Esslingen droht, seine Klimaziele zu verfehlen. Der Klimarat sieht dringenden Handlungsbedarf, besonders im Verkehrssektor. Wie reagiert die Stadt darauf?

Als der Klimarat der Stadt Esslingen im vergangenen Monat einen Bericht zur Klimapolitik vorlegte, blieb es sowohl unter den Stadträten als auch im Rathaus zunächst erstaunlich leise. Dabei hatte es der Bericht in sich. Das Fachgremium konstatierte hinsichtlich des Verkehrssektors: „Mit Blick auf die vergangenen 15 Jahre zeigt sich hier ein deutliches Defizit.“ Und: „Angesichts der Bedeutung dieses Sektors für eine erfolgreiche kommunale Klimastrategie besteht hier dringender Handlungsbedarf.“

 

Inzwischen gibt es Reaktionen: Der Klimarat konkretisierte seine Empfehlungen, und auch das Rathaus bezog Stellung. „Wir sehen vor Ort in Esslingen ebenfalls Handlungsbedarf im Sektor Verkehr“, sagte Katja Walther, Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Klimaschutz der Stadt.

Verkehrszunahme bremst CO2-Reduktion in Esslingen aus

Walther verweist auf eine allgemeine, deutschlandweite Entwicklung. „Beim Sektor Verkehr zeigt sich auf Bundes- wie auf Landesebene seit Jahren eine Stagnation beim CO2-Ausstoß“, so Walther. Hauptgrund sei die Zunahme des Verkehrs – und zwar sowohl des motorisierten individuellen Verkehrs als auch des Güterverkehrs. Zwar gebe es technologische Weiterentwicklungen im Bereich des Fahrzeugantriebs, doch die „fangen diese Zuwächse nicht auf.“ Das wirke sich letztlich auch auf der kommunalen Ebene auf Esslingen aus.

Es gibt jedoch Pläne, trotz dieses Trends die Klimaziele der Stadt zu erreichen. Das Ziel lautet: Bis zum Jahr 2040 will Esslingen klimaneutral sein. Das bedeutet, dass nicht mehr menschengemachte klimaschädliche Emissionen verursacht werden als beispielsweise Wälder und Meere aufnehmen und binden können.

Esslingen droht 35 Prozent CO2 -Überschreitung bis 2040

Besonder stark befahren ist die Kiesstraße inb Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Um diese Klimaneutralität zu erreichen, darf die Stadt Esslingen bis zur Deadline nicht mehr als eine bestimmte Menge an CO2 oder vergleichbaren Treibhausgasen ausstoßen. Dem Klimarat zufolge sind das 5,6 Millionen Tonnen. Wenn aber der gegenwärtige Trend anhält, würde Esslingen nach Berechnungen des Klimarats bei 7,5 Tonnen landen – das wäre eine Überschreitung von rund 35 Prozent.

Um das zu verhindern, verweist Teresa Engel, Leiterin der Stabsstelle Mobilität der Stadt, auf das Klimaschutzkonzept, das es in einer ersten Auflage seit 2010 gibt und das 2022 fortgeschrieben wurde. Einer der Schwerpunkte in diesem Konzept ist der so genannte Modal Split, der Auskunft darüber gibt, mit welchem Verkehrsmittel die alltäglichen Wege zurückgelegt werden.

Esslinger-Plan: Weniger Autofahrten, mehr nachhaltige Mobilität

Zurzeit werden noch doppelt so viele dieser alltäglichen Wege mit dem Auto als zu Fuß zurückgelegt und viermal so viele wie mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr. Das soll sich ändern. Alltägliche Wege sollten künftig weniger mit dem Auto zurückgelegt werden. Ziel ist, „den aktiven Verkehr zu Fuß und mit dem Fahrrad und den öffentlichen Nahverkehr zu fördern“, so die Aussage im Klimaschutzkonzept.

Wie genau das passieren soll, ist allerdings auch drei Jahre nach der zweiten Auflage des Konzepts nicht genau definiert. Es werden aber weitere Konzepte geschrieben. Engel: „So arbeiten wir derzeit an einem Radverkehrskonzept sowie einem Fußverkehrskonzept, das die Bedingungen für den Fuß- und Radverkehr in Esslingen verbessern soll.“ In der grundsätzlichen Planung abgeschlossen und im Gange ist dagegen die Verlängerung der Fahrradstraße in der Hindenburgstraße in Oberesslingen.

Esslingen setzt auf emissionsfreien Nahverkehr bis 2026

Erwähnt wird von Engel auch, dass Esslingen aufgrund der Oberleitungstechnik eine der ersten Städte bundesweit mit einem emissionsfreien Nahverkehr sein werde. „Dank 52 neuen Oberleitungsbussen und einem Ausbau des Netzes um weitere fünf Kilometer kann der gesamte städtische Busverkehr ab Ende 2026 mit 100 Prozent Elektromobilität und damit emissionsfrei betrieben werden.“

Ob und wie weit die vielen Pläne umgesetzt werden und dann tatsächlich dazu führen, dass Esslingen seine Klimaziele erreicht, ist nicht ausgemacht. Völlig in den Sternen steht, wie sich die Klimapolitik deutschland-, europa- und weltweit entwickelt, nachdem die USA aus dem internationalen Klimaschutzabkommen ausgetreten sind. Dieses Abkommen gibt den Rahmen vor, nach dem Nationen, Unternehmen und eben auch Kommunen ihre eigenen Klimaziele definieren.

Esslingen: Klimarat fordert konkrete Maßnahmen für Verkehrswende

Der Klimarat in Esslingen hofft derweil darauf, dass die Konzepte der Stadt irgendwann Gestalt annehmen. „Der Klimarat erhofft sich aus diesen Prozessen konkrete, wirksame Maßnahmen, die zur Einhaltung der Klimaziele beitragen“, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage unserer Zeitung. Er wird auch konkret und nennt „die Verbesserung der Taktung und Linienführung des ÖPNV, den Aufbau eines attraktiven und durchgängigen Radwegenetzes oder eine städtebaulich eingebettete Reduktion des Stellplatzschlüssels“ als „klar erkannte Handlungsfelder“.

Bei alledem gibt es beim Klimarat aber auch ein Aber: „Damit diese Transformation gelingt, braucht es aber nicht nur die richtigen Konzepte, sondern auch den politischen Willen und die Mehrheiten in den entscheidenden Gremien.“

Klimapolitik in Esslingen

Klimaprüfung bei Projekten
Ob ein Neubau geplant ist, eine Schulsanierung oder die Umgestaltung eines Straßenzuges: Künftig will die Esslinger Stadtverwaltung bei allen Vorhaben prüfen, ob sie Auswirkungen auf das Klima haben. Vorerst passiert das allerdings nur testweise.

Fahrradplätze
Wie dick das zu bohrende Brett in der Verkehrspolitik ist, zeigt ein Beispiel von der Burg: Auf Antrag der Ratsfraktion von FDP und Volt suchte die Verwaltung nach Fahrradstellplätzen auf dem Burggelände. Acht Plätze wurden gefunden. Nicht besonders viel, wenn man bedenkt, dass das Burggelände regelmäßig für Veranstaltungen genutzt wird, zu denen bis zu 3000 Besucher kommen.