Klett, Rommel, Schuster, Kuhn Stuttgart, deine Schultes

Der Rechtsanwalt Arnulf Klett in jungen Jahren Foto: privat

Die Stadt hat hohe Ansprüche an ihr Oberhaupt. Zu erfüllen sind sie nur, wenn dessen Macht auf Bürgernähe und Überzeugungskraft fußt. Ein Vergleich.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Stuttgart - Schwer ist sie und manchmal wohl mehr Bürde als Würde. Aber immerhin: Heutzutage wird einem neuen Stadtoberhaupt die Stuttgarter Amtskette gleich zum Einstand umgelegt. Das war nicht immer so: Arnulf Klett musste sich erst 20 Jahre im Dienst bewähren und seinen Sechzigsten erreichen, bevor er sie tragen durfte. Im Jahr 1949 hatte ihm der Gemeinderat noch untersagt, das vom Gmünder Goldschmied Fritz Möhler neu angefertigte Machtsymbol anzunehmen. Zu unbescheiden sei das Schmuckstück, meinte der Rat, und obwohl anonym bleibende Bürger die Kosten von rund 25 000 Mark übernommen hatten, passe es nicht in die wirtschaftlich schwierige Zeit.

 

Paul Sauer, der frühere Leiter des Stadtarchivs, hat in seiner Klett-Biografie „Ein Leben für Stuttgart“ die Geschichte der zunächst vorenthaltenen Amtskette geschildert. Und auch wenn es nur ein Randaspekt ist, zeigt sie doch, dass es Stuttgart seinen Repräsentanten nicht immer leicht macht. Die stolze Stadt weiß, was sie will und hat: auf jeden Fall hohe Erwartungen.

Es kommt auf Bürgernähe und Überzeugungskraft an

Von ungefähr kommt das nicht, denn die Gemeindeordnung gibt dem OB viel Macht. Von den Bürgern auf acht Jahre gewählt, also für drei Jahre länger als die Stadträte und im Gegensatz zu diesen hauptamtlich entlohnt, bestimmt er die Tagesordnung der Sitzungen, die Vorbereitung und Umsetzung der Ratsbeschlüsse, ist selbst stimmberechtigt und vertritt die Stadt nach außen. Wer dies klug nutzt, erhält enormen Einfluss. Die Ansprüche der Bürger sind entsprechend hoch, zumal bei OB-Wahlen Persönlichkeit vor Programmatik kommt. „Wer kandidiert, braucht Bürgernähe und Überzeugungskraft“, sagt der Tübinger Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling. „Er oder sie muss dafür brennen, die Probleme der Stadt anzugehen.“

Die vier Amtsträger seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich den Ansprüchen höchst unterschiedlich gestellt. Bürgernähe und Überzeugungskraft, die wichtigste Währung des OB, wird im Rückblick als stark persönlich geprägt erkennbar – und wie beim richtigen Geld braucht es wohl von Zeit zu Zeit eine Reform.

„Es gibt Leut’, die schütteln über einem Suppenteller so lange den Kopf, bis sie ein Haar darin finden.“ Arnulf Klett, OB von 1945 bis 1974

So unerschrocken sich Klett als junger Anwalt den Nazis entgegenstellt, gegängelte Verleger und widerständige Soldaten vertritt (schon 1933 bringt ihm das einen Monat Haft im KZ auf dem Heuberg ein), so gradlinig geht er als OB zu Werk. Der Spross eines Pfarrerhaushalts wird von der französischen Militärregierung eingesetzt und später von den Amerikanern bestätigt. Die Art, wie er ihnen höflich, aber hartnäckig Zugeständnisse abringt, lässt einen Mitstreiter sagen, Klett verstehe es, „ein Nein zu lächeln“.

Er ist parteilos aus Überzeugung, unabhängig kraft Elternhaus und Veranlagung und eigenwillig aus Prinzip. Die mit einer Perle verzierte Fliege, die er zum Anzug trägt, wird dafür zum äußeren Zeichen. Das Magazin „Spiegel“ schreibt 1949, für Klett sei der „geradezu zum Körperteil gewordene Schleifenbinder zum Symbol ungebrochener Unternehmungslust im administrativen Amt“ geworden. Als in der Stunde null „alle Präzedenzfälle vollkommen versagten“, wie Klett später sagt, „blieb mir und meinen Mitarbeitern nichts anderes übrig, als aufgeschlossenen Herzens mutig den Problemen entgegenzugehen und einfach aus der Not heraus irgendeine Lösung zu finden“.

Die Bürger honorieren seine Improvisationskunst später dreimal mit klarer Mehrheit. Früher als andere Großstädte ist Stuttgart trümmerfrei, Klett ordnet die Verwaltung neu, baut die Stadtbahn aus, begründet die Partnerschaft mit Straßburg. Liederhalle, Bodensee-Wasserversorgung, Kleines Haus – die Aufbauleistung in fast 30 Dienstjahren füllt Bücher.

Die Volksfestrede als rhetorische Herausforderung

Zur Tatkraft gesellt sich der Drang, die Bürger anzuspornen und mit geschliffenen Reden „mitzunehmen“, wie man heute sagen würde. Klett sucht bei vielen Gelegenheiten das Gespräch – sei es mit Stadtangestellten, Honoratioren, internationalen Gästen oder Waldheimkindern. Der rastlose Optimismus seiner Ansprachen aber, urschwäbisch, zitatreich und gerne in Versen vorgetragen, ist das Ergebnis harter Formulierungsarbeit. Zu den wichtigsten und schwierigsten zählt er die Eröffnungsreden beim Volksfest, wie sein Referent Rolf Thieringer berichtet.

Im Vorwärtsgang ist Klett schwer zu bremsen – zumal der Porsche-Fahrer auch vor historischer Bausubstanz nicht haltmacht, wenn es darum geht, die Stadt „autogerecht“ neu zu bauen. So opfert er zum Beispiel das Kronprinzenpalais dem Planie-Durchbruch, und erst der Bürgerprotest überzeugt ihn vom Wiederaufbau des Neuen Schlosses, dessen Ruine er lieber geschleift hätte. Im Jahr 1974 hält die Gesundheit dem Arbeitstempo des Multifunktionärs, der viele Jahre dem Städtebund vorsteht und für die kommunalen Arbeitgeber intensive Tarifkämpfe mit dem Stuttgarter ÖTV-Chef Heinz Kluncker führt, nicht mehr stand. Klett stirbt an Herzversagen und einer Lungenembolie während eines Kuraufenthalts.

„Zur Demokratie gehört, dass man nicht jeden Interessenhaufen zum Volk erklärt.“ Manfred Rommel, OB von 1974 bis 1996

Das Erbe der launigen Volksfestrede nimmt Manfred Rommel dankend an, die Lust am Bonmot trägt ihn aber auch den Rest des Jahres. Der unbedingte Vorsatz, den Dingen des Lebens eine komische Seite abzuringen, entspringt großer Ernsthaftigkeit, wie Stuttgart allmählich lernen sollte. Die lebenslange Beschäftigung mit der Rolle seines Vaters Erwin Rommel, der Hitler als Generalfeldmarschall gedient hatte und von ihm zur Selbsttötung gezwungen wurde, prägt ihn. Auch die Erfahrung der eigenen Verführbarkeit im Hitlerjungen-Alter führt zur grundlegenden Skepsis gegenüber Heilsversprechen, Ideologien und Pathos fast jeglicher Art.

Den Werbewert seines Namens nimmt der Ministerialbeamte im ersten OB-Wahlkampf zwar mit („Schultes wird bloß einer: dem Wüstenfuchs sein Kleiner“), im Lauf der Bewerbungstour aber findet der anfangs gehemmt wirkende, leicht lispelnde Redner den eigenen Ton. Er spürt, dass sein Humor ankommt, und gibt Detailfragen gern an den SPD-Kontrahenten Peter Conradi weiter: „Der weiß zu allem eine Antwort.“

Sätze, die der Gesellschaft Halt geben

Die Bürger nehmen ihm auch später – bei allen Differenzen etwa in Sachen Flughafenausbau, Hausbesetzungen, Umwelt- und Denkmalschutz – den guten Willen ab. Aus der Erfahrung der Diktatur leitet Rommel eine weitreichende Vorstellung davon ab, wie viel Streit und Meinungsvielfalt die Stadt aushalten kann und muss. Seine Aphorismen und unzähligen Sparappelle sind in vielen Büchern gesammelt. Seinen Ruf als großer Liberaler aber begründen einige wenige Sätze, mit denen er große Aufregungen zu beruhigen weiß. „Im Tod endet jede Feindschaft“, lautet einer davon. Er begründet damit seine Zustimmung, dass die RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof begraben werden dürfen. Nach der Bluttat eines dunkelhäutigen Asylbewerbers, der zwei Polizisten getötet hat, sagt Rommel: „Es hätte auch ein Schwabe sein können. Wir sollten unserer Trauer dadurch Würde geben, dass wir nicht generalisieren.“

Manfred Rommel ist am 7. November 2013 gestorben. Man kann nur ahnen, wie er heute mit der Empörungskultur der sozialen Medien zurechtkäme. Ihre wellenartige Aufgeregtheit dürfte ihm zuwider sein. Sein gelegentlich geringer Abstand zum politischen Kalauer hätte ihm wohl manchen Shitstorm gebracht.

„Der Bürgermeister zum Anfassen ist sehr häufig auch der Bürgermeister zum Angreifen, der als Blitzableiter für persönliche Frustrationen und Ängste herhalten muss.“ Wolfgang Schuster, OB von 1997 bis 2013

Das Wort vom „Bücherknast“ ist wohl eins der unfairsten, das Wolfgang Schuster sich anhören muss, und das nicht nur im Umfeld der Stuttgart-21-Proteste. Erst später gilt vielen die in seiner Amtszeit verwirklichte neue Stadtbibliothek als architektonisches Juwel, bei der man nicht versteht, dass der Blick darauf mehr und mehr zugebaut wird. Auch das Kunstmuseum am Schlossplatz wird vielfach als ideenloser Würfel verspottet, ehe die Besucher selbst die Tiefe des Raumes entdecken.

Das ist die eine Seite: Manche seiner Leistungen wird übersehen. Als politischer Ziehsohn Rommels ins Amt gewählt, ist dem Juristen Schuster dessen knitze Volkstümlichkeit fremd. Er ist eher nüchterner Stratege, ein Mann der Zehn-Punkte-Pläne mit Powerpoint als liebstem Handwerkszeug. Seiner Weitsicht, die der vorherige OB von Schwäbisch Gmünd und Stuttgarter Kulturbürgermeister in Sachen Integration, Globalisierung und Stadtentwicklung an den Tag legt, fehlt der mitreißende Duktus.

Die andere Seite: Er vermag die sich aufheizende Debatte über den noch unter Rommel konzipierten Neubau des Hauptbahnhofs nicht zu beruhigen. Sein Satz „Wir lassen uns das Weindorf nicht vermiesen“ vom Abend, als der Abriss des Nordflügels beginnt, wird ihm nachgetragen. Dass er 2007 die 67 000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen Stuttgart 21 nicht persönlich annimmt, bezeichnet er später selbst als Fehler.

„Ich springe eben nicht von einem Leuchttürmle zum anderen.“ Fritz Kuhn, OB von 2013 bis 2020

Als Fritz Kuhn 2013 die Amtskette umgelegt bekommt, ist sein grüner Parteifreund Boris Palmer in Tübingen schon sechs Jahre im Amt. Der Jüngere nutzt offensiv die Möglichkeit, sich via Facebook ins Gespräch zu bringen. Ungeachtet des Vorwurfs, bisweilen unüberlegte und rechthaberische Dinge zu posten, eröffnet er damit dem Publikum auch Einsichten in die Möglichkeiten und Grenzen der Kommunalpolitik. Fritz Kuhn bleibt diese Art der Selbstdarstellung, aber auch der Themenvermittlung in den sozialen Medien fremd. Der langjährige Landes- und Bundespolitiker befindet sich aber auch in einer anderen Lage. Die Wunden vom Bahnhofsstreit sind noch offen. Kuhn sieht sich in der Pflicht, die Stadt zu beruhigen, ihr weitere Leuchtturmprojekte und Grundsatzdebatten zu ersparen.

Fritz Kuhn wird der Oberbürgermeister der hartnäckigen Alltagsarbeit und bohrt dicke politische Bretter. Er führt einen erfolgreichen Kampf gegen den Feinstaub, doch Herzen gewinnt man damit nicht. Auch die Reform des VVS-Tarifsystems ist eine gewaltige Leistung, aber eben eher in den Amtsstuben als auf den Marktplätzen erkämpft. Aus persönlichen Gründen tritt Kuhn für keine zweite Amtszeit an.

29 Jahre, 23 Jahre, 16, acht – die Amtszeiten sind immer kürzer geworden. Wer immer Fritz Kuhn nachfolgen wird – sie oder er wird einen eigenen Weg zu Bürgernähe und Überzeugungskraft finden müssen. Die vielfach auseinanderdriftenden Interessen der Großstadtgesellschaft machen die Aufgabe nicht leichter.

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