Stuttgart könnte Klimaexperten zufolge aufgrund der Kessellage zur heißesten Stadt Deutschlands werden. Das bestätigt auch der Stadtklimatologe Rainer Kapp. „Man könnte aber genauso gut sagen: Stuttgart bleibt die heißeste Stadt Deutschlands.“ Denn in der Innenstadt schlagen die Hitzesommer bereits heute besonders stark durch. Auf Basis bisher bekannter Prognosen gehe man hier für die Jahre 2030 bis 2060 von einer ungefähren Verdopplung der Hitzebelastung aus, so Kapp. Man rechne für die Innenstadt zukünftig mit bis zu 70 Tagen über 25 Grad Celsius. Laut dem Projekt „Loklim“ der Uni Freiburg könnte die Zahl der Hitzetage (über 30 Grad) bis 2050 von sieben auf immerhin 14 steigen.
Bereits vor zehn Jahren hat die Stadt ein Konzept zur Anpassung an den Klimawandel entwickelt, das nun fortgeschrieben wird. Denn seit 2013 hat sich die Lage drastisch verschärft. Ideen und Ansätze gebe es viele. „Wir haben aber ein Umsetzungsdefizit“, räumt der Stadtklimatologe Kapp ein.
Grundlage ist der Klimafahrplan von McKinsey
Im Kampf gegen den Klimawandel müssen die Kommunen in den kommenden Jahren deutlich mehr investieren als bisher, wie eine aktuelle Studie der staatlichen Förderbank KfW zeigt. Auch hier steht Stuttgart vor größeren Herausforderungen als andere. Stuttgart soll bis 2035 statt bis 2050 treibhausgasneutral sein, so hatte es der Gemeinderat 2022 beschlossen. Grundlage für dieses ambitionierte Ziel ist der Klimafahrplan, den McKinsey mit der Stadt erarbeitet hat. Fragen wirft derzeit der Solarausbau auf. Jürgen Görres, Leiter der Energieabteilung, hatte erklärt, nur 25 Prozent des veranschlagten Potenzials seien bis 2035 realistisch. „Wir geben das Klimaziel nicht auf“, betont dagegen Peter Pätzold, Bürgermeister für Städtebau und Umwelt. Auch wenn es gar nicht so einfach werde, es zu erreichen.
Franz Pöter, Geschäftsführer der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg, hält derart ausgeformte Aussagen für ein „fatales Signal“. Angesichts der hohen Klimaziele hätte die Stadt Erwartungen schüren und nicht dämpfen müssen. Stuttgart und die Region hätten bisher einfach zu wenig getan. Im Ranking des PV-Netzwerks Baden-Württemberg liegt die Region beim Ausbau der Photovoltaik (PV) im ersten Halbjahr 2022 ganz hinten. Stuttgart sticht zudem mit vier Watt Zubau pro Einwohner negativ hervor. Freiburg hat sieben Watt zugebaut, Ulm 13,8.
Pöter räumt ein, dass Großstädte Nachteile hätten. So behindern etwa schwierige Besitzverhältnisse mit Mietern und Eigentümergemeinschaften den PV-Ausbau. Neue Regelungen seien nötig. Im Zuge einer PV-Strategie hatte Klimaminister Robert Habeck (Grüne) Erleichterungen in Mehrfamilienhäusern als zentral benannt; für den 3. Mai ist der zweite PV-Gipfel in Berlin geplant.