vor allem der Arbeiterschaft in den Großstädten und, wie im Fall Fellbachs, in den sich bildenden Ballungsgebieten, zu lindern.

Das Gebäude im L-Grundriss mit einem langgestreckten Seitenflügel war „formal ein Bau der Stuttgarter Schule“, heißt es in den Ausführungen des Landesamts für Denkmalpflege, ausgestattet mit Satteldächern oder Klappläden. Allerdings gab es auch expressionistische Details, so etwa das turmartig in den Dachbereich verlängerte Treppenhaus oder zum Hof hin „die korbbogigen Arkaden am Seitenflügel“.

Mit der Endersbacher Straße hat die Wohnungs- und Dienstleistungsgesellschaft Fellbach (WDF), begleitet von der Denkmalpflege, in eineinhalb Jahren Bauzeit ihr erstes großes, vier Millionen Euro umfassendes Sanierungsprojekt abgeschlossen. Demnächst können die Mieter die insgesamt 20 frisch sanierten und energetisch optimierten Zwei- beziehungsweise Drei-Zimmer-Wohnungen (Größe 37 bis 60 Quadratmeter) beziehen. Die Warmmieten liegen nach Angaben von WDF-Geschäftsführer Daniel Plaz zwischen 769 und 1105 Euro.

Die Sanierung war dringend erforderlich, denn der einprägsame dreigeschossige Bau mit Arkaden war durch eindringende Feuchtigkeit, behelfsmäßige Bäder und Einzelöfen deutlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Die WDF bot jedem der verbliebenen Mieter eine bessere Ersatzwohnung an und begann im Jahr 2024 mit der Kernsanierung.

„Wohnraum in der Region Stuttgart ist knapp, bezahlbarer Wohnraum noch knapper und Bauen teuer“, stellte Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull jetzt bei der Besichtigung fest. Für die anspruchsvolle Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, habe die Stadt die Wohnungs- und Dienstleistungsgesellschaft Fellbach gegründet.

Bis 2032 werden 14 Gebäude durch die WDF kernsaniert

Allerdings ist jedes fünfte der 2018 an die WDF übergebenen Gebäude sanierungsbedürftig. In der Zehnjahresplanung der Gesellschaft wurde daher ein umfangreiches Sanierungsprogramm beschlossen. Allein bis 2032 sollen 14 Gebäude mit insgesamt 114 Wohnungen im unbewohnten Zustand kernsaniert werden.

Das Gebäude in der Endersbacher Straße wurde jetzt „aus dem Schlaf geküsst“, wie es bei der Besichtigung hieß. Die Vermietung erfolgt über die WDF. „Den Bestand zu erhalten und trotzdem eine hohe Wohnqualität anbieten zu können, war uns wichtig“, erklärte Plaz und ergänzte: „Hier ist alles Handwerkskunst. Das bekommen sie nur hin, wenn Hand in Hand gearbeitet wird.“

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