Klimadaten für Baden-Württemberg Wo es besonders oft heiß wird

Hitzetage kommen schon heute entlang des Rheins besonders häufig vor (Symbolbild). Foto: imago / /Olaf Döring

Der Klimawandel macht Hitzetage mit mehr als 30 Grad immer häufiger – auch in Baden-Württemberg. Wo ächzen die Menschen am meisten unter Hitze? Und wie sieht es in Zukunft aus?

Digital Desk: Simon Koenigsdorff (sko)

Die zweite Hitzewelle des Sommers 2022 bringt drückende Hitze, brennende Sonne und kaum nächtliche Erholung. Baden-Württemberg ist auch diesmal stark betroffen. Kein Wunder, schließlich liegen im Südwesten einige der Gegenden mit den bundesweit meisten Hitzetagen, an denen die Temperatur auf 30 Grad oder höher steigt. Das zeigen Klimadaten einer gemeinsamen Kooperation von Correctiv Lokal, Zeit Online sowie unserer Zeitung.

 

Heiße Tage sind infolge der Klimakrise zwar in ganz Deutschland häufiger geworden. Doch in Baden-Württemberg entwickeln sich die Hitzedaten vieler Landkreise auffällig. Die Stadtkreise Karlsruhe und Mannheim sind mit im Mittel 19 Hitzetagen pro Jahr mit Abstand am stärksten belastet – der Wert bezieht sich auf den langjährigen Durchschnitt von 1991 bis 2020. Bundesweit wurden im selben Zeitraum nur rund halb so viele Hitzetage pro Jahr gezählt. Karlsruhe zählte 2003 mit 44 heißen Tagen im „Jahrhundertsommer“ fast einen deutschlandweiten Höchstwert. Mehr Hitze gab es nur 2018 in Darmstadt mit 45 Hitzetagen.

Durchschnittswerte helfen, den Trend und die Stärke der heißer werdenden Sommer einzuschätzen. Betrachtet man die Werte einzelner Jahre, so zeigen sich deutliche Ausreißer wie 2003 und 2018. Mehr noch: Ausreißer-Jahre mit mehr als 20 Hitzetagen kommen fast ausschließlich in den vergangenen zwanzig Jahren vor, wie das folgende Schaubild zeigt.

Rheingraben besonders betroffen

Großstädte und der badische Landesteil sind besonders betroffen. Das hat zwei Gründe: Zum einen kühlen Städte aufgrund des sogenannten „Hitzeinseleffekts“ im Sommer nachts weniger ab. Der Landkreis Karlsruhe beispielsweise kommt im Schnitt auf zwei Hitzetage weniger als der Stadtkreis. Der zweite Grund ist die Geografie: In der Rheinebene wird es besonders heiß. In Baden-Württemberg zählten Karlsruhe und Mannheim zwischen 1961 und 1990 bereits durchschnittlich elf Hitzetagen pro Jahr – sie waren schon früher die heißesten Gegenden im Land.

In Stuttgart ist es mittlerweile ähnlich oft heiß wie bis 1990 in der Rheinebene. Früher waren in der Landeshauptstadt sechs Hitzetage pro Jahr üblich, mittlerweile sind es 13 – mehr als der Bundesschnitt (10). Im höher und damit kühler gelegenen Kreis Göppingen stieg die Zahl dagegen nur von vier auf neun Hitzetage.

Nach Ansicht der allermeisten Wissenschaftler ist die Klimakrise der Haupttreiber einer häufiger und stärker werdenden sowie länger andauernden Sommerhitze. Jede Hitzewelle, die heute entstehe, werde durch die Klimakrise wahrscheinlicher und stärker, betont zum Beispiel die Klimawissenschaftlerin Friederike Otto vom Imperial College London.

Diese Kreise heizen sich am stärksten auf

Das Tempo, mit dem die Sommer heißer werden, unterscheidet sich von Kreis zu Kreis. Während sich die Hitzetage in vielen wärmeren Kreisen höchstens verdoppelt haben, sind sie in höheren Lagen deutlich stärker angestiegen.

Den bundesweit stärksten Anstieg verzeichnet der Schwarzwald-Baar-Kreis: Dort haben sich die durchschnittlichen heißen Tage von einem auf sechs vervielfacht, gleichauf mit Kempten im Allgäu. Zwar steigt die Temperatur dort immer noch recht selten über 30 Grad. Doch das Beispiel zeigt, wovor Klimaforscher schon lange warnen: Bergregionen erwärmen sich schneller als der Rest der Erde. In Baden-Württemberg wird dort die 30-Grad-Marke deutlich häufiger überschritten als früher.

2022 liegt die Zahl der Hitzetage bereits weit über den Durchschnittswerten der Referenzperioden seit 1961, wie die Daten unseres Projekts Klimazentrale zeigen. Der Trend geht zu noch mehr heißen Tagen. Modelle des Helmholtz-Klimaforschungszentrums Gerics für einzelne Landkreise zeigen, dass Mitte des Jahrhunderts in Mannheim bereits 21 bis 25 Hitzetage pro Jahr normal sein werden, in Karlsruhe 24 bis 28 – sofern die Klimaerwärmung nicht massiv gebremst wird.

Klimaschutz vermeidet noch mehr Hitze

Hitze ist eine viel tödlichere Naturgefahr als Stürme oder Starkregen, gefährdet sind besonders ältere und kranke Menschen. Jedes Jahr sterben laut dem Statistischen Landesamt allein in Baden-Württemberg hitzebedingt mehr als 1000 Menschen. Dennoch sei Deutschland „für den Katastrophenfall durch mögliche große Hitzewellen nicht gerüstet“, mahnte vergangene Woche Martin Herrmann, der Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, in einer Pressekonferenz. Hitzeaktionspläne wie etwa in Mannheim gebe es nur in wenigen Kommunen.

Infoflyer für Städte, Kliniken und Pflegeheime, mehr kühle Orte und Trinkwasserspender sollten laut Herrmanns Kollegin Jelka Wickham nicht über die wichtigste Gegenmaßnahme hinwegtäuschen, die Schlimmeres verhindern kann: Den langfristigen Klimaschutz, das Ende klimaschädlicher Emissionen. „Wenn wir effektiven Klimaschutz betreiben, vermeiden wir, dass wir uns noch stärker an Hitze anpassen müssen“, sagte Wickham vergangene Woche.

Zu den Daten

Kooperation
Diese Recherche auf Basis von Daten des Deutschen Wetterdienstes ist Teil einer Kooperation von ZEIT ONLINE, Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten sowie CORRECTIV.Lokal. Das Netzwerk recherchiert zu verschiedenen Themen und berichtet unter correctiv.org/klima langfristig über die Klimakrise. Weitere Infos zu Hitze in Deutschland: zeit.de/hitzetote

Klimazentrale
Ist das Wetter an Ihrem Ort heute normal? Wie stark fällt die aktuelle Hitzewelle vor Ihrer Haustür aus? Die Klimazentrale von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten zeigt Ihnen tagesaktuelle Wetter- und Klimadaten im historischen Vergleich – für knapp 600 Postleitzahlgebiete in und um Stuttgart. Zu den Daten.

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