Klett-Passage in Stuttgart Unterirdische Hinterhof-Atmosphäre

Von Marina Juchheim und  

Wie sicher ist die Klett-Passage unter dem Stuttgarter Hauptbahnhofs, nachdem dort am Wochenende eine 23-Jährige von vier Männern überfallen wurde? Eindrücke aus dem Bauch des Bahnhofs.

Der Ruf der Klett-Passage unter dem Hauptbahnhof hat gelitten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Der Ruf der Klett-Passage unter dem Hauptbahnhof hat gelitten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Seit der Silvesternacht von Köln ist die Stimmung in Deutschland eine andere. In Stuttgart ist kürzlich eine verhinderte Bürgerwehr durch die Stadt patrouilliert, um Stuttgart „wieder sicher für unsere Frauen zu machen“. Die Klett-Passage unter dem Bahnhof gilt als Brennpunkt. Am vergangenen Wochenende wurde dort eine 23-Jährige von vier Männern ausgeraubt. Eine Mutter hat der StZ erzählt, dass sich ihre Teenager-Tochter und deren Freundinnen auch tagsüber in der Passage nicht mehr sicher fühlten und sich alternative Routen erarbeitet hätten, um die Passage zu meiden. Was läuft schief im Bauch des Bahnhofs?

Es ist Samstagabend, kurz vor Mitternacht. Langsam gleitet die Rolltreppe von der Königstraße hinab in den Unterbau des Hauptbahnhofs. Vier Polizisten mustern die Passanten, die ihnen entgegenkommen, und biegen dann in Richtung Schlossgarten ab. Die Hintertür zur Filiale der Kette Yorma’s ist halb geöffnet, eine Küchenhilfe spült ab und motiviert sich selbst mit überlautem Türkpop. Kleinere und größere Gruppen Nachtschwärmer kommen aus den U-Bahnen oder strömen in Richtung Bahnsteig, von der Bar in den Club oder doch schon nach Hause. Vor der Bank-Filiale wirbt ein Hostel für seine weichen Betten. Im Vorraum der Bank hat es sich ein Clochard bequem gemacht.

Die nächsten vier Polizisten laufen herbei, drei wollen sich um den unerwünschten Übernachtungsgast kümmern, „lasst den doch“, wendet der vierte ein, doch seine Kollegen haben sich die Einweghandschuhe aus Gummi schon übergezogen. Während der Obdachlose von drei Beamten unsanft geweckt wird, spricht der vierte ein Mädchen an, das allein vor dem um diese Uhrzeit geschlossenen Floristen wartet. Ob sie oft hier unterwegs sei und falls ja, ob sie hier unten schon belästig worden sei. Die junge Blonde verneint, sie ist zum ersten Mal in der Klett-Passage.

Bis zu 300 000 Passanten täglich in der Klett-Passage

Damit dürfte sie zu einer seltenen Spezies in Stuttgart gehören. Neben der Schalterhalle, die im Vergleich zur Passage wie eine Kathedrale im Vergleich zu einem Hinterhof wirkt, und dem Flughafen ist die Klett-Passage einer der zentralen Orte des Ankommens und des sich wieder Verabschiedens in Stuttgart. Von der Schalterhalle und vom Flughafen schafft man es bis nach Paris, von der Klett-Passage aus geht die Reise nach Plochingen.

Bis zu 300 000 Passanten strömen laut Website täglich durch die Passage. Nach ihrer Eröffnung im April 1976 galt die „Klett“ mit ihren Einkaufsmöglichkeiten als das modernste unterirdische Fußgängergeschoss der Bundesrepublik. Die Geschäftsleute in der Passage leisteten damals Pionierarbeit bei der Durchsetzung von längeren Ladenöffnungszeiten von 6 bis 22 Uhr. Heute wirkt die Passage wie ein Anti-Milaneo, wie ein aus der Zeit gefallener Ort.

In den goldenen Jahren, als manche Läden hier unten einen Drittel ihres Umsatzes nach 18 Uhr machten, dominierten inhabergeführte Fachhändler den Standort. Die Flächen waren belegt, es gab kaum Leerstand. „In der Anfangszeit wollten viele Händler ein Geschäft in der Klett-Passage aufmachen“, berichtet Brigitte Betz, Mitarbeiterin eines Modegeschäfts. „Heute stehen immer wieder Läden leer. Es wird immer schwieriger, sich zu halten. Das Konsumverhalten der Kunden hat sich stark verändert“, erklärt Betz weiter.

Passanten fragen nach dem Weg zu Primark

Einkaufen will hier unten tatsächlich kaum noch einer, stattdessen fragt eine Besucher-Gruppe an einem Mittwochvormittag nach dem schnellsten Weg zum Primark. Der Sound der Klett-Passage: das Rattern der Rollkoffer. Seit die Bauarbeiten zu Stuttgart 21 begonnen haben, wirkt die Passage wie ein Labyrinth, das viele Reisende auf die Probe stellt. Eine Besucherin aus Südafrika ist nach mehr als 20-stündiger Reise in der Klett-Passage gestrandet und sucht die Gleise des Fernbahnhofs. Angesichts der Mischung aus Tagedieben und Pendlern entfährt ihr ein „God bless you“, als sie sicher zu den Gleisen geleitet ist.

Auf dem Weg zum Ausgang der Klett-Passage in Richtung Kriegsbergstraße kommt man an den Vitrinen vorbei, in denen das kulturelle Angebot der Landeshauptstadt beworben wird. In diese Ecke der Passage verirrt sich kaum mehr ein Passant. Ein paar Schritte weiter befindet sich der derzeitige Lieblingsschlafplatz der Stadtstreicher. Hier geht es multikulturell zu, neben polnisch hört man deutsch und spanisch, ehe die Besucher der Passage in den Genuss von Fahrstuhl-Klassik kommen, der konstant neben dem Aufzug in diesem letzten Winkel der Klett-Passage abgespielt wird – vermutlich, um die Obdachlosen zu zermürben.

Die Polizei hat ihre Präsenz in der Passage erhöht

Zurück ins Zentrum der Passage. Vom Fensterplatz eines Donut-Händlers hat man die wilde Mischung aus Passanten und „Bewohnern“ des Mikrokosmos’ im Blick. Ein Tippelbruder schnäuzt mit aller Kraft gegen das Geländer. Vor einem Geschäft steht ein Mann mit einem Tuch auf seinem Kopf, aus seinem Handy scheppert Hiphop. Er sieht aus, als hätte er sich für einen Doppelgänger-Wettbewerb als Tupac Shakur verkleidet, als jener Gangster-Rapper, der 1996 in Las Vegas erschossen wurde. Seine glasigen Augen erzählen die Geschichte eines bewegten Gras-Konsums. Der Bio-Supermarkt wirbt mit einem „Wir lieben Veggies“-Aufkleber, auf der anderen Seite der Passage kostet das Fleischkäsebrötchen nur etwas mehr als zwei Euro.

Die Polizei hat ihre Präsenz in der Passage jetzt erhöht: Bundes- und Landespolizei sind mit gemeinsamen Streifen unterwegs. Von der Bundespolizei ist täglich eine zusätzliche Gruppe von zehn Beamten und am Wochenende ein Zug mit 30 Polizisten rund um den Bahnhof unterwegs.

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