Klimaforscher über die Probleme des Wintersports Reto Knutti: „Der Klimawandel ist kein Hirngespinst“

Ski-Weltcup in Adelboden – diese Bilder wird es in Zukunft noch öfter geben. Foto: IMAGO/Pius Koller/IMAGO/Pius Koller

Der weltweit anerkannte Klimaforscher aus der Schweiz zeigt die Nöte des Wintersports in Zeiten der globalen Erwärmung auf – und stellt die Sinnfrage.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Die Wintersport-Saison neigt sich dem Ende zu. Sie wird nicht nur wegen der vielen Weltmeisterschaften und der neuen Ski-Ikone Mikaela Shiffrin in Erinnerung bleiben. Sondern auch, weil der Winter lange keiner war. Laut Klimaforscher Reto Knutti wird sich daran nichts mehr ändern: „Es gibt einen klaren Trend zu weniger Schnee.“

 

Herr Knutti, über Weihnachten war es fast überall grün, und auch jetzt liegt vielerorts historisch wenig Schnee. Was sagt das über die Klimakrise aus?

Auf den ersten Blick nichts.

Nichts?

Das eine ist das Wetter, das andere der langfristige Klimawandel. Ein warmer Winter beweist nicht den Klimawandel, ein bisschen Schnee im Tal widerlegt ihn nicht.

Welche Zeiträume zählen dann?

Wenn wir die letzten 50 bis 100 Jahre anschauen, gibt es als Folge des Klimawandels einen klaren Trend zu höheren Temperaturen – in Mitteleuropa beträgt die Erwärmung rund zwei Grad. Und es gibt einen klaren Trend zu weniger Schnee, insbesondere in tiefen Lagen.

Was bedeutet das für den Wintersport?

Die Schneefallgrenze ist um etwa 400 Meter angestiegen. Meine Mutter ist noch auf 600 oder 700 Meter Meereshöhe Ski gefahren, heute ist alles unter 1000 Metern praktisch hoffnungslos geworden.

Wie wird die Zukunft aussehen?

Wir gehen im besten Fall, also mit Klimaschutzmaßnahmen, von einem weiteren Anstieg der Schneefallgrenze um 400 Meter aus. Wenn wir nichts tun, dann sprechen wir bis zum Ende dieses Jahrhunderts von 800 Metern. Das wäre ein extremes Szenario. In den Alpen gäbe es dann nur noch wenige schneesichere Gebiete.

Das heißt: Wettkampfsport im Winter würde dann, wie im Dezember und Januar, vor allem auf weißen Bändern stattfinden, die auf grünen Wiesen liegen?

In tiefen Lagen auf jeden Fall. Wir haben bisher ja nur über die natürliche Schneebedeckung gesprochen – sie wird unterhalb von 2000 Metern nochmals um 50 Prozent abnehmen. Wettkampfsport wäre schon heute ohne Kunstschnee nicht mehr möglich.

Und der Freizeit-Skisport?

Auch nicht. In der Schweiz ist rund die Hälfte der Pistenkilometer künstlich beschneit, in Österreich sind es 70 Prozent. Kunstschnee ist zum Standard geworden.

Was sagt der Skifahrer Knutti dazu?

Ich bin im Wintersportort Gstaad aufgewachsen, mein Vater ist Skilehrer. Der Wintertourismus ist ein großer Erwerbszweig für viele Regionen. Dass man dies nicht leichtfertig aufgibt, ist völlig klar – weder von den Leuten, die Ski fahren wollen, noch von denen, die davon leben. Die Schweiz ist nicht reich, weil der Käse so gut ist.

Und was sagt der Klimaexperte Knutti?

Kunstschnee hinterlässt natürlich einen ökologischen Fußabdruck, vor allem bezüglich Strom und Wasser, das allerdings nicht verloren geht, sondern am Ende des Winters wieder in den natürlichen Kreislauf zurückfließt. Wenn man also die nötige Energie umweltverträglich produziert, finde ich diese Art des Skifahrens nicht problematischer als andere Formen der Freizeitbeschäftigung. Muss man ein Hallenbad haben und heizen? Es ist alles eine Frage der Abwägung. Mich bewegt ein anderes Thema.

Welches?

Wie lange ist es noch sinnvoll, die Infrastruktur für den Wintersport weiter auszubauen?

Wie ist die Antwort?

Es gibt zwei Aspekte. Zum einen macht die Abnahme der Schneesicherheit alles extrem schwierig. Die Winter fangen später an und hören auch früher auf. Ich habe noch sehr selten grüne Weihnachten auf 2000 Metern erlebt, diesmal haben wir dort oben Würste gegrillt. Wenn es so warm ist, kann man auch mit künstlicher Beschneiung nichts mehr ausrichten. Das haben viele Leute noch nicht kapiert: Bei zehn Grad kann man keinen Kunstschnee produzieren. Und Niederfall ist dann kein Schnee, sondern Regen.

Dazu kommt: Kunstschnee ist teuer.

Stimmt. Ein Kilometer Kunstschnee-Piste kostet rund eine Million Euro.

Was ist der zweite Aspekt?

Die Zahl der Menschen, die Ski fahren, nimmt ab – auch weil es sehr teuer geworden ist. Wenn weniger Leute kommen und weniger Schnee fällt, wird das dazu führen, dass sich Investitionen in Skigebiete einfach nicht mehr lohnen.

Welche Folgen hat das für den Wettkampfsport?

Wenn man unbedingt will, geht alles auch weiterhin, vor allem in den höheren Lagen. Doch der Aufwand wird sehr, sehr groß – letztlich ist es also eine wirtschaftliche Frage. Am Lauberhorn in Wengen braucht es nur ein paar kalte Tage, um auf einer grünen Wiese die längste Abfahrt des Winters zu modellieren. Aber dafür wird eine Unmenge an Schneekanonen und Energie benötigt.

Und manchmal auch Hubschrauber, die Schnee aus Depots heranfliegen, oder Laster, die ihn herankarren. Also ist es zugleich auch eine ökologische Frage.

Richtig. Möglich ist technisch vieles. Sinnvoll ist sicher nicht alles.

Was kann der Wintersport machen?

Möglichst hoch hinaufgehen. Und die Saison auf die Monate komprimieren, in denen es kälter und die Chance auf Schnee höher ist. Eine Abfahrt im Oktober am Matterhorn ist nicht wirklich eine gute Idee.

Es bestehen Überlegungen beim IOC, Olympische Spiele künftig auf drei, vier Orte zu beschränken, in denen es noch echte Winter gibt.

Das ist ein sehr guter Vorschlag, natürlich nicht nur aus klimatischer Sicht. Sondern auch, was die Nutzung vorhandener Sportstätten und der Infrastruktur angeht. Aber es widerspricht etwas dem olympischen Gedanken, Menschen von überall zu verbinden.

Von Ihnen stammt der Satz, die Menschheit führe einen Abnutzungskampf gegen die Natur. Wer wird verlieren?

Wenn es uns gelingt, den Klimawandel zu begrenzen, können wir vielleicht gerade noch mal Frieden schließen. Wenn wir den Kampf aber weiterführen, ist es klar, dass die Natur am Ende gewinnen wird. Mit der Physik kann man nicht verhandeln. Wenn es warm ist, dann schmilzt der Schnee. Punkt.

Was muss getan werden?

Es gibt zwei Dinge, die wir gleichzeitig anpacken müssen: erstens den Verzicht auf fossile Brennstoffe – weg von Öl und Gas und Kohle, hin zu erneuerbaren Energien, zu Elektromobilität, zu weniger Fliegen. Das ist die einzige Möglichkeit, um den Klimawandel zu begrenzen. Und zweitens die Anpassung an die Risiken, die sich nicht mehr vermeiden lassen. Wir haben heute schon zwei Grad Erwärmung im Alpenraum, ein weiteres Grad – vielleicht auch zwei – wird kaum zu verhindern sein.

Was bedeutet Anpassung?

Hochwasser, Felsstürze im Permafrost, Hangstabilität, Lawinen – es gibt ganz viele Naturgefahren, die durch den Klimawandel erhöht werden. Diesen Risiken muss man entgegenwirken. Da sind wir derzeit besser unterwegs als bei der Reduzierung von CO2-Emissionen.

Welche Rolle spielt beim Thema Klimawandel der Wintersport?

Er ist ziemlich irrelevant.

Gibt es ein Aber?

Ich habe an Neujahr in den sozialen Medien ein Bild aus meiner Heimat gepostet, mit einem weißen Schneeband auf grüner Wiese. Es hat eine Million Menschen erreicht. Einige haben zu Recht geschrieben, das wäre ein Luxusproblem. Und das stimmt natürlich absolut: Einerseits müssen wir nicht Ski fahren. Und andererseits sind die Auswirkungen des Klimawandels an anderen Orten wesentlich dramatischer und lebensbedrohlich.

Trotzdem ist der Wintersport eine Art Symbol.

Absolut. Wintersport in einer weitgehend schneelosen Landschaft und die schmelzenden Gletscher gehören zu den sichtbarsten Auswirkungen der Klimakrise. Sie zeigen uns auf emotionale Art und Weise, dass der Klimawandel kein Hirngespinst ist, sondern die Realität. Hier und jetzt.

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