Fridays for Future in Konstanz Klimacamp bleibt nach Angriff – was die jungen Menschen bewegt

Im Schatten des Münsters haben die Konstanzer Klimakämpfer ihre Zelte aufgeschlagen. Foto: Pfeiffer Photodesign

Seit Anfang August zelten die Aktivisten von Fridays for Future vor dem Münster in Konstanz. Auch ein Feuerangriff auf ihre Zelte bringt sie nicht von ihrem Protest ab.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Konstanz - Ist das auch schon Klimawandel? In der Nacht hat es gestürmt und die Zeltplane des Lagercafés fortgeblasen. Unruhig seien die Nächte hier, sagt Frida Mühlhoff und blickt an diesem Tag Mitte August zum mächtigen Turm des Konstanzer Münsters hinauf. Im Pfalzgarten, einem kleinen Platz zwischen Basilika und katholischem Dekanat, haben die Aktivisten von Fridays for Future (FFF) ihr Klimacamp aufgebaut. Die Glocken auf dem Turm des Münsters läuten auch nachts. „Also, ich wach da regelmäßig auf“, sagt die 17-jährige Schülerin.

 

Von einem Angriff lassen sie sich nicht unterkriegen

In der Nacht von Sonntag auf Montag wurden die Aktivisten jedoch von etwas anderem geweckt: den lauten Stimmen von zwei oder drei Männern. Diese hatten wohl versucht, Zelte anzuzünden. „Wir waren zu dritt und wussten nicht, wie aggressiv sie sind, deshalb haben wir sie nicht konfrontiert“, sagte die Aktivistin Isolde Trampedach später dem „Südkurier“. Nach dem Angriff hätten die Camper festgestellt, dass ein Banner teilweise abgebrannt war und auch einige Zelte Brandspuren trugen. Die Kriminalpolizei Rottweil hat inzwischen Ermittlungen wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung eingeleitet. Sie schließt einen politischen Hintergrund nicht aus. FFF richtet sich auf Facebook an die Täter: „Wir lassen uns von euch nicht verjagen!“

Tage zuvor ist das Lager noch mit Absperrbändern und Paletten gesichert und wirkt mit seinem Tor und den daran angebrachten Fähnchen wie ein kleines Fort. Fünf Iglu-Zelte, ein Materialzelt und ein Verhau für die Küche gruppieren sich rund um eine zwölf Meter hohe Marienstatue. Dort hat Inga Sandhofe, eine 26-jährige Psychologiestudentin, gerade Nudeln mit Tomatensoße gekocht. Die werden jetzt zwischen den Stangen des ehemaligen Lagercafés verspeist. „Guten Appetit“, sagt ein Handwerker, der draußen vorübergeht.

Klo bei der Kirche, Wasser vom Döner

Vor zweieinhalb Jahren hat der Konstanzer Gemeinderat als erster in Deutschland den Klimanotstand ausgerufen. Seither zählt die 85 000-Einwohner-Stadt am Bodensee zur Klimaschutz-Avantgarde. Doch die Jugendlichen sind unzufrieden mit dem, was bisher erreicht wurde. „Ich finde nicht, dass es in Konstanz gut läuft“, sagt Frida. Nicht einmal den Stephansplatz, den letzten großen Parkplatz innerhalb der historischen Stadtmauer, habe man autofrei bekommen.

Mit dem Camp will FFF den Druck nun erhöhen, damit endlich alle aufwachen. „Wir bleiben hier, bis die Politik angemessen reagiert“, heißt es im Aufruf. Die Jugendlichen haben sich auf einen längeren Aufenthalt eingestellt. Strom fürs Handy kommt von einer zwei Quadratmeter großen Fotovoltaikanlage. Die katholische Kirchengemeinde stellt ihre Toiletten zur Verfügung. Wasser holen die Jugendlichen um die Ecke beim Kervan-Imbiss, der den besten veganen Döner der Stadt verkauft.

Der OB gibt zu: Wir sind zu langsam

Das Camp entfacht Diskussionen auf offener Straße. Er sei froh, dass sich die Jugendlichen engagieren, sagt der 67-jährige Bernd Dankert. Das sei auch dringend nötig. Doch dann kommt eine Frau und fällt ihm ins Wort. „Warum gehen die nicht in den Regenwald und retten Bäume? Das wäre viel wichtiger“, sagt die 59-Jährige, die nur ihren Vornamen – Michaela – nennt.

Es ist nicht so, dass die Ausrufung des Klimanotstands in Konstanz keine Folgen gezeitigt hätte. Wenige Meter vom Camp entfernt hat die Stadt eine Art Bauwagen aufgestellt und informiert über den „Stadtwandel“. So heißt das Konzept, mit dem Konstanz bis zum Jahr 2035 unter wissenschaftlicher Begleitung klimaneutral werden möchte. Energieversorgung, Mobilität und Wohnen sollen auf eine neue Grundlage gestellt werden. „Es geht hier um einen Prozess, der die Stadtgesellschaft verändert. Dabei müssen wir die Menschen mitnehmen“, sagt der Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU). Er räumt allerdings ein, dass es in Konstanz und auf den übergeordneten Ebenen immer noch zu langsam vorangehe. Dennoch habe man einiges erreicht.

Vorwärts in die falsche Richtung

Doch jetzt planen die Stadtwerke eine zweite Gaspipeline aus Richtung der Schweiz. Neue Parkhäuser sind geplant. Und sogar die Bundesstraße über den Bodanrück wird nach Jahrzehnten des Stillstands vierspurig ausgebaut. „Das geht alles in die falsche Richtung“, sagt Frida Mühlhoff.

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Auf einem Whiteboard im Küchenverschlag lässt sich ablesen, wer wann im Camp Dienst hat. Zwei Leute müssen rund um die Uhr da sein, damit man als Kundgebung gilt. Anders als die Großdemos funktioniere das auch unter Pandemiebedingungen, sagt Inga. Am Eingang stehen auf einer Tafel die Coronaregeln. Es gilt Maskenpflicht. Wer länger bleiben will, muss geimpft, getestet oder genesen sein. „Das hätten wir uns ja damals nicht bieten lassen“, sagt eine Passantin, die sich nicht nur als Coronaskeptikerin, sondern auch als die ehemalige Stuttgarter Bundestagsabgeordnete der Linken, Annette Groth, entpuppt.

Schwerer Stand für den CDU-Mann

Am Pfalzgarten ist auch das Wahlkreisbüro von Andreas Jung. Der Konstanzer Abgeordnete und Vizechef der CDU-Bundestagsfraktion gilt als wichtigster Umweltpolitiker der Union. Er handelte den Kompromiss bei der CO2-Bepreisung aus. Mit FFF stehe er im regelmäßigen Kontakt, sagt Jung. Im Camp hat er schon vorbeigeschaut. Einen leichten Stand hat er nicht. Er sei zugänglich, letztlich habe er aber auch für den viel zu späten Kohleausstieg gestimmt, sagt Frida Mühlhoff. Geht es nach FFF, sitzt Jung demnächst bestenfalls in der Opposition.

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Klimacamps im Land

Kohlekraftwerk
Schon seit Mai campen Klimaschützer vor dem Karlsruher Schloss. Dort ist das große Thema die Erneuerung der Betriebsgenehmigung für ein Kohlekraftwerk im Rheinhafen.

Bürgerbegehren
Bereits im vergangenen Jahr hatten Ulmer Aktivisten auf dem dortigen Marktplatz ein Klimacamp eingerichtet. Es dauerte 54 Tage, dann wurde es im Hinblick auf die Pandemie abgebaut. Dort wird jetzt ein Bürgerbegehren vorbereitet. Die Forderung: bis 2030 soll Neu-Ulm klimaneutral sein.

Sommerpause
Auch im Stuttgarter Stadtgarten gab es Ende Juli bereits ein Klimacamp. Es dauerte drei Tage. Länger haben es die Aktivisten vor dem Reutlinger Rathaus ausgehalten. Dort lief das Camp seit dem 21. Mai. Gegenwärtig ist Sommerpause.

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