Kletterer Moritz Hans aus Stuttgart Kraftakt zwischen Sport und Show

Von Jochen Klingovsky 

Eigentlich wollte der Stuttgarter Sportkletterer Moritz Hans zu den Olympischen Spielen nach Tokio – doch dann hat er seine Route geändert.

Klettern in der Halle statt am Fels: Moritz Hans ist einer der Stars bei „Ninja Warrior Germany“. Foto: TV NOW/ Markus Hertrich
Klettern in der Halle statt am Fels: Moritz Hans ist einer der Stars bei „Ninja Warrior Germany“. Foto: TV NOW/ Markus Hertrich

Stuttgart - Unter den Kletterern gibt es viele Freigeister. Es sind Athleten, die zwar stets alles im Griff haben müssen, dabei jedoch am liebsten ihren eigenen Weg gehen. In der Wand, aber auch im Leben. Wichtig ist nur, dass die Richtung stimmt. Und dass man die Fähigkeit hat, die Route zu verändern, wenn sich neue Perspektiven auftun. Wie bei Moritz Hans.

Es ist noch nicht lange her, da gehörte der Stuttgarter zu den besten Sportkletterern in Deutschland, war Mitglied des Nationalteams. Und hatte ein klares Ziel: die Sommerspiele in Tokio. Dort zählt Klettern erstmals zur olympischen Bewegung, der Wettkampf besteht aus drei Disziplinen – Lead (Klettern mit hoher Schwierigkeit am Seil), Bouldern (kurze, anspruchsvolle Routen ohne Sicherung) und Speed (normierte Route, 15 Meter hoch). In dem Format mit dem Titel „Olympic Combined“, das Vielseitigkeit erfordert, war Moritz Hans 2015 Vizeweltmeister bei den Junioren, die Aussicht entsprechend gut. Passend dazu sah er die Olympia-Premiere als Chance. Nicht nur für sich. Sondern auch für seine Sportart.

Moritz Hans macht, zu was er Lust hat

Moritz Hans hatte noch nie viel Verständnis für die Skeptiker unter seinen Kollegen, die bemängeln, dass eine naturnahe Disziplin wie Klettern nicht kompatibel sei mit olympischem Gigantismus, Korruption und Doping. Er dachte stets eher an die Möglichkeiten, die sich bieten – durch die Auftritte auf der größten Bühne des Sports, durch die enorme Präsenz in den Medien, durch die Fördergelder, durch die professionelle Trainingsarbeit. „Mehr Aufmerksamkeit, mehr Hallen, mehr Talente: fürs Klettern ergibt sich eine ganz neue Perspektive“, meint Moritz Hans (24), „wer Olympia ablehnt, kann ja weiter in den Fels gehen und machen, zu was er Lust hat.“ Er selbst tut das auch.

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Vor zwei Jahren hat Moritz Hans Tokio aus den Augen verloren. Die eine oder andere Verletzung und Krankheit störte die Vorbereitung, dazu begann er in Nürtingen ein Studium der Landschaftsarchitektur. Weil er wusste, dass er nur dann eine kleine Chance hat, wenn er voll fokussiert bleibt, hakte der Kletterer die Olympischen Spiele ab. National bestreitet Moritz Hans allerdings weiterhin Wettkämpfe, im Bouldern zählt er sich, wenn er optimal vorbereitet ist, immer noch zu den zehn Besten in Deutschland. Und das Felsklettern fasziniert ihn wie eh und je, irgendwann will er eine Route der Schwierigkeit 9a bewältigen. „In diesem Grenzbereich“, sagt er, „wird die Luft schon dünn.“ Ohne dass man davon leben könnte – weshalb sich auch für einen Freigeist die Frage nach der beruflichen Zukunft stellt.

„Ins Dschungelcamp gehe ich nicht“

Moritz Hans ist ein sympathischer, offener, authentischer Kerl. Er kommt super an, auch beim TV-Publikum. Aktuell läuft bei RTL die fünfte Staffel von „Ninja Warrior Germany“, der Parcoursspezialist war von Beginn an dabei, gehört längst zu den Stars des erfolgreichen Formats. Und er begeisterte auch, als er im Frühjahr den Schritt aufs Tanzparkett wagte. Bei „Let’s Dance“, ebenfalls von RTL produziert, wurde er an der Seite von Profitänzerin Renata Lusin Zweiter. Aus dem Kletterer, der von den Olympischen Spielen träumte, war da längst ein Kletterer geworden, der den Kraftakt zwischen Sport und Show liebt. „Ins Dschungelcamp gehe ich nicht“, sagt Moritz Hans, „aber wenn es ein bestimmtes Niveau hat, würde ich natürlich sehr gerne weitere TV-Formate ausprobieren.“

Noch muss er Jobs als Industriekletterer und Fensterputzer an Hochhäusern annehmen, um über die Runden zu kommen. Doch zugleich merkt Moritz Hans, der bei Instagram 60 800 Follower hat, dass seine Popularität steigt. Das nutzt ihm in Verhandlungen mit Sponsoren und Kooperationspartnern, und parallel versucht er, mit seinem Namen etwas zu bewirken. Gerade erst hat er sich an der Aktion eines Unternehmens beteiligt, das Wassersprudler herstellt. Er rannte, in jeder Hand eine mit sechs Kilogramm Kies befüllte Stofftasche, in 17:47 Minuten drei Kilometer durch Möhringen – um darauf aufmerksam zu machen, dass viel zu viel Plastik produziert wird. „Egal ob in den Bergen oder am Meer“, erklärt Moritz Hans, „das Müllproblem ist enorm.“

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Ziemlich sicher war der Anti-Plastik-Lauf nicht die letzte Kampagne, an der sich Moritz Hans beteiligt hat. Und „Ninja Warrior 5“ nicht die letzte TV-Sendung. Der Kletterer hat seine Route geändert, er hängt mittlerweile nicht mehr nur am Felsen, sondern auch am Rampenlicht. „Ich bin in eine neue Welt eingetaucht“, sagt er, „und diese Reise ist noch nicht zu Ende.“

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