Klimaanpassung in Stuttgart Schwarzer Asphalt trotz immer heißerer Sommer?

Bäume sind an dieser Kreuzung in Stuttgart-Gaisburg geplant, momentan sieht man vor allem viel dunklen Beton. Foto: privat

Wegen Hitze und Starkregen aufgrund des Klimawandels will die Stadt Stuttgart die Anpassung bei Bauprojekten stets mitdenken – durch Bäume, begrünte Fassaden oder Sickerpflaster. Doch manchmal scheitern die Vorsätze, zeigt ein Beispiel.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Sickerpflaster als Regenwasserspeicher, Bäume als Schattenspender, begrünte Hausfassaden als Kühlung – all dies gehört zu den Ideen der Stadt, um sich auf eine Zukunft vorzubereiten, die heißer wird und in der Starkregen zunehmen werden. Ziel: das Wasser eines heftigen Wolkenbruchs nicht mehr durch die Kanalisation abrauschen zu lassen, sondern möglichst an Ort und Stelle zu halten. Weil es dort Pflanzen versorgt und die Quartiere abkühlt, wenn sengende Hitze regiert. Gemeint ist die sogenannte Schwammstadt.

 

Die Anpassung ans Klima der Zukunft soll bei allen Bauprojekten mitgedacht werden, sagte Jürgen Mutz, Leiter des städtischen Tiefbauamts, vor Kurzem im Gespräch mit unserer Redaktion. Wenn Katja Schöller bei sich aus dem Fenster guckt, gewinnt sie einen anderen Eindruck.

Extremwetter von Befragten als Risiko eingeschätzt

Die 44-jährige Architektin und Stadtplanerin wohnt in Gaisburg in Stuttgart-Ost an der Kreuzung Schurwald-/Hornbergstraße. Die Stadt hat da gerade umgebaut. Doch von Klimaanpassung kann Schöller hier beim besten Willen nichts erkennen. Zu sehen zurzeit: vor allem dunkler Asphalt und ein paar kärgliche, noch baumlose Baumbeete. In der Nachbarschaft sei man doch „sehr verwundert“, sagt sie. „Hier wurde längerfristig die Chance vertan, in einem dicht bebauten Innenstadtbereich den Bewohnern einen lebenswerten und lebensgesunden Raum zu schaffen.“

Dass es das dringend braucht, vor allem in den Sommern der Zukunft, ist kein Exklusivwissen weniger mehr, wie Haushaltsbefragungen in Stuttgart im Rahmen von zwei Forschungsprojekten der Uni Stuttgart zeigen. Etwa die Hälfte der Teilnehmer schätzt die Risiken durch Extremwetter infolge des Klimawandels als hoch ein, fasst die Wissenschaftlerin Franziska Göttsche zusammen. Knapp 80 Prozent gehen davon aus, dass das Risiko in der Zukunft noch größer sein wird. „In Summe konnten wir feststellen: Der Klimawandel wird von den Befragten in Stuttgart spürbarer wahrgenommen“, sagt sie.

Das sagt die Stadt Stuttgart zu der Kreuzung in Gaisburg

Bereits heute seien die Sommer im Gaisburger Quartier ein Problem, weil sich die dicht bebaute Gegend ordentlich aufheize und sich kaum abkühle. Und wenn es stark regne, fließe ein kleiner Sturzbach die Straße hinab. Als die Anwohner in Gaisburg merkten, dass bei der Umgestaltung etwas schiefläuft, hätten sie Gegenvorschläge gemacht, berichtet Katja Schöller. Doch zu spät.

Nach Auskunft der Stadt sei die Planung 2018 erstellt und 2019 abgeschlossen worden. „Aufgrund von Kapazitätsengpässen in der Bauausführung konnte die Maßnahme allerdings erst jetzt umgesetzt werden“, teilt die Pressestelle mit. „Eine erneute Überprüfung der Planung im Hinblick auf unsere neuen Planungsgrundsätze hätte die Maßnahme weiter verzögert.“

Gut an der neu gestalteten Kreuzung sei übrigens: „Der aufgeweitete Kreuzungsbereich ist in allen zuführenden Straßen verengt, und an den Querungsstellen wurden die Bordsteine auf drei Zentimeter abgesenkt, sodass Fußgänger einfacher und sicherer die Straßen queren können.“ Zudem würden ja noch Bäume gepflanzt sowie Fahrradbügel und Sitzwürfel installiert. „Bisher erreichen uns überwiegend positive Rückmeldungen der Anwohner“, heißt es von der Stadt Stuttgart.

Wie die Menschen für Folgen des Klimawandels vorsorgen

Ein weiteres Ergebnis der Befragungen der Uni Stuttgart unter zufällig ausgewählten Bürgern: dass die meisten Leute bereits selbst Maßnahmen ergreifen, um sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Dann, wenn sie kostengünstig und eher einfach umsetzbar sind, wie beispielsweise mehr trinken, Schatten suchen, nachts lüften oder in der Früh joggen statt zur Mittagsstunde.

Bei Kostenintensiverem wie Fassadengrün, Verschattungsmaßnahmen oder einer Hausratversicherung seien die Menschen eher zurückhaltend, so Göttsche. Derweil sehen 90 Prozent der Befragten die Stadt in der Pflicht, Vorsorge gegen Extremwetter prioritärer in der Stadtentwicklung zu berücksichtigen. Wichtig sei, sagt Göttsche, „dass es nicht bei einem Management von Einzelereignissen bleibt, es braucht einen tiefer gehenden Strukturwandel – auch im Sinne der Sicherung einer hohen Lebensqualität“.

Weitere Themen